Die Hausarbeit meiner Mutter

Meine Mutter hat schon mal studiert. Sie war in den Naturwissenschaften unterwegs und hat es nicht beenden können, weil sie mit einem Kind alleine da stand. Heute hat sie mich und meine zwei noch schulpflichtigen Geschwister, nach denen sie ihr gesamtes letztes Lebensjahrzehnt gerichtet hat. Jetzt studiert sie mit 49 Jahren als Ersti in den Geisteswissenschaften und ist glücklicher denn je. Theoretisch zumindest.

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Vor ein paar Jahren entschied meine Mutter, dass sie keinem von uns auf der Tasche liegen möchte, wenn sie alt ist und bisher noch nicht wirklich gearbeitet hat, weil sie seit 28 Jahren nur mit Kindererziehung zu tun hatte. Es gab keine Zeit für eine Ausbildung oder ein neues Studium, und auch keinen Grund, weil beide Ex-Ehemänner genug verdient haben. Nun ist sie seit ein paar Jahren wieder alleinerziehend und hatte über die Agentur für Arbeit einen Pflichtkurs zur Altenbetreuerin belegt. Als Aushilfe konnte sie sogar ein paar Stunden in der Nähe arbeiten und merkte irgendwann, dass andere für den gleichen Job ein Vielfaches verdienen – weil sie einen Abschluss hatten. Sei es eine Ausbildung oder einen Bachelor.

Da eine Ausbildung zu viel Präsenzzeit für eine Mutter mit zwei Kindern hat, entschied sie sich nach langen Überlegungen für ein Studium in Dortmund. Und seit der Bewerbung an die FH gibt es kein Halten mehr am Telefon. Sei es, dass der „Zulassungsprozess schon viel zu lange“ dauert, sie „Glück hatte, dass sie sich nicht ein paar Monate später entschieden hat, weil sie dann 50 wäre und dann nicht mehr als Vollzeitstudent studieren dürfte“, oder, dass „20% ja eh über Wartesemester vergeben werden und da müssten schon einige mit mehr als 40 davon auftauchen, damit sie nicht reinkommt“.

Seit März ist sie nun Vollzeitstudentin und Mutter. Studentin, die Recherchen und Hausarbeiten erstellen muss. Theoretisch macht ihr das Spaß. Praktisch ist sie sich nicht mal immer sicher, ob sie nun Windows mit oder ohne Office hat. Was ein PDF ist, wie man es erstellt, warum überhaupt und wie man das an eine Email anhängen kann, sind die ersten Mysterien, die ich aufdecken musste. „Power Point“ heißt das Problem der letzten Woche, denn da war sie in einer Arbeitsgruppe, in der alle über 40 sind und noch keiner den Begriff „Power Point Präsentation“ gehört hatte.

Das Problem am Muttertag war, dass man von zuhause aus nicht an die gleiche Literatur kommt, wie von einer universitären IP-Adresse. Und, wie man das umgehen kann, obwohl Wikipedia und Konsorten verschrien werden. Dass dort aber die gleichen Zitate teilweise stehen und meistens auch ein Link dorthin, wurde von meiner Mutter erst nach stundenlanger Diskussion angenommen, weil ihr doch gesagt wurde, dass Wikipedia keine Quelle sein darf. Jetzt hat sie es eingesehen, dass es bei der allerersten Internetrecherche ihres Lebens vielleicht als Start helfen kann.

Weitere „Mysterien“, die noch auf mich, die telefonische Tutorin, zukommen werden, sind Fußnoten, Zitierprogramme, Schriftgrößen, Open Office Importe, Zeilenabstände, die neue deutsche Rechtschreibung und Google Scholar Hilfen. Oder Google an sich – nach Wiki. Und das neben ihrer und meiner eigentlichen Hausarbeit, die ich sonst in diesen Zeiten katzenwäschehaft erledigen könnte. In der Praxis bedeutet ihr Studium also erstmal: Arbeit und Frustration über kleine Dinge am PC – an beiden Enden der Telefonschnur. Alles in Handschrift zu verfassen und stundenlang in einer Bibliothek zu lesen würde ihr tausendmal leichter fallen – aber die Zeiten haben sich nunmal geändert.

Aber trotzdem: Mama, alles Liebe nachträglich zum Muttertag. Ich bin stolz auf dich, dass du dich in diese digitale Bachelorwelt traust, die dir so fremd ist, wie mir der tiefste Kongo. PS: Die „kleine rote Eins“ beim „Message Facebook-Icon“ bedeutet, dass du eine neue Nachricht hast. Von mir.

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Anne K. Dote ist eine Studentin des N-Gebäudes an der Ruhr-Universität Bochum, die sich regelmäßig auch in anderen Buchstaben verirrt. In ihrer Kolumne gibt sie einen persönlichen Einblick in den Kosmos RUB - und das normalerweise monatlich. Grafik: F. Steinborn, Teaserfoto: Anne K. Dote

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