Charakterfasten: Motivationstief und Prüfungsfrust

Die Tradition des Fastens ist so alt wie die Religionen selbst. Egal ob im Christentum, Islam, Buddhismus oder in alten indianischen Religionen: Fastenrituale gibt es überall. In unserer heutigen Kultur spielt Fasten kaum noch eine Rolle. Und wenn, dann in abgewandelter Form. Zwei unserer Autoren probieren aus, wie es ist, sieben Wochen auf eine Charaktereigenschaft zu verzichten. Lügen und Gemecker gehören zu unserem Alltag – doch was passiert, wenn wir versuchen, diese negativen Angewohnheiten einmal abzulegen? Wird die Fastenzeit uns nachhaltig verändern können? Unsere Autorin ist das erste Mal an ihrer Aufgabe gescheitert.

Ich stehe dazu: Ich habe keine Lust mehr. Und zwar wirklich überhaupt nicht. Während bei Christian Burg in der vergangenen Woche alles glatt lief, ist bei mir das komplette Gegenteil passiert. Ich habe meine Jokerkarte nicht nur aufgebraucht, sondern hätte zwei bis drei weitere Karten füllen können. 

Vorlesungsfreie Wochen sind keine Semesterferien

Eigentlich hatte ich einmal große Pläne für diese Semesterferien: einen neuen Nebenjob finden, endlich den ganzen Kram aus dem Keller loswerden, gute Klausuren schreiben und den Frühling genießen. Bisher klappt davon leider nichts wirklich gut.

Tolle Abendgestaltung geht anders. Foto: Lia Rodehorst

Zwar hatte ich mehr als ein entspanntes Balkonfrühstück und habe nach meiner ersten Medizinklausur am Montag auch tatsächlich Eis in der Sonne gegessen, das gute Wetter sehe ich die meiste Zeit aber nur durch das Fenster über meinem Schreibtisch. Und das nervt, weil ich gerade nichts mehr möchte, als Urlaub zu machen und in der Sonne zu liegen. Stattdessen bereite ich meine Klausuren vor und sorge ehrenamtlich dafür, dass Kinder, die neu in Deutschland sind, sicher im Straßenverkehr unterwegs sind. Zusammen mit den üblichen Kleinigkeiten im Haushalt bleibt von meinem Tag dann nichts mehr übrig. Mal entspannt ein neues Rezept ausprobieren? Mit Freunden im Park grillen? Fotos vom Inhalt der Umzugskisten im Keller machen und auf ebay stellen? Bewerbungen schreiben? Ein Buch lesen? Ja klar – nach den Klausuren. Das ist zwar schon Anfang April, aber die Zeit bis dahin fühlt sich noch ewig an.

Motivationsniveau: Mariannengraben

Noch fünf Tage, dann ist alles vorbei und ich habe endlich echte Ferien, für ganze sechs Tage. Eigentlich müsste das ja reichen, um noch mal den letzten Schub an Motivation aus mir raus zu holen. Aber nach über sechs Wochen, die nur aus Prüfungsvorbereitung bestanden haben, ist die schon völlig aufgebraucht.

Frust und Lernkartenberge. Bild: Lia Rodehorst

Dass die Physikprüfung furchtbar lief, hat auch nicht gerade dazu beigetragen, mich fürs Lernen zu begeistern. Vor allem, wenn die süße Katze von gegenüber den halben Tag die wildesten Turnübungen auf ihrem Kletterbaum vollführt, die viel spannender sind als Statistik. Und so habe ich meine Joker verbraucht: Entweder habe ich darüber geschimpft, dass ich noch so viel tun muss, obwohl ich eigentlich mal Ferien verdient hätte – oder darüber, dass ich es nicht schaffe, mich wirklich zu motivieren.

Papierfetzen und Hoffnungsschimmer

Aus therapeutischen Gründen hat die Jokerkarte daraufhin ihr tragisches Ende gefunden. Sie in Fetzen zu reißen, hat ein bisschen gegen den Frust geholfen. Ich versuche jetzt, aus den letzten sechs Tagen bis zu meinem Urlaub das Meiste herauszuholen. Und erlaube mir deswegen das Fluchen so oft es nötig ist. Denn irgendwo muss ich mit meinem Frust hin.  Auch wenn das natürlich Jammern auf hohem Niveau ist.

Tod einer Jokerkarte. Bild: Lia Rodehorst

Meine Familie etwa hat gerade keine funktionierende Heizung, Bekannte von mir schreiben wirklich die gesamte vorlesungsfreie Zeit Klausuren – es könnte mir also schlechter gehen. Also werde ich versuchen, ein Stück zurückzutreten und meine wenigen Pausen etwas dankbarer zu genießen.  Deswegen gibt es heute Abend selbst gemachte Pizza – das ist zwar kein verrücktes neues Rezept, dafür schmeckt es auf jeden Fall. Die nächste Woche werde ich mir ganz bewusst eine Auszeit vom Stress – und auch vom Fasten – nehmen.

 

Beitragsbild: Lia Rodehorst und Christian Burg, Collage mit Canva.com.

Fotomontagen: Lia Rodehorst unter Verwendung von pixabay.com, lizenziert nach Creative Commons 

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