„Generation versteckt sich hinter Smartphones“

Dating

Friendscout24, Tinder, ElitePartner, Parship, eDarling – die Liste der Single-Börsen ist lang. 2003 haben 3,5 Millionen User schon den Partner fürs Leben im Internet gesucht. Zehn Jahre später sind es schon mehr als acht Millionen Nutzer. Traurig, findet Horst Wenzel. Als Flirt- und Persönlichkeitscoach hilft er Singles, den Partner im richtigen Leben zu finden. Die Pflichtlektüre hat mit dem Dortmunder über die Gründe für den Erfolg von Singlebörsen gesprochen sowie über sein eigenes Geschäftsmodell: die Flirt-Universität.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass immer mehr Menschen einen Partner im Internet suchen? 

Ich bin überzeugt, dass viele Singles im Internet suchen, weil es ihnen eine große Anonymität verspricht. Die Angst vor Abweisung ist bei vielen enorm groß. Persönlich eine Abfuhr zu bekommen ist viel schlimmer als im Internet. Bei Tinder können die User zum Beispiel andere Leute anonym ablehnen. Das ist feige, was unsere Generation da macht: Sie versteckt sich hinter dem Smartphone. Viele sind dort auch nicht erfolgreich. Sie kriegen durch Internetplattformen zwar auch Dates im realen Leben, aber meistens sind es nicht die Dates, die sie sich wünschen. Die meisten Kontakte über Tinder laufen auf Bettgeschichten und nicht auf Beziehungen hinaus.

Würden Sie sagen, dass die Menschen, die im Internet jemanden suchen,  naiv sind?

Natürlich kann auch dadurch eine Beziehung entstehen. Aber bei diesen  Menschen herrscht oft eine gewisse Verzweiflung. Die digitale Suche ist wie eine Art Hilferuf, weil die Partnersuche im realen Leben einfach nicht läuft. Denn die meisten Beziehungen entstehen immer noch über den Freundeskreis. Bei den Menschen, die im Internet suchen, ergibt sich im wahren Leben aber oft nichts.

Zur Person

Was ist denn so schlimm daran, Dates im Internet zu suchen?

Die Leute, die übers Internet suchen, stecken extrem viel Zeit in diese Plattformen und sitzen alleine vorm Computer. Single-Börsen wie Tinder und Friendscout gaukeln dem User  vor, dass das andere Geschlecht im eigenen Leben präsent ist. Aber das ist  noch längst keine reale Beziehung, sondern eine Online-Fake-Welt. Die Menschen kommen aber nicht ums echte Leben drum herum. Irgendwann muss ein Date im realen Leben stattfinden.

Wird dieser Trend denn irgendwann vorbei sein?

Ich glaube eher, dass dieser Trend weiter zunehmen wird. Ich finde es total traurig, dass die meisten Studenten nicht den Mut haben, jemanden in der Bib oder Mensa anzusprechen. Es ist wirklich traurig, dass man dafür Tools braucht. So schlimm ist das doch nicht, jemanden anzusprechen.

Hängt dieser Trend eventuell damit zusammen, dass Singles wählerischer geworden sind?

Horst Wenzel ist Flirt- und Persönlichkeitstrainer. Foto: privat

 Die Möglichkeiten, einen Partner zu finden, sind extrem gewachsen. Damals  gab es noch viele Zweckbeziehungen. Meine Großeltern waren froh, dass sie  sich hatten. Heute haben Singles in Großstädten eine unglaubliche Auswahl, die sie auch nutzen wollen. Sie jagen den Vorstellungen nach dem perfekten Partner hinterher, den es aber in der Realität gar nicht gibt.

Welche Probleme haben Männer und Frauen, jemanden im wahren Leben  anzusprechen?

 Die Angst vor Abweisung ist bei vielen enorm groß. Da ist es erst einmal der vermeintlich einfachste Weg, online zu suchen. Um einen Partner zu finden, muss man aber riskieren, abgelehnt zu werden. Zu diesem Schritt gehört etwas Mut. Angst vor Dingen zu haben ist völlig normal. Ich etwa habe die Hosen voll bei großen Höhen, stürze mich aber trotzdem mit Fallschirm aus dem Flugzeug. Mutig sein heißt auch nicht, keine Angst zu haben, sondern mutig sein bedeutet, es trotzdem zu tun.

Gibt es auch geschlechtsspezifische Eigenarten beim Flirten?

Frauen sind viel emotionaler gestrickt als Männer. Frauen erwarten, dass  Männer sie ansprechen, ein Date ausmachen oder auch den ersten Kuss einleiten. Männer sind aber oft zu ernst und besitzen zu wenig Einfühlungsvermögen. Gleichzeitig trauen sie sich manchmal nicht, die ersten Schritte zu machen. Das erwarten aber die Frauen.

Was raten Sie Suchenden, wie sie die Hemmung, jemand Fremdes anzusprechen, überwinden können?

Man sollte einfach ein sozialer Mensch sein. Es sind nämlich nicht irgendwelche Maschen, die Menschen beim Flirten erfolgreich machen. Der beste Verführer ist natürlich, sympathisch und einfach ein sehr sozialer Mensch.

Was zeichnet so einen sozialen Menschen aus?

Ein sozialer Mensch ist ehrlich und freundlich zu Menschen, strahlt viele Leute an und fängt auch im Alltag, zum Beispiel in der Bäckerei, einfach ein Gespräch mit Fremden an. Er redet vielleicht auch etwas mehr als andere Menschen. Er erzählt spannende Geschichten und verbreitet gute Gefühle, das wirkt anziehend auf uns Menschen.

 Und wie wird man ein sozialer Mensch?

Man sollte einfach die Alltagssituationen nutzen, ein nettes Gespräch mit Fremden führen. Das muss dann auch nicht direkt mit dem Traumpartner sein. Es kann sich auch einfach um ein unverfängliches Gespräch mit einer alten Dame im Zug handeln. Wenn man sich sympathisch ist, sind das die gleichen Wirkungsmechanismen, als würde man sich mit einer Person unterhalten, die man attraktiv findet.

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Sie coachen als Flirt- und Persönlichkeitstrainer Singles. Wie läuft das ab?

Wir lösen negative Glaubenssätze auf und behandeln Einstellungsfragen. Das  ist besser als den Leuten Verhaltenstipps zu geben. Denn ich bin überzeugt, dass das wahre Innere eines Menschen immer durchscheint, auch wenn man versucht, sich zu verstellen. Die FlirtUniversity versteht sich als Fahrschule fürs Flirten. Wir bieten einen sicheren Rahmen, in dem die Singles positive Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sammeln können. Dabei legen wir viel Wert auf Praxis. Wir machen zum Beispiel auf der Straße vor, wie man eine fremde Person am besten anspricht. Dann ist der Single dran. Während einer anschließenden Videoanalyse zerlegen wir  gemeinsam das Gespräch. Wir schauen etwa auf die Körpersprache, wie groß die jeweiligen Redeanteile waren und was man vielleicht besser machen könnte.

Wie sieht die Erfolgsstatistik der FlirtUniversity aus?

Acht von zehn unserer Teilnehmer haben nach dem Flirtcoaching ein Date. Ich sage aber ehrlicherweise dazu, dass es einen realen Aufwand bedeutet, an sich selbst zu arbeiten. Und nur diejenigen, die wirklich am Ball bleiben, das sind etwas weniger als die Hälfte, finden nach ein paar Wochen dann den
Weg in eine glückliche Beziehung. Wir können nicht zaubern, doch ich glaube an die Veränderungsfähigkeit und die Veränderungswürdigkeit von Menschen. Am meisten motiviert es mich, wenn ich hinterher höre „Danke Horst und übrigens, das hier ist meine neue Freundin“.

Profitieren Sie nicht einfach genau wie Single-Börsen von der Unsicherheit der Menschen?

Bei der FlirtUniversity gibt es die Angel und nicht den Fisch. Aber natürlich bieten wir ebenfalls eine Lösung, die Sicherheit auf dem Weg in die Partnerschaft verspricht. Zu gerne begleite ich meine Teilnehmer, bis diese sicher in einer Beziehung angekommen sind. Spaß darf auf dem Weg auch
nicht fehlen, denn Flirten ist immerhin das Training mit den Falschen für die Richtige.

Gehen die Singles selbstbewusster aus dem Coaching hervor?

Das Coaching ist wie eine Art Selbstbewusstseins-Booster. Sie merken, dass sie Singlebörsen nicht brauchen und stattdessen auf andere Menschen im realen Leben zugehen können.

Fällt Ihnen da eine Person ein, bei der das Coaching besonders erfolgreich war?

 Vor Jahren habe ich mal einen Mann gecoacht, der sehr ländlich aufgewachsen ist. Er war damals 26 Jahre alt und noch Jungfrau. Er war superschüchtern. Wenn er jemanden angesprochen hat, hat er gezittert und gestottert. Ein halbes Jahr nach dem Coaching hatte er dann seine erste Beziehung. Mittlerweile ist er seit 1,5 Jahren verheiratet.

Sie müssten als Flirtcoach am besten wissen, wie man einen Partner findet. Sind Sie in einer Beziehung?

(lacht) Ja, ich habe eine Freundin. Vor zwei Jahren war ich mit einem sehr zurückhaltenden Herrn unterwegs. In der Fußgängerzone habe ich eine große, schlanke und attraktive Blondine gesehen. Er sollte sie eigentlich ansprechen, hat sich aber zu dem Zeitpunkt noch nicht getraut. Dann sagte  ich „So, das mache ich dir jetzt vor“. Aus dem Vormachen sind zwei Jahre Beziehung entstanden.

Teaserfoto: Screenshot Appstore beim Suchwort „Dating“, Stand: 27.02.2015; Montage: Pflichtlektüre.