Charakterfasten: Zum Schluss gibt’s Ostereier

Die Tradition des Fastens ist so alt wie die Religionen selbst. Egal ob im Christentum, Islam, Buddhismus oder in alten indianischen Religionen: Fastenrituale gibt es überall. In unserer heutigen Kultur spielt Fasten kaum noch eine Rolle. Und wenn, dann in abgewandelter Form. Zwei unserer Autoren haben ausprobiert, wie es ist, sieben Wochen auf eine Charaktereigenschaft zu verzichten. Lügen und Gemecker gehören zu unserem Alltag – wie hat sich der Verzicht auf diese negativen Angewohnheiten ausgewirkt? Hat dies vielleicht auch nachhaltige Veränderungen?

Nun sind die Strapazen des Fastens vorbei. Es ist nicht wichtig, auf was man verzichtet hat oder wie lange. Beim Fasten geht es darum, sich auf das Wesentliche zu besinnen und dankbar dafür zu sein, was einem gegeben ist. Genauso wie die Tradition der Fastenrituale in jeder Religion zu finden ist, kommt es am Ende dieser Zeit überall zum sogenannten Fastenbruch. Für Christen fällt der Zeitpunkt für den Fastenbruch auf Ostersonntag. Nach sieben Wochen fleißigem Fasten stehen dann vielerorts ein saftiger Braten und Süßigkeiten auf dem Tisch. Das erste Mal seit Aschermittwoch müssen die Fastenregeln nicht mehr eingehalten werden.

Drei Tage Schlemmen

Muslime verzichten während des Fastenmonats Ramadan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken. Nach Sonnenuntergang dürfen Muslime täglich das Fasten brechen. Bis zum Morgengrauen darf gegessen und getrunken werden. Zusätzlich gibt es das Zuckerfest am Ende des Ramadan. Bei diesem Fest wird nicht nur gegessen – es wird geschlemmt. In manchen muslimischen Familien wird, zusammen mit Freunden und Verwandten, drei Tage lang gefeiert. Alle tragen schicke und zum Teil extra neue Kleidung.

Natürlich gibt es diese Fastenbrüche auch bei der modernen Version des Fastens, dem Charakterfasten. Im Allgemeinen ist es auch hier ein Fest oder eine Zusammenkunft, bei der die gelungene Zeit der Beherrschung gefeiert wird. Fastende erinnern sich an ihren Verzicht während der vergangenen sieben Wochen, dass sie stark geblieben sind und nicht aufgegeben haben. Diese Erkenntnis bringt für viele ein gutes Gefühl mit sich. Auch dieses Gefühl gehört zum Fastenerlebnis, auch wenn viele dabei oft nur die Anstrengungen sehen und nicht den Erfolg am Ende. Wichtig, um das Fasten in all seinen Facetten zu erleben, ist die freiwillige Teilnahme. Nur so bewirkt die gesamte Erfahrung die angestrebte Bedeutung und das Gefühl der Euphorie am Ende.

Schluss mit der Ruhe

Jetzt darf wieder Feuer gespuckt werden.

Für mich war die Fastenzeit alles andere als einfach. Als Kind auf Süßigkeiten zu verzichten, fiel mir schon schwer. Dabei lassen sich Süßigkeiten ganz einfach oben auf den Schrank außer Reichweite stellen, sodass man nicht “aus Versehen” zugreift. Mit negativer Energie ist das leider unmöglich und so erfordert aktives Nicht-Meckern viel mehr Energie und Selbstdisziplin. Anders als erwartet hat sich das positive Denken auch nicht automatisiert, egal wie weit das Experiment fortgeschritten war: Ich musste mich immer wieder aktiv zusammenreißen. Eine echte Gewöhnung ist nicht eingetroffen. Vielmehr habe ich einen Zusammenhang zwischen meiner Grundstimmung und meinem Fastenexperiment gefunden, der wenig überraschend war: Je gestresster ich war, je höher die Anforderungen an mich waren und je häufiger Dinge schief liefen, desto schwerer war es für mich, nicht zu meckern. Bis irgendwann der Punkt erreicht war, an dem es ohne Meckern nicht mehr ging. Das war enttäuschend. Aber es hat meine Sicht auf das Motzen geändert: Ich werde zwar auch in Zukunft versuchen, mich zurückzuhalten und so wenig zu meckern, wie es geht. Aber wenn es sein muss, dann muss es eben sein – und dann werde ich mich auch weiterhin in ein kleines Rumpelstilzchen verwandeln. Und zwar ohne schlechtes Gewissen. Ich könnte mir vorstellen im nächsten Jahr wieder zu fasten. Allerdings werde ich dann auf etwas verzichten, was ich wegschließen kann.

Ein bisschen weniger lügen

Ab jetzt darf wieder gelogen werden.

Ich hatte zuvor noch nie so etwas wie Charakterfasten ausprobiert. Am Anfang war ich sehr neugierig und auch skeptisch. Überraschenderweise fiel es mir jedoch nicht so schwer, auf das Lügen zu verzichten. Nach einer kleinen Eingewöhnungsphase verflogen die Tage, an denen ich nicht einmal in die Bredouille kam, lügen zu wollen. In einigen Momenten hätte ich Situationen mit einer Lüge wahrscheinlich schneller oder einfacher lösen können, aber ich bin stolz auf mich, dass ich es nicht getan habe.

Wenn ich ein Fazit aus meiner Fastenzeit ziehen müsste, wäre es folgendes: Jeder sollte mal ausprobieren, eine gewisse Zeit ohne Lügen auszukommen. Ich glaube viele Menschen wären überrascht, wie wenig sie eigentlich im normalen Alltag lügen. Für mich nehme ich nur die Erfahrung mit, manchmal nicht lügen zu müssen. Auch die Wahrheit kann einige Konflikte lösen. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich noch einmal fasten werde. Vielleicht versuche ich es nächstes Jahr mit sieben Wochen ohne Meckern.

 

Beitragsbild: Lia Rodehorst und Christian Burg, Collage mit Canva.com. Fotomontagen: Lia Rodehorst unter Verwendung von pixabay.com, lizenziert nach Creative Commons 

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