Nachwehen und Vorsätze

2010 waren wir Kulturhauptstadt. Wir haben Autobahnen stillgelegt, Brauereien und Zechen erfolgreich zu Museen umgebaut, internationale Kulturfreunde beherbergt und etliche Ruhrgebiets-Merchandise-Artikel verkauft. Es wurde sogar ein Lebewesen entdeckt, das Gift (Arsen) im Erbgut sitzen hat – dies eröffnete uns wieder einmal den Horizont. Nur die Wirtschaft, die hat gelitten. Diesmal ohne Tulpen. anne-k-dote-logo

Ich habe 2010 für mich entdeckt, dass ich es zutiefst verabscheue, aus einem Dreitürer von der Rückbank aus über einen umgeklappten Vordersitz auszusteigen. Wenn dieser Kleinwagen dann noch auf einem Abhang aufwärts geparkt ist, fällt einem währenddessen auch noch die Autotür entgegen. Ich werde vielleicht nicht erwachsen, aber unaufhaltbar älter.

Anderes ist auch nicht mehr rückgängig zu machen. Das Drama der Loveparade und ihre Nachwehen zum Beispiel. Diverse Festivals können davon ein Lied ohne Moshpit singen, aber auch an anderen Stellen veränderte sich so Einiges. Böse Zungen behaupten, dass die neue Brandschutzverordnung der Ruhr Universität nicht so schnell umgesetzt und streng wäre, wenn auf der Loveparade alles gut gegangen wäre. Aufgrund dieser Sicherheitsverordnung dürfen keine Uniparties mehr stattfinden, die in einem Gebäude-Foyer angesiedelt waren. Lediglich die Mensa sei im Moment dem Anspruch für solche Großveranstaltungen gewachsen. Die IB-United war also die letzte wirkliche Uniparty in Bochum. Danach wanderten diese in die Matrix, das Hardenberghaus und diverse andere Bochumer Etablissements, um nicht komplett auszusterben.

Ältere Zungen sagten mir sogar, dass die Facebookgeneration ja keine Flashmobs mehr veranstalten soll, da dies auch zu gefährlich sei. Überhaupt droht uns laut einer BBC Umfrage, bei der wir ansonsten als beliebt und als Land des Lena-Effekts präsentiert wurden, angeblich alles und jeder. Gefahr ist überall. Sei es in der Finanzbranche, ein betrunkener Autofahrer, ein kaputtes Flutlicht, ein unmoralischer Priester oder der Terror an sich. Gegensätzlich dazu fielen mir in letzter Zeit besonders die Werbeplakate für Schließfächer an Bahnhöfen auf. Eine wiederentdeckte Einnahmequelle. Andere Länder hingegen haben bewusst Schließfächer abgeschafft.

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Das Audimax beim alljährlichen Sommerfest der RUB. Foto: Anne K. Dote

Die Einstellung zum Studium und der Arbeit an sich gefällt mir in anderen Ländern auch besser. Flexiblere Arbeitszeiten und ein Verständnis für ein Privatleben vermisse ich in Deutschland. Da ich definitiv nicht zwischen acht Uhr morgens und vier Uhr nachmittags am effektivsten arbeiten kann, ist mein persönlicher Vorsatz für 2011, kein Präsenzarbeiter zu werden. Viele in meinem Bekanntenkreis promovieren oder arbeiten an einer deutschen Universität und es ist Usus, dass in der Woche mindestens 70 Stunden im Labor verbracht werden. Meine besten Problemlösungen und Ideen habe ich definitiv nicht in einer bestimmten Kernzeit. Erste Selbstversuche haben mir gezeigt, dass ich mit weniger Arbeitszeit im Labor genauso effizient oder sogar effektiver bin als meine Laborgefährten. Also gehe ich von nun an zu den Zeiten arbeiten, in denen ich die meiste Konzentration aufbringen kann und organisiere meine Arbeit um meinen individuellen Biorhythmus.

Ebenso sortiere ich die Art der Aktivität danach. Schreiben und Lesen ist bei mir mittags und nachts zum Beispiel am Besten. Im Zuge dessen sträube ich mich auch gegen Bologna und die deutsche Einstellung, so jung wie möglich ins Berufsleben einzusteigen. Ich studiere vielleicht länger als ein Franzose, aber ich darf auch erst später Rentner werden. Nach den ersten Anzeichen der Volkskrankheit „Burnout“ erachte ich diese Einstellung als überlebensnotwendig.

Wie auch immer. Hallo 2011! Vielleicht bringst du uns die Abschaffung der Studiengebühren und der Panikmache. Ab jetzt geht es bergab. Sei es mit einem Fahrrad nach einem schwierigen Aufstieg oder der Fall aus der Höhe. Schau’n mer mal.

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Anne K. Dote ist eine Studentin des N-Gebäudes an der Ruhr Universität Bochum, die sich regelmäßig auch in anderen Buchstaben verirrt. In ihrer Kolumne gibt sie einen persönlichen Einblick in den Kosmos RUB - und das normalerweise alle zwei Wochen. Grafik: F. Steinborn

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