Happy New Year am 21. Juni? Warum die Welt an unterschiedlichen Daten Neujahr feiert

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Neues Jahr, neues Glück? Es ist schon einige Monate her, dass wir voller guter Vorsätze in das neue Jahr gestartet sind. In Südamerika, im Hochland Boliviens, feiern die Menschen erst jetzt den Jahreswechsel. Am 21. Juni wird hier das Neujahrsfest der Kulturgruppe Aymara begangen.

Für viele Kulturen waren die Fixpunkte im Kreislauf der Erde um die Sonne ausschlaggebend für den Start ins neue Jahr. Also die Sonnenwenden (21. Dezember und 21. Juni) und die Tagundnachtgleichen (21. März und 21. September). In Japan, im Iran, in China – und auch im Andenhochland. Am 21. Juni versammeln sich tausende Menschen in Tiwanaku, einer Ruinenstadt nahe des Titicacasees. Zwischen den baulichen Überbleibseln der gleichnamigen Kulturgruppe Tiwanaku, die zwischen 200 vor bis 1000 nach Christus im gesamten Andenraum verbreitet war. Sie gilt als Vorfahr der heutigen  Ethnie Aymara.

Im Morgengrauen warten die Menschen, bis die Strahlen der aufgehenden Sonne durch die rechte obere Ecke der Puerta del Sol, des Sonnentores, fallen. Dieses Tor gilt als einer der ältesten Kalender weltweit. Der Winkel, in dem die Sonne zu einer bestimmten Tageszeit auf eines der Bilder im Torbogen trifft, zeigt den jeweiligen Monat an. Zur Sonnenwende erstrahlt das Abbild des Schöpfergottes in der Mitte. Die Sonnenanbeter recken ihre Hände in die Höhe, jubeln und begehen das Fest zur Rückkehr der Sonne. Mit der Sonnenwende begann im andinen Hochland über Jahrtausende das neue Jahr. So lange, bis spanische Eroberer kamen und beschlossen, von nun an solle der in Europa gebräuchliche gregorianische Kalender das traditionelle System ablösen.

Ganz unterschiedliche Jahreswechsel

Bevor die Globalisierung in ihrem kulturellen Eroberungsfeldzug auch das westliche Kalendersystem mitnahm, begann das Jahr weltweit zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten. Es gibt nur noch sehr wenige Bevölkerungsgruppen, die sich davon emanzipieren und ihre eigenen Kalender pflegen.

„Man muss sich in Anbetracht der Vielzahl traditioneller Kalendersysteme die Frage stellen: Wie wird Zeit eigentlich gemessen“, sagt Gunther Hirschfelder, Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. „Zuerst war da das zyklische Zeitverständnis, das sich an dem irdischen und dem himmlischen Kreislauf orientiert“, erklärt er. Alles kehrt wieder und geht ineinander über. Die Christen hätten dann das Ideal etabliert, ein möglichst reiches Leben zu haben, keine Zeit verlieren zu wollen.

Der Vorstoß der Wissenschaft habe das zyklische Zeitverständnis später durch ein lineares abgelöst. Was bedeutet, dass die Zeit enden kann. „Mit der Digitalisierung kam dann das Zeitmanagement und sich von der Zeit diktieren lassen, die Zeit quantifizieren zu wollen“, sagt Hirschberger. „Kalender sind Ausdruck davon, die Zeit berechnen zu wollen.“

Eingeführt wurden Kalender, als die Menschen sesshaft wurden, und mit dem Ackerbau begannen. Jetzt war es nötig, den genauen Punkt im Jahreskreislauf zu kennen. Wissenschaftler vermuten, dass sich zum Beispiel auch die südamerikanische Hochkultur Tiwanaku nur deswegen so ausbreitete und über tausend Jahre bestehen konnte, weil sie den Ackerbau an ihrem Kalender ausrichteten – dem Sonnentor.

Es gab eine Zeit vor dem Kalender

„Heute allerdings, in Zeiten in denen man seine Biographie designt“, sagt Hirschfelder, „geben wir die Oberhoheit über unser Leben an Maschinen ab. Es herrscht die Auffassung, dass man besonders viel in sein Leben reinpacken muss.“ Da man in einer Zeit-Stress-Falle feststecke, sei ein geregelter Jahresablauf für eine Ordnung des Lebens nötig.

Der Kalender ist also hier und heute als kulturelles Ordnungssystem unerlässlich. War das früher anders? Ja, sagt Gunther Hirschberger. Auch wenn unser Kalender schon seit Jahrhunderten besteht, orientierten sich die Menschen noch bis vor zwei Generationen eher an anderen Terminen im Jahreskreislauf. An historischen Schlachtterminen, der Fastenzeit oder katholischen Feiertagen als Fixpunkte für Regelungen des Alltags. Der Neujahrstermin, und damit die Jahresstruktur nach dem Kalender, sei erst mit zunehmender Industrialisierung im 20. Jahrhundert wichtig geworden.

Und wie ist das in anderen Kulturen? Unsere Karte zeigt eine Auswahl davon, wie in anderen Ländern rund um den Globus die Zeit berechnet wurde, warum es so viele unterschiedliche Systeme gibt und warum es eine Datumsgrenze gibt.

 

Beitragsbild: michab100/flikr.com

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