Freundschaft auf Umwegen

Drei freie Tage, ohne Vorlesungen und Abgaben, schönes Wetter, Freunde, Familie und Maibowle. So sah für die meisten das verlängerte Wochenende aus, an dem der unliebsame Montag erspart blieb. Viele Studierende nutzten das Maiwochenende für einen Besuch in ihrer Heimat, um sich von den Eltern so richtig verwöhnen zu lassen.

So jedenfalls bin ich es am Wochenende angegangen. Montagabend dann der unwillige Blick auf die Bahn App – „Köln Hbf bis Dortmund Hbf“. In der App gibt es Hinweise zu Verspätungen wegen einer Stellwerksstörung in Köln-Mühlheim. „Na toll, fängt ja gut an“, denke ich. Ich überlege noch kurz in Köln zu bleiben und einfach morgenfrüh zu fahren – auf der anderen Seite weiß ich, dass ich das morgen früh um halb sechs bereuen werde. Also los.

„Der Bahnhof ist komplett dicht.“

Mit einer riesigen IKEA-Tasche, bis oben hin gefüllt mit Essen (man kennt das ja), sitze ich wenige Zeit später im übervollen Zug, der tatsächlich nur einige Minuten Verspätung hat. Entspannt lehne ich mich zurück. Meine Tasche und ich haben sogar noch einen Platz gefunden. Dann die Nachricht von einer Freundin: „Fahr besser nicht heute Abend zurück, in Dortmund ist ein Zug entgleist. Da geht nix mehr. Der Bahnhof ist komplett dicht“. Zu spät. Ich bin inzwischen schon am Düsseldorfer Hauptbahnhof angekommen. Zurück fährt anscheinend auch kein Zug mehr.

Die Deutsche Bahn App tut immer noch so, als wäre nichts passiert. Da steht nichts von Umleitung oder Störung des Bahnverkehrs. Es gibt keine Durchsage und die Hälfte der Mitfahrenden scheint noch nichts zu wissen. Ich lasse die Bahn App immer wieder neu laden und bitte meine Freundin per WhatsApp, alternative Verbindungen nachzuschauen. In Duisburg dann die erste offizielle Durchsage: „Sehr geehrte Fahrgäste, wir werden auf unabsehbare Zeit in Duisburg stehen bleiben.“ Ohne Begründung oder Alternativmöglichkeiten. Ein allgemeines Stöhnen geht durch den Zugabteil. Zum Glück habe ich mein Handy vorher noch geladen. Die BahnApp ist nach kurzer Zeit allerdings völlig überlastet. Recherchen außerhalb der App ergeben auch nicht mehr. Wir stehen immer noch in Duisburg.

Typisch Deutsche Bahn

Ich schreibe einem Freund aus Duisburg, den ich lange nicht gesehen habe: „Hey, ich bin hier irgendwie in Duisburg gestrandet, kannst du mich vielleicht abholen?“ – Würde er sofort, er ist aber nicht in Duisburg. „Trotzdem schön, von dir gehört zu haben, wir müssen uns nochmal sehen.“ Immerhin ein nettes Gespräch. Fünf Minuten Candy Crush und es kommt wieder eine Durchsage. Allerdings so undeutlich, dass ich den Inhalt nur mit der größten Anstrengung und Fantasie verstehen kann- „Umleitung über Gelsenkirchen und Herne, Schienenersatzverkehr gibt es nicht“.

Damit ist mir nicht wirklich geholfen. Ein Zugführer geht durch unser Abteil und wird von panischen Zugreisenden bestürmt. „Ich bin gerade genauso schlau wie ihr, ich kann euch erstmal nichts Neues sagen“, verteidigt er sich, zieht die Schultern hoch und guckt schlecht gelaunt in die fragenden Gesichter der Reisenden. „Das ist mal wieder typisch Deutsche Bahn“, wird gemurmelt. Dabei ist es gar nicht mal so typisch! Dass ein Zug entgleist, passiert äußerst selten. Seit der Jahrtausendwende gab es lediglich vier größere Unfälle, bei denen ein Zug entgleiste.

„Der Arme“, flüstert meine Sitznachbarin. Wir kommen ins Gespräch. Sie heißt Clara und muss auch nach Dortmund. Wir gehen zusammen die alternativen Möglichkeiten durch, die wir haben und müssen lachen, weil es scheinbar überhaupt keine gibt. Dazu kommt, dass es Feiertag und spätabends ist.

Endlich rollt der Zug wieder: Mühlheim an der Ruhr und dann in Zeitlupentempo Richtung Essen. Dann stehen wir wieder. Clara und ich sind inzwischen in ein nettes Gespräch vertieft. Sie ist Kunststudentin, arbeitet in Dortmund – aber in einer Arbeitsgruppe von Statistikern. „Das geht?“, frage ich, „Das ist ja lustig!“. Wir tauschen aus, welche Professoren wir gemeinsam kennen und welche Mensa den besten Kaffee hat. Sie hat kaum mehr Akku und fragt, ob sie mein Handy benutzen darf, um einen Freund in Gelsenkirchen anzurufen.

Hilfe von Unbekannt

„Hey du, lange nicht gesprochen. Das kommt jetzt etwas überraschend, aber könntest du vielleicht nach Essen kommen und mich abholen?“, spricht sie in den Hörer. Er sagt zu. „Ach ja, und hier ist so ein Mädchen bei mir, von der habe ich auch das Handy, mit dem ich gerade anrufe. Kannst du die auch mitnehmen?“. Ich kann erst kaum glauben, dass sich eine völlig fremde Person darum bemüht, auch für mich eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren. Sie grinst mich an. „Hannes kommt uns abholen und fährt uns nach Dortmund“. Ich bin so erleichtert: „Wahnsinn, danke!“ Wer auch immer dieser Hannes ist, ich mag ihn jetzt schon.

Inzwischen sind wir in Essen angekommen und gehen zum Haupteingang, um auf Hannes zu warten. Überall stehen Menschen, die von Freunden und Verwandten abgeholt werden. Es ist ein einziges Chaos. Überall umarmen sich Leute, bilden mit neuen Bekanntschaften Fahrgemeinschaften und kommen miteinander ins Gespräch. Neben mir ruft eine ältere Dame ihrer Freundin zu: „Siegrid, dass wir zwei nochmal eine Pyjama Party machen, hätte ich ja nicht gedacht!“ Als Hannes endlich mit dem Auto ankommt sind wir durchgefroren, erleichtert und so etwas wie Zugfreunde geworden.

Bei dieser Odyssee ist mir eines klar geworden: Jede Situation und sei sie noch so nervig, kann spanende und bereichernde Bekanntschaften und Momente bringen. Meistens kommen sie eben genau dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Und es hat mir gezeigt, dass man fast überall Unterstützung und Hilfe erwarten kann, man muss nur seine Augen offen halten. Ich habe nun einen neuen Kontakt im Handy: „Clara, Zugbekanntschaft“. Und wer weiß, vielleicht treffen wir uns in den nächsten Tagen ja mal auf einen Kaffee in der Uni. 

 

Auch TU-Studierende nehmen das Bahn-Chaos mit Humor 

 

Beitragsbild: www.flickr.com/photos/robdammers/ unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz

Slideshow: Jodel/Luisa Pfeiffenschneider