Streetart: Kunst der Straße

An dem Namen Bansky kommt heutzutage keiner mehr vorbei. Mit seinen Graffitis an Mauern und Häuserwänden hat der britische Künstler der Streetart zum Durchbruch verholfen. Zurzeit erlebt die Szene ihre Blütezeit, vor allem in Metropolen wie Berlin, London und Los Angeles. Doch, wie ist Streetart überhaupt entstanden? Was charakterisiert sie? Und wie ist es eigentlich um die Dortmunder Szene bestellt?

Streetart-Künstler Mark Gmehling und Galerie-Besitzerin Daniela Bekemeier: "Was Streetart betrifft, hat Dortmund Potenzial."

Streetart-Künstler Mark Gmehling und Galerie-Besitzerin Daniela Bekemeier sehen viel Potenzial in der Dortmunder Streetart-Szene. Foto: Cathérine Wenk

Sadam Hussein, Charles Darwin und Queen Elisabeth blicken von den Wänden auf den Besucher herab. In grellen Farben sind die Konterfeis der Personen auf Holz gesprüht, untertitelt mit „Who’s bad“ oder „Eat the rich“, angelehnt an bekannte Songtitel. Die Werke stammen von dem Berliner Streetart-Künstler EMESS, der schon lange eine feste Größe in der Szene ist und dessen Arbeiten mittlerweile auch auf dem etablierten Kunstmarkt gehandelt werden. Ausgewählte Bilder von EMESS gibt es zurzeit in Dortmund zu sehen. Die „44309 street/ art gallery“ zeigt sie noch bis zum 8. Mai.

„Unsere Galerie muss sich erst noch richtig etablieren.“

Im vergangenen August hat die Galerie mit der Postleitzahl im Namen in Dortmund eröffnet. Sie widmet sich der Urbanen Kunst und liegt ein wenig versteckt im Gnadenort, einer kleinen Straße im Brückviertel. Zunächst sei die Idee gewesen, aus dem Raum ein Büro zu machen für die Leute, die im Streetart- Bereich arbeiten, erzählt Daniela „Dani“ Bekemeier. Sie betreibt die Galerie mit ihrem Mann Olaf Ginzel. Letztlich entschlossen sie sich dann aber für die Gründung einer Galerie. Beide sind schon lange über den Freundes- und Bekanntenkreis mit der Streetart-Szene verbunden. In der kurzen Zeit haben sie sich mit ihrer Galerie bereits einen Namen gemacht. „Allerdings ist das Ganze zurzeit eher ein Projekt. Das soll sich aber weiter festigen“, erklärt Dani. „Unsere Galerie muss sich erst noch richtig etablieren.“

Beim Kacheln werden u.a. kleinformatige Bilder auf große Flächen geklebt, wie hier in der Nähe des Westparks.

Beim Kacheln werden u.a. kleinformatige Bilder auf große Flächen geklebt, wie hier in der Nähe des Westparks. Foto: Cathérine Wenk

Dass dies noch nicht geschehen ist, hängt vor allem mit dem derzeitigen Stand der Dortmunder Streetart-Szene zusammen. „Streetart ist in Dortmund zwar angekommen, es gibt aber bisher noch keine zusammengeschlossene Szene, keine Community, wie in Berlin und London“, erklärt Mark Gmehling. Der Dortmunder ist Streetart-Künstler und arbeitet zudem viel mit digitalen Medien. Ab dem 18. Juni wird er mit einigen seiner Arbeiten in der „44309 street/ art gallery“ zu sehen sein. Gmehlings Anfänge mit der Straßenkunst gehen bis in die achtziger Jahre zurück. Damals fing er an, in Dortmund Graffitis zu sprühen – illegal natürlich. „Da war Dortmund noch eine richtige Hochburg der Graffiti-Szene“, erzählt Gmehling. Künstler wie Masone, Shark und Chintz sorgten mit ihrer gesprühten Kunst für internationales Aufsehen. Auch Gmehling wurde mit der Zeit zum festen Bestandteil der Szene.

Graffiti: Die Mutter der Streetart

Auch Stricken gehört zur Streetart: Beim "Urban Knitting" werden u.a. Pfosten eingestrickt, wie hier an der Dortmunder Kampstraße. Hier ist die Streetart sogar von der Stadt offiziell genehmigt.

Auch Stricken gehört zur Streetart: Beim "Urban Knitting" werden u.a. Pfosten eingestrickt, wie hier an der Dortmunder Kampstraße. Da ist die Streetart sogar von der Stadt offiziell genehmigt. Foto: Cathérine Wenk

Graffiti und Streetart das hängt für Gmehling zusammen: „Streetart hat sich aus Graffiti entwickelt und ist praktisch die Tochter davon. Bei beiden geht es um die Inanspruchnahme von öffentlichem Raum und damit um die Frage, wem denn nun eigentlich der Bügersteig oder die Hauswand gehört. Dem Staat oder uns Bürgern?“
Trotz dieser Gemeinsamkeit gibt es in der Graffiti- und der Streetart-Szene Unterschiede, und die beziehen sich vor allem auf die Machart der Kunstwerke. Graffiti wird mit der Farbdose gesprüht, zur Streetart gehört ein weites Feld von Ausdrucksformen: Es wird getapt, gekachelt, gestrickt und auch gesprüht, allerdings, im Unterschied zum Graffiti, häufig mithilfe von Schablonen. Während beim Tapen mit mit Klebebändern Formationen und Figuren entstehen, werden beim Stricken, auch „Urban Knitting“ genannt,  Ampel-, Laternen oder andere Pfosten mit Wollmustern umhüllt. Kacheln bezeichnet kleinformatige Bilder, die entweder direkt auf die Kacheln gemalt oder auf große Fläche geklebt werden. „Auch Sticker kleben, Installationen und andere Medien, wie Bauschaum oder Styropor gehören zur Streetart. Flash-Mobs kann man genauso dazuzählen, wie Urban Gardening“, erklärt Gmehling. Bei letzterem werden Blumen wild gepflanzt oder auch ganze Beet angelegt.

„Streetart in Dortmund ist noch am Anfang“, beurteilt Gmehling die akutelle Situation der Szene. „Vereinzelt lassen sich zum Beispiel schon Schablonen-Graffitis und Kacheln finden.“ Galeristin Dani sieht das ähnlich und ist zuversichtlich: „Die Stadt hat auf jeden Fall Potential“. Potential, dass sie mit ihrer Galerie nutzen möchte: „Wir überlegen, hier auch Workshops zu veranstalten und ab und zu wollen wir künstlerische Filme in der Galerie zeigen“, berichtet sie. Seit dem 30.April läuft zudem die neue Ausstellung in der „44309 street/ art gallery“. Sie zeigt Werke von Stefanie Levers, einer Bochumer Grafikerin und Illustratorin.

Die Gefahr des Kommerziellen

"Dortmunds Nordstadt" steht an der langen Wand gegenüber des Nordmarkts. Auch wenn Streetart zurzeit boomt, die Graffiti-Szene in Dortmund ist immer noch aktiv.

"Dortmunds Nordstadt" steht an der langen Wand gegenüber des Nordmarkts. Auch wenn Streetart zurzeit boomt, die Graffiti-Szene in Dortmund ist immer noch aktiv. Foto: Cathérine Wenk

Auch, wenn sich Streetart momentan im Auftrieb befindet, bleibt ihr Stand bei den Anhänger der Graffiti-Szene schwierig, wie Gmehling erklärt: „Viele Graffiti-Künstler halten Streetart für Sell-out und kritisieren das Kommerzielle daran.“ Dass Streetart-Werke, allen voran die von Bansky, mittlerweile zu hohen Preisen auf dem Kunstmarkt gehandelt werden, ist unbestritten. Für Gmehling steht bei Streetart jedoch vielmehr der Aspekt, um öffentlichen Raum zu kämpfen und somit mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren, im Vordergrund. Hier liegt für ihn auch der Grund, warum er sich der Szene zugewandt hat: „Die Graffiti-Szene bleibt stets unter sich und hat sich seit den achtziger Jahren immer mehr um sich selbst gedreht. Bei Graffiti geht es in erster Linie um „Fame“ und Respekt innerhalb der Szene. Hat man diesen Respekt dann aber erreicht, merkt man, dass danach nichts mehr kommt.“