Duell am Donnerstag: Ist Luxus nur materiell?

DAS-DUELL-Tobias-Jana

Alle wollen ihn, kaum einer hat ihn. Luxus ist der Porsche vor der Tür, Diamanten, Klamotten. Kaufen, was das Herz begehrt. Aber muss Luxus eigentlich immer materiell sein?

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Luxus ist materiell. Luxus ist Wohlstand. Luxus ist Geld. Zugegeben, das ist ein ernüchternder Gedanke, er wärmt nicht das Herz, ihm geht jeder Charme ab. Aber trotzdem ist er Realität. Es bedarf Mut, dies zu erkennen und auszusprechen.

Denn die Behauptung, dass auch immaterielle Güter wie Bildung, Freiheit oder Freizeit selber Luxus sind, hat nicht nur einen weitaus höheren populistischen Wert. Sie hat nämlich auch eine selbstberuhigende Wirkung auf das kollektive Gewissen unserer anglo-eurozentristischen Wohlstandsgesellschaft. Frei nach dem Motto: „Was zählt schon unser hedonistischer Überfluss? Die wirklich wichtigen Dinge kann man eh nicht mit Geld kaufen. Wir könnten auch ohne das ganze Zeug.“ Aber könnten wir wirklich?

Der einfache Denkfehler

Beispiel Bildung: Es ist ein gedanklicher Konstruktionsfehler zu glauben, dass Bildung Luxus sei. Der Luxus liegt darin, diese Bildung kaufen zu können. Bildung fällt nicht kostenlos vom Himmel, sondern wird durch schwindelerregende Steuerausgaben finanziert. Nur eine ökonomisch stabile Gesellschaft kann sich das gönnen.

Und wer am Existenzminimum kratzt, wird kaum den Nachhilfelehrer bezahlen, geschweige denn die Sprösslinge auf Privatschulen schicken können. Zahllose Studien belegen, dass Kinder aus sozial schwächeren Schichten deutlich seltener Abitur machen oder die Uni besuchen. Alles nur Zufall?

Auch Freiheit ist ein käufliches Gut

Gleiches gilt für die Freizeit – Raum für sich, für die Liebsten, für die Seele. Aber wieder: Nicht die Freizeit ist der Luxus, sondern sich diese leisten zu können. Ein feiner, aber elementarer Unterschied.

Freizeit ist im Prinzip nichts anderes, als nicht zu arbeiten. Aber wer das tut, verzichtet (freiwillig oder auch gesetzlich) auf weiteren Erwerb. Einzige Bedingung: Die Haushaltskasse lässt es zu.

Gleiches gilt für unser höchstes Ideal, den okzidentalen Wert par Exellence: die Freiheit. Denn natürlich ist auch die Freiheit ist ein käufliches Gut. Im Einzelfall können es finanzielle Unabhängigkeit vom Ehepartner oder den Eltern sein, bei Flüchtlingen die Kosten für Visa und Reise oder für ganze Demokratien Milliardenausgaben für Verwaltung, Justiz, Legislative und Militär.

In anderen Teilen der Welt wird der Gegenwert von Freiheit sogar noch deutlicher: Denn in autokratischen und absolutistischen Staaten wie am arabischen Golf verzichten die Einwohner sogar auf eigene Freiheitsrechte – im Gegenzug für ökonomischen Profit und weltliche Reichtümer. Materiellen Luxus.

Der wahre Luxus

Wie Spott und Hohn muss die Mär der Gutmenschen vom immateriellen Luxus in den Ohren von Millionen und Milliarden Menschen klingen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat „Luxus“ für sie einen realen Gegenwert: Ein Auto, ein sicheres Dach über dem Kopf, vielleicht sogar bloß ausreichend Nahrung für die Familie. Alles Güter, die mit der harten Münze bezahlt werden.

Der wahre Luxus ist, über all das nicht nachdenken zu müssen. Vergessen zu können, was das Fundament der Güter ist, die in unserem Leben Luxus zu sein scheinen. Aber es ist nicht nur einfach und bequem so zu denken, sondern auch falsch. Denn wer laut die Früchte des Baumes lobt, der sollte auch wissen, wo seine Wurzeln stehen.

 

contra

Luxus steht für etwas, was andere haben und man sich selbst nicht leisten kann. Was das ist, legt aber jeder für sich selbst fest. Orientiert wird sich dabei am eigenen Gesellschaftsbild. Weitet man dieses aus, so wird eines ganz klar deutlich: Luxus muss nicht materiell sein.

Unser Bildungssystem ist Luxus

Gerade in Deutschland gibt es dafür ein äußerst prägnantes Beispiel: Die Bildung. Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir a) zur Schule gehen können und b) nichts dafür zahlen müssen. Nahezu das Gleiche gilt für Ausbildung und Studium. Im Vergleich mit anderen Ländern zeigt sich: Unser Bildungssystem ist Luxus. Um das zu erkennen, reicht bereits ein Blick in die USA. Öffentliche Schulen sind dort zwar wie in Deutschland kostenlos, doch sobald es aufs College oder auf die Universität geht, steigen die Studiengebühren zum Teil ins Unermessliche. 3.000 bis 40.000 Dollar werden dort jährlich von jedem Studierenden eingezogen.

Luxus heißt Chancengleichheit

In Deutschland steht Bildung jederzeit und jedermann zur Verfügung. Natürlich lässt sich einwenden, dass auch die Bildung in Deutschland nicht umsonst ist, sondern von Steuergeldern finanziert wird, dass sozial schwächere Familien häufig einen geringeren Bildungsstandard aufweisen. Der Luxus der Bildung zeigt sich aber nicht in dem Geld, das dafür aufgewendet wird oder in dem Grad an Bildung, den der Einzelne erreicht. Der Luxus zeigt sich in der Chancengleichheit auf Bildung. In Deutschland ist es jedem Kind möglich, zur Schule zu gehen. Jeder Bürger hat das gleiche Recht auf Bildung – und Gleichberechtigung ist nicht käuflich.

Dass diese Wertvorstellung Luxus ist, zeigt das extreme Beispiel von Flüchtlingen, die in Deutschland ein neues Leben beginnen. Für viele werden hier Lebensumstände wahr, die in ihrem Heimatland nahezu unmöglich schienen: Arbeit, Schule, eine eigene Wohnung. Wir beschweren uns häufig noch darüber, dass alles nicht genug ist, kämpfen an Stellen für Gleichberechtigung und Umverteilung, an denen sie gar nicht mehr nötig ist.

Luxus in der Wohlstandsgesellschaft

Was Außenstehende in unserer Gesellschaft als Luxus betrachten, ist neben dem materiellen Standard, den wir uns leisten können, unsere geistige Einstellung. Die einzige Frage, die sich dann noch stellt, ist die Frage danach, was zuerst war: Der Wille, eine gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen oder die finanziellen Mittel, es zu tun? Eines scheint offensichtlich: Ohne Geld geht es nicht. Allerdings muss es mit Geld nicht zwangsweise auf eine soziale Gesellschaft hinauslaufen. Dafür finden sich genug Beispiele in der Geschichte.

Es ist wichtig, sich eines vor Augen zu halten: Wir leben in Deutschland in einer Wohlstandsgesellschaft. Für einzelne ist hier nicht einmal Arbeit eine Voraussetzung für genug Essen, ein Dach über dem Kopf und Flachbildfernseher im Wohnzimmer. Wer keine Arbeit findet oder nicht mehr arbeitsfähig ist, dem hilft der Staat aus.

Selbstverständlich geht das nicht ohne Geld. Aber der Luxus der deutschen Gesellschaft besteht nicht im Geld an sich, sondern in dem System, das Geld so umzuverteilen, dass jeder Bürger ein gutes Leben führen kann. Und nur, weil Geld benötigt wird, um eine soziale Wertvorstellung umzusetzen, sind die Werte an sich nicht materiell. Einen Picasso macht nicht die Rahmung so wertvoll.

Es schadet sicher nicht, sich ab und an bewusst zu werden, was Außenstehende an unserem Lebensstandard als Luxus bezeichnen würden. Damit wir aufhören, Bildung, Arbeit und Gleichberechtigung als selbstverständlich hinzunehmen. Diese Wertschätzung sind wir nicht zuletzt auch denen schuldig, die noch immer dafür kämpfen, den Standard zu erreichen, den bei uns längst jeder Bürger innehat.

 

Beschreibung

das-duell-feeder Foto: stockxchng/bizior, Teaserfoto: S. Hofschlaeger / pixelio.de, Montage: Steinborn/Schweigmann

Teaserfoto: kurt-f-domnik/pixelio.de

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