Im Teufelskreis der Angst

Jedes Gespräch bedeutet Stress. Jede Unterhaltung führt zu Herzrasen, Zittern und Schweißausbrüchen. Jonas* hat eine Sozialphobie. Für Außenstehende ist das Leben mit dieser Krankheit nur schwer nachzuvollziehen.

„Das ist so ein bisschen wie bei Spinnen. Man hat Angst vor ihnen, aber kann gar nicht genau sagen, warum“, sagt Jonas und zuckt ratlos mit den Schultern. Der 22-Jährige aus Hamm fürchtet sich vor Menschen. Jonas hat eine Sozialphobie. „Das ist eine psychische Störung, bei der sich Betroffene davor fürchten, im Mittelpunkt zu stehen und sich dabei möglicherweise zu blamieren“, erklärt Nicole Hanfland. „Die größte Sorge von Sozialphobikern ist es, von ihren Mitmenschen schlecht bewertet zu werden.“ Die angehende Psychotherapeutin absolviert ein Bachelorstudium und arbeitet am Zentrum für Kinder- und Jugendpsychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. Dort behandelt sie junge Erwachsene mit Sozialphobie.

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Menschen mit Sozialphobie schotten sich oft von ihrer Umwelt ab. Fotos: Stina Berghaus

Jonas kostet es große Überwindung, mit anderen Personen ein lockeres Gespräch zu führen. „Dieses Zwischenmenschliche fällt mir sehr schwer. Überhaupt Kontakt aufzubauen oder Konversation zu betreiben, bedeutet für mich Stress“, erklärt er leise.

Die Angst überwinden

Das Gespräch mit der pflichtlektüre ist Jonas offensichtlich unangenehm. Seine Schultern zieht er nach vorne und sein Blick fällt immer wieder auf seine Hände. Doch obwohl dieses Treffen Jonas viel Überwindung kostet, will er sich der Herausforderung stellen. Denn nur so könne er seine Angst überwinden. Im Gegensatz zum alltäglichen Smalltalk machen Jonas Vorträge oder Referate sogar Spaß. Die muss er auch bei seinem Wirtschaftsinformatik-Studium an der Fachhochschule Dortmund halten.

Eine soziale Phobie könne sehr verschiedene Ausprägungen annehmen, erklärt Nicole Hanfland. „Der Schwerpunkt der Angst ist bei jedem Patienten unterschiedlich. Manchen Betroffenen fällt es schwer, vor großen Menschengruppen sprechen zu müssen. Andere fürchten sich vor der sozialen, spontanen Kommunikation“, sagt die angehende Therapeutin. Häufig würden sich soziale Phobien bereits im Jugendalter entwickeln. Auslöser sei oft ein spezifisches Ereignis, bei dem sich der Betroffene sehr verletzt gefühlt habe. So auch bei Jonas.

„Er ist eben introvertiert.“

Auch auf Jonas trifft das zu – seine Kommunikationsprobleme begannen schon in der Realschule. Damals starb seine Mutter. Zu seinem Vater hat Jonas ein eher schlechtes Verhältnis. Nach dem Tod seiner Mutter zog er sich immer weiter aus seinem sozialen Umfeld zurück. Außer dem Kontakt zu langjährigen Freunden ließ Jonas keine neuen Freundschaften zu. Für seine Lehrer war die Sache klar: „Er ist eben introvertiert“, war ihre Standardaussage zu seinem Verhalten, erinnert sich Jonas. Mit dem Ende der Realschule brach dann endgültig sein gesamter Freundeskreis weg: „Ich hatte dann nur noch Arbeit im Kopf.“

Während seiner Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration fühlte sich Jonas wohl: „Ich habe mich voll auf die Arbeit konzentriert und damit mein nicht vorhandenes Privatleben ausgeglichen.“ Doch dann ging der Betrieb, bei dem er angestellt war, pleite. Und ohne seinen Beruf breitete sich plötzlich eine absolute Leere in Jonas Leben aus.

„Ich saß zu Hause und hatte einfach nichts zu tun – zu Niemandem Kontakt“, erzählt der Student und stockt. Auch heute fällt es ihm noch offensichtlich schwer, über diesen, seinen „persönlichen Tiefpunkt“, zu sprechen. Abgesehen vom Einkauf verließ er sein Zuhause während dieser Zeit nicht. Seine Tage verbrachte er mit Fernsehen und Surfen im Internet. „Das ging schon fast in Richtung Depression“, erinnert sich Jonas.

Furcht vor Kommunikation

Nicole Hanfland kennt die Gefahr für Sozialphobiker, an einer Depression zu erkranken. Betroffene würden sich so sehr vor bestimmten gesellschaftlichen Situationen fürchten, dass sie sie aus Furcht komplett meiden würden. Klassisch seien hierbei auch die „katastrophisierenden“ Gedanken der Patienten.

So könne beispielsweise eine spontane Kommunikation mit Fremden auf der Straße schon zur Herausforderung für einen Sozialphobiker werden. Der Betroffene sei sich dabei seiner Angst bewusst. Er befürchte, dass auch seine Mitmenschen seine Panik wahrnehmen und steigere sich so immer weiter in seine Gefühle hinein. Die Angst vor solchen Schreckensszenarien könne dann zu einer sozialen Isolation oder gar in eine Depression führen. „Hier ist die Lebensqualität der Betroffenen oft so stark eingeschränkt, dass sie sich sogar selbst Hilfe holen“, erklärt die Therapeutin. Dazu hat sich auch Jonas entschieden.

*Name von der Redaktion geändert

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