Rollenspiele fürs Leben

Wenn der vierjährige Oskar aus Bochum morgens aufsteht, dann mit einer ganz bestimmten Mission: Die Welt von den Bösewichtern befreien. Diese Mission erfüllt der kleine Superheld aber nicht etwa als Oskar, sondern als Spiderman. Um in seiner Rolle zu überzeugen, schlüpft er regelmäßig in sein Spiderman-Kostüm und macht sich auf in den Kindergarten. Kinder lassen ihre Phantasie manchmal Realität werden und glauben an ihre eigenen Superkräfte.

Die Rolle des Spiderman

Spiderman ist für den vierjährigen Oskar mehr als nur eine Rolle. Fotos: Privat

„Nachts springe ich über die Häuser und mache Spinnenweben, um damit die Bösewichte einfangen zu können“, erzählt Oskar. Dass er der echte Spiderman ist, davon ist Oskar überzeugt und darum ist es für ihn auch selbstverständlich, in seinem rot-blauen Kostüm in den Kindergarten oder zum Kieferorthopäden zu gehen. Für ihn ist es kein Spiel, sondern eine ernstzunehmende Aufgabe.

Das mystische Denken

„Ein Kind befindet sich mit vier Jahren mitten in der Präoperationalen Phase. Da steht das mystische Denken über den Logischen“, erklärt Dr. Marc Vierhaus vom Institut für Psychologie an der TU Dortmund. „In dieser Phase ist in der kindlichen Vorstellung alles möglich. Da gibt es den Superhelden aus dem Fernseher sowie das Monster im Schrank wirklich.“

Das Kind von der Realität zu überzeugen, dies klappt nur bedingt. „Die Frage, ob das Kind tatsächlich Wände hochkrabbeln kann, würde es selbst verneinen“, erklärt Dr. Vierhaus. Aber es würde die Realität einfach korrigieren. Der kleine Oskar hat eine logische Antwort parat: „Jetzt spiele ich noch, dass ich der echte Spiderman bin. Wenn ich groß bin, dann bin ich wirklich der Echte“, sagt Dr. Marc Vierhaus.

Schwarz und weiß wird grau

Vor den Bösewichten hat Oskar keine Angst: „Spiderman ist der Gute und die Guten sterben nie. Die Bösen sterben aber immer.“ Eine logische Gedankenkonstruktion von Kindern, die für Dr. Vierhaus wichtig ist: „Wer die Realität, also das Graue, kennenlernen möchte, der muss zunächst einmal schwarz und weiß sehen.“

Die Einteilung in Gut und Böse sei dabei eine Orientierungshilfe. Im Vorschulalter seien die Kinder noch vom Mystischen und ihrer eigenen Macht überzeugt. „In der Grundschule, wenn sie mit anderen Kindern verglichen werden, müssen sie ihr Selbstbild an die Realität anpassen. Ihnen wird dann bewusst, dass sie nicht in allem der Stärkste sind.“

Jeder spielt eine Rolle

Dr. Marc Vierhaus

Dr. Marc Vierhaus vom Institut für Psychologie der TU Dortmund hält Rollen auch bei Erwachsenen für wichtig.

„Mit der Zeit wird unser Selbstbild immer realistischer, aber auf die Identifizierung mit Rollen verzichten wir dennoch nicht“, findet Dr. Marc Vierhaus. Unsere Rollen seien lediglich mehr an die Gesellschaft angepasst und an der Realität gemessen. „Auch der Student nimmt eine Rolle ein, die mit bestimmten Erwartungen verknüpft ist. Es gibt festgelegte Verhaltensregelungen, an denen wir uns orientieren.“

In einer Gesellschaft sei dies auch wichtig. „Rollen geben uns Sicherheit, weil sie die Komplexität der Situation reduzieren“, so Dr. Marc Vierhaus. Zur Rolle des Studenten gehöre zum Beispiel, regelmäßig zu Seminaren zu erscheinen und Prüfungsleistungen zu erbringen. „Erfüllt der Student diese Erwartung nicht, wird er seine Rolle als Student nicht lange behalten“, erklärt Dr. Marc Vierhaus.

Vom Spiderman zum Rechtsanwalt

Wenn wir erwachsen werden, würde der Blick auf die eigenen Stärken realistischer werden. „Nachdem uns bewusst geworden ist, dass wir nicht die Superkräfte von Spiderman haben, suchen wir nach anderen Rollen. Rollen, die wir tatsächlich erfüllen können“, erklärt Dr. Marc Vierhaus. Der Traum, sich für das Gute einzusetzen, müsse dabei nicht auf der Strecke bleiben. „Aus dem kleinen Spiderman wird dann vielleicht der Rechtsanwalt, der sich für Gerechtigkeit einsetzt.“

Ein kleiner Ausflug in die Phantasierollen ist laut Dr. Vierhaus völlig normal und gesund. Der Erwachsene mache es dann aber lieber heimlich oder an dafür vorhergesehenen Veranstaltungen. „Karneval ist optimal, um in solch eine Rolle schlüpfen zu können. Bei dieser Feier sind diese Rollenbilder gesellschaftlich akzeptiert.“ Die Anpassung an die Realität erscheint Dr. Marc Vierhaus sinnvoll. Schade sei nur, dass vom Glauben an die eigene Macht manchmal wenig übrig bleibt.

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