Ein Ausverkauf der Erinnerungen

Das Kulturhauptstadtjahr ist vorbei, Ruhr.2010 hat ausgedient. Und damit auch rund 100 000 weitere kleine und große Dinge, die in irgendeiner Weise zum Gelingen der Kulturhauptstadt beigetragen haben. Diese werden nun verkauft – auf einem Flohmarkt.

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Alles muss raus: Für Volunteer Christian Kellmann ist der Flohmarkt ein trauriger Abschied. Foto: Laura Zacharias

Christian Kellmann muss sich konzentrieren. „Kleinen Moment noch“, sagt er und beginnt erneut, die Handschuhpaare auf dem Tisch vor sich durchzuzählen. „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig…“. Neben den Handschuhen stapeln sich Schals und Mützen, Pullover, Polo-Shirts und andere Kleidungsstücke, die auf irgendeinem der vielen Ruhr.2010-Events wohl einmal ihren großen Auftritt gehabt haben müssen.

Kellmann ist einer von rund 50 Volunteers, die an diesem Wochenende dem Kulturhauptstadtjahr die letzte Ehre erweisen: Beim Ruhr.2010-Flohmarkt auf Zeche Zollverein. „Ich werde mir auf jeden Fall ein paar Plakate sichern“, sagt er und zeigt in eine andere Ecke der Halle. „Oder Buttons“, meint der Herner und fügt lachend hinzu: „Die habe ich nämlich bisher immer nur ausgeteilt.“ Wenn er allerdings an den Sinn und Zweck dieser Veranstaltung denkt, verzieht sich seine fröhliche Miene. „Ist fast wie so ne Beerdigung hier“, sagt Kellmann. „Echt schade, dass es vorbei ist“.

Merchandise und Büro-Ausstattung

Das, was sich hier in Halle 5 auf Zeche Zollverein zum Teil noch in Kisten stapelt, ist so gut wie alles, was von der Kulturhauptstadt noch übrig ist. Denn auf dem Flohmarkt sollen nicht nur die restlichen Merchandising-Artikel wie T-Shirts, Tassen, oder Schlüsselbänder sowie die Reste aus dem Online-Shop zu stark reduzierten Preisen verkauft werden, sondern wirklich alles. Sogar die Büroausstattung der Organisatoren: Laptops und PCs, Lampen und Schreibtischstühle. Dazu jede Menge Bücher, Hefte und Kataloge, in denen sich nicht selten eine Widmung an Ruhr.2010-Chef Fritz Pleitgen findet.

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Letzte Schacht-Zeichen: Flohmarkt-Organisatorin Bettina Steindl beklebt die gelben Ballons mit Preispunkten. Foto: Laura Zacharias

„Alles, was jetzt nicht mehr gebraucht wird, verkaufen wir hier“, sagt Bettina Steindl, die den Verkauf organisiert. Sie ist gerade dabei, die rund 100 000 Artikel mit bunten Aufklebern zu versehen, der Übersichtlichkeit halber. „Jede Farbe steht für einen Preis“, erklärt sie, von 50 Cent für eine kleine Broschüre bis zu 400 Euro für einen fast neuwertigen Laptop sei alles dabei. Steindl hat ein Jahr lang im Marketing für die Ruhr.2010 gearbeitet, und war zuvor bereits für die Kulturhauptstadt Linz tätig. Mit dem Flohmarkt, sagt sie, sei den Leuten auch die Möglichkeit gegeben, „noch einmal durch das Jahr zu gehen.“

Nostalgie zum festen Preis

Das scheint gelungen: Denn wenn man genauer hinschaut, sind zwischen Nützlichem auch viele Dinge ausgebreitet, die zwar nicht mehr wirklich brauchbar sind, wohl aber Erinnerungswert haben. Echte Ruhr.2010-Straßenschilder zum Beispiel, Erläuterungstafeln zum „Ruhr-Atoll“ auf dem Essener Baldeneysee, die Regenponchos der legendären Eröffnungsfeier oder auch die gelben Ballons, die einmal als sogennante „Schacht-Zeichen“ über dem Ruhrgebiet schwebten. Notenbücher vom „SING Day of Song“ sind auch dabei, genauso wie Kunstdrucke mit Ruhr.2010-Fotos von Manfred Vollmer, die bereits in New York ausgestellt waren.

Supertest

Beim Flohmarkt auf Zollverein wird alles von Ruhr.2010 verkauft, was nicht niet- und nagelfest ist. Foto: Laura Zacharias

Die Bierzelttische, die am 18.Juli 2010 auf der A40 als Picknickplätze dienten, versprühen nun in der Industriehalle ein wenig Flohmarktcharme. Einen Unterschied zum gewöhnlichen Flohmarkt gibt es dennoch: Die Preise stehen fest, es wird nicht gehandelt. Ruhr.2010-Sprecher Clemens Baier hofft trotzdem, dass alles wegkommt: „Die ganzen Sachen zu lagern, das kostet!“ Er verweist darauf, dass vieles „bis zu 70 Prozent günstiger“ sei als vorher. Was nach fröhlichem Schlussverkauf klingt, fällt besonders manchem Mitarbeiter schwer, sagt Organisatorin Bettina Steindl: „Unter uns herrscht große Wehmut.“