Dortmund ist für Radfahrer gefährlich

In Dortmund fühlen sich Fahrradfahrer im Straßenverkehr eher unsicher und nur bedingt akzeptiert. Das ergab der ADFC-Fahrradklimatest 2014, der am Donnerstag veröffentlicht wurde. 

Tobias (29) fährt regelmäßig aus der Dortmunder Innenstadt mit dem Fahrrad an den Campus Nord. Er schätzt er es, schneller und unabhängiger zu sein, als mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Dabei ist er immer mit Helm unterwegs. Wegen der Vorbildfunktion, die er als Vater seiner kleinen Tochter gegenüber hat, vor allem aber tatsächlich wegen der Sicherheit. „Man muss sehr vorsichtig fahren“, sagt der überzeugte Radler. „Ich selbst habe schon einen Unfall gehabt, bei dem mich ein abbiegendes Auto geschnitten hat, so dass ich in hohem Bogen darüber flog.“ Vor allem Busse nähmen wenig Rücksicht, so der ehemalige Sonderpädagogik-Student.

Tobias (29) fährt gerne - aber nur mit Helm.  Foto: Kristina Gerstenmaier

Tobias (29) fährt gerne – aber nur mit Helm.
Foto: Kristina Gerstenmaier

Den Eindruck der Gefahr beim Fahrradfahren kann Werner Blanke, Vorsitzender der Dortmunder Ortsgruppe des Allgemeinen Fahrrad Clubs (ADFC) nur bestätigen. Er selbst lag bereits in Folge eines Fahrradunfalls schwer verletzt im Krankenhaus. Und erst vergangene Woche sei er beinahe unter die Räder eines LKW geraten, der die Radfahrer-Vorfahrt beim Abbiegen missachtet hatte. „Wäre ich nicht so ein geübter Radfahrer, wäre ich heute wahrscheinlich nicht mehr unter den Lebenden“, sagt er. Trotzdem habe er keine Angst.

Dagegen haben die rund 360 Dortmunder Teilnehmer des bundesweiten ADFC-Fahrradklima-Tests, der am Donnerstag veröffentlicht wurde, offensichtlich sehr wohl Angst.

Dortmund ist für Fahrradfahrer nur befriedigend

In der Studie liegt Dortmund in der Kategorie „Großstädte über 100.000 Einwohner“ bundesweit auf Platz 25 von 36, in Nordrhein-Westfalen auf Platz 8 von 15. Mit einer Gesamtwertung von 4,0 (richtet sich nach Schulnoten) liegt Dortmund nicht nur unter dem Durchschnittswert anderer Städte in der gleichen Stadtgrößenklasse (3,8), sondern hat nur befriedigend abgeschnitten. Bundes- und landesweit auf Platz 1 liegt übrigens nach wie vor Münster. Für die Studie haben im Herbst 2014 insgesamt 100.000 Menschen aus 468 Städten und Gemeinden mittels eines Fragebogens die Fahrradfreundlichkeit ihrer Wohnorte bewertet

„Einer der Knackpunkte ist, dass die Leute sich nicht sicher fühlen“, sagt Blanke. „Deswegen lassen viele Eltern ihre Schulkinder auch nicht mit dem Fahrrad zur Schule fahren.“ Den negativen Wert erklärt er in der allgemeinen Enttäuschung darüber, dass die Kommune ihre versprochenen Ziele bezüglich der Förderung des Fahrradfahrens in den vergangenen Jahren nicht umgesetzt habe. „Fahrradfreundlichkeit wird von der Politik nicht unterstützt, da hieß es mehrmals, dass man den Autofahrern nicht auf die Füße treten wolle’“, so Blanke. Gehoben wird der Dortmunder Wert von eher unwichtigeren Faktoren wie der Verfügbarkeit von Mieträdern und einer geringer Quote an Fahrraddiebstählen.

Die Quote zumindest ist wenig verwunderlich, da Fahrräder in Dortmund nur knapp sieben Prozent der Verkehrsmittel ausmachen. Und das, obwohl der von unter anderem der Stadt, der Industrie- und Handelskammer und den Verkehrsgesellschaften unterschriebene Masterplan Mobilität für dieses Jahr eine Steigerung auf 15 Prozent geplant hatte. 

Jochen (25)  fährt vor allem des Sportfaktors wegen.

Jochen (25) fährt vor allem des Sportfaktors wegen.

 Wenig Fahrräder auf dem Campus

Auch am Campus der TU Dortmund herrscht eher wenig Fahrradverkehr. Die Fahrradständer wirken ein bisschen verwaist. Jochen (25), der an der TU Maschinentechnik und Sport auf Lehramt studiert, kommt vor allem des Sportfaktors wegen mit

dem Rad zur Uni: „Ich fahre Fahrrad, um meine sportliche Ausdauer zu trainieren und weil es schneller geht“, sagt er. In der Innenstadt fahre aber auch er nicht gerne. Da gebe es zu wenig Fahrradwege und zu viele Autos. Kevin und Sandy (beide 21, Statistik) hingegen fahren wie die meisten ihrer Kommilitonen lieber mit Bus und Bahn. Weil es dort keine Berge zu bewältigen gibt, weil die Anbindung gut ist, weil es doch vor allem zur Zeit doch einfach zu kalt ist.

Münster seit Jahren auf Platz 1 

Sandy (21) und Kevin (21) fahren lieber mit Bus und Bahn.

Sandy (21) und Kevin (21) fahren lieber mit Bus und Bahn.

Aber was macht Münster denn besser als Dortmund? Ist dort tatsächlich das Wegenetz besser ausgebaut? Gibt es weniger Autos oder sind die Menschen dort gar mutiger? Hinsichtlich der Fahrraddiebstähle steht Münster laut ADFC-Test schon mal ganz vorn. Und auch die Fahrradwege seien nicht die besten, weiß ADFC-Vorsitzender Blanke. „Aber es ist ein anderes Image.“ In Münster werde man nicht schief angeschaut und gefragt ob das Auto kaputt sei, wenn man mit dem Fahrrad komme, wie es ihm in Dortmund oft passiere. Dort würden nicht die Fahrradwege ständig zugeparkt und dort habe das Fahrrad sogar Vorrang vor dem Auto. In Dortmund hingegen herrsche das allgemeine Gefühl: „Ich bin als Fahrradfahrer nicht gerne gesehen, ich komme nicht gut durch und es ist gefährlich.“ Das bekomme man nur durch Öffentlichkeitsarbeit weg, so Blanke.

Trotz allem legt der ADFC-Vorsitzende gerade Neu-Dortmundern das Zweirad ans Herz: „Weil man eine Stadt nicht besser erkunden kann, als mit dem Fahrrad.“

 

Wer jetzt – trotz allem – auf den Geschmack gekommen ist, kann sich hier seine individuelle Fahrradtour durch die Stadt zusammen stellen. 

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