Duell am Donnerstag: Was taugt der Super Bowl-Hype?

hennig-henrik

Rekordquoten und Top-Platzierungen in den Twitter Trendings – Der Football ist in dieser Saison, die am Sonntag mit dem Super Bowl endet, endgültig in Deutschland angekommen. Doch wohin führt der Weg der „Trendsportart“ langfristig? Die pflichtlektüre-Autoren Henning Barth und Henrik Wittenborn sind geteilter Meinung, ob der Hype immer größer wird, oder der Football bei uns ein Randsport irgendwo zwischen Basketball und Eishockey bleibt.

Football bleibt in Deutschland eine Randsportart

findet Henrik Wittenborn

„Ball rund, muss in Tor eckig“ – Fußballfunktionär Helmut Schulte hat die simple Formel seiner Sportart schon vor Jahren in sechs Worten zusammengefasst. Würde man diesen Versuch auf den American Football übertragen, klänge das wohl etwa so: „Innerhalb von vier Versuchen muss ein Team eine Distanz von 10 Yards überbrücken, um vier neue Versuche für erneute 10 Yards zu bekommen, mit denen am Ende Punkte durch einen Touchdown oder ein Field Goal erzielt werden können.“ Das wirkt und ist sperrig und beschreibt damit das Problem dieses – so viel sei vorab gesagt – großartigen Sports. 

Fachbegriffe machen es deutschen Fans schwer
 
Schon durch seine Herkunft bedingt, entsteht im Football in Deutschland ein Hindernis: Der Sport ist in Europa noch kaum etabliert und wird deshalb von vielen, sehr spezifischen Begriffen aus dem amerikanisch-englischen Sprachgebrauch umklammert. Sinnvolle deutsche Übersetzungen, die dem Geschehen auf dem Rasen gerecht werden, gibt es entweder kaum oder sie werden bei den Übertragungen im deutschen Fernsehen nur selten erläutert.
 
Dazu steht sich der Sport gleich in mehrfacher Hinsicht selbst im Weg: Kaum eine Ballbesitzphase kommt ohne die bei den Amerikanern längst gewohnten Commercial-Breaks (schon wieder so ein Angliszismus, what the hell!) aus. Mehr noch wird das Spiel in seiner oft entscheidensten Phase durch das so genannte Two-Minute-Warning unterbrochen. Spiel und Verfolgungsfluss beim Zuschauer kommen da nur selten auf. Dazu tragen auch die Schiedsrichter ihren Teil bei. Langwierige Videobeweise fordern die Geduld der Fans in jedem Spiel oft gleich mehrfach auf eine harte Probe. Deutsche Fußballfans, die nach jahrelangem Kampf mit Mühe und Not von der Torlinientechnik überzeugt werden konnten, dürften dann mitunter längst umgeschaltet haben.
 
Undurchsichtiges Regelwerk
 
Kann man sich an derartige Hindernisse noch relativ schnell gewöhnen, ist das Regelwerk für deutsche Sportfans eine wesentlich größere und deutlich langwierigere Herausforderung. Wann ein Trikotzupfer strafbar ist, wann daraus ein – Achtung Angliszismus-Alarm – Holding oder doch eine Pass Interference wird, kristallisiert sich erst nach vielen, vielen verfolgten Spielen etwas deutlicher heraus. Dass man mit seinen Anfänger-Problemen bei weitem nicht alleine da steht, zeigt ein Blick in die NFL: Mike McCarthy, Trainer bei den Green Bay Packers, gab unlängst selbst zu, mit den Jahren den Überblick darüber verloren zu haben, wann ein Pass als gefangen gewertet wird und wann nicht. 
 
Herauforderung für TV-Sender
 
Die schwierigste Aufgabe wird dabei wohl den deutschen Fernsehsendern, die sich mutig an Football-Übertragungen getraut haben, zuteil. Sie müssen in den kommenden Jahren den Spagat in ihrer Berichterstattung schaffen: Setzen die TV-Anstalten darauf, bei jeder Übertragung wieder bei 0 zu beginnen, und jede einzelne Facette dieses tollen aber komplizierten Sports zu erklären, wenden sich Gewohnheitsgucker genervt ab. Werfen die Kommentatoren nur noch mit Fachamerikanisch um sich, wird es Neulingen weiter erschwert, Begeisterung und vor allem Verständnis zu entwickeln.
 
Gelingt dieser Spagat, wird der in dieser Saison entbrannte Football-Hype weiter wachsen. Klappt das allerdings – wie durchaus zu befürchten steht – nicht, pendeln sich die Quoten am Sonntagabend und die Begeisterung langfristig auf einem mittelmäßigen Niveau ein. Der König Fußball kann sich also (noch) entspannt zurücklehnen.

 

Diese Saison zeigt, im Football- Sport steckt noch viel Potenzial

findet Henning Barth

„Es gibt einen neuen Sheriff in der Stadt“ – gut, er ist sehr neu und seine Berufserfahrung ist jetzt auch nicht überwältigend. Aber: Der Football-Sport greift von den Quoten her mal ordentlich an. Seit September 2015 erzielt der Sender ProSieben Maxx, der die NFL-Saison zusammen mit Sat1 überträgt, Spitzenanteile von bis zu 8,9% Marktanteil. Ein Wert, an den andere Randsportarten in Deutschland nur höchstselten ankratzen. Einzig „König Fußball“ thront über allem. Aber warum sollten nicht weiterhin Leute vom runden zum eiförmigen Leder wechseln?

Vielversprechender Auftakt

„Guckst du Super Bowl?“ Wer hat diese Frage noch nicht schon mal gehört. Der Super Bowl ist die größte Einzelsportveranstaltung der Welt. Auch diejenigen, die Football noch nie oder eher selten gesehen haben, sind einmal im Jahr nachts vor den Fernseher gewandert, um Football zu gucken. Eventorientiert. Und da liegt auch die Intention der NFL, beziehungsweise eigentlich des gesamten US-Sports. Die NFL ist auf und neben dem Platz ein großer Zirkus. Und jeder mag den Zirkus. Irgendwie.

Seit dieser Saison hat der gewöhnliche Sportbegeisterte ganz neue Möglichkeiten. Zwei Spiele an jedem Sonntag, in voller Länge. Aus dem eventorientierten „Guckst-Du-Super-Bowl“-Zuschauer wird der „Regelmäßig-Tatort-Auslassende“-Gucker. Und plötzlich taucht man viel tiefer in die ganze Sportart ein, lernt viel über Regeln und Spielzüge und wird dabei auch noch von den Kommentatoren an die Hand genommen. Ja, alle Regeln versteht man nicht gleich beim ersten Zusehen, aber mal ehrlich: Würdet ihr passives Abseits im Fußball erklären können, wenn ihr zum ersten Mal Fußball sehen würdet?

Rumms und Co.

„Football ist Schach mit Kühlschränken“, sagt Ran NFL-Kommentator Frank Buschmann gerne. Und da hat er recht. In Football steckt so viel, was in anderen Sportarten nicht übermäßig geboten wird. In welchem Sport ist es schon erlaubt, seinen Gegenspieler aus dem vollen Lauf umzutacklen? Wo steckt in jedem Spielzug eine Präzision wie in einem Schweizer Uhrwerk, indem jeder Spieler zu jeder Zeit genau weiß, wo er zu stehen hat? Das alles macht den Football besonders, er hebt sich von anderen Sportarten ab. Woanders sind es die Modellathleten, die immer im Mittelpunkt stehen. Im Football sind es eben auch die etwas fülligeren Jungs, die für den Erfolg einer Mannschaft genauso wichtig sind wie die Schnellen.

Zudem ist Football auch noch spannender als manch andere Sportart. In jedem Spiel kann bis zur letzten Sekunde alles passieren – denn es gibt tausende Möglichkeiten zum Erfolg zu kommen, und ebenso viele, um den Ball und damit das Angriffsrecht nochmal zu verlieren. Um Frank Buschmann wieder zu zitieren: „Am Ende kackt die Ente“. Football ist halt anders. Und das ist auch gut so.

Prinz Football?

Klar, am Thron von „König Fußball“ wird so schnell keine andere Sportart sägen. Dafür ist Fußball viel zu sehr in die deutsche Kultur eingewebt. Und: das haben Andere auch schon versucht, die Basketballs und Handballs der Sportlandschaft. Was ist passiert? Nichts! Es gab vom Fußball einen heftigen Tritt in den Hintern. Nun probiert es eben der Football. Und was soll ich sagen, mich hat der Sport gepackt. Ich gucke ihn gerne – wie viele viele Menschen mittlerweile auch. Vielleicht wird es nicht der populärste Sport in Deutschland, aber ich denke er wird sich etablieren. Und vielleicht ja sogar irgendwann zum „Prinz Football“ gekürt.

das-duell-feederFoto: stockxchng/bizior, S. Hofschlaeger/pixelio.de, Montage: Brinkmann/Schweigmann 
Teaserfoto: flickr.com/Marco Verch
Beitragsbild: Gavin’s Goods/flickr.com

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