Ein Leben frei von Geld

Tobi Rosswog

Es ist der Tag seines 17. Geburtstags, als Tobi beschließt, nicht mehr älter zu werden, für immer ein Kind zu bleiben. Ganz ohne Verantwortung und Vernunft, befallen vom Peter-Pan-Syndrom. Also entscheidet er sich mit 17, ein Leben frei von Geld zu führen, eine Utopie zu leben. Seine Utopie.

Montagabend, 20:07 Uhr, Dortmund Kreuzviertel. Ein schwarzer Mini biegt in den Neuen Graben ein, hält vor einem der Reihenhäuser. Vom Beifahrersitz steigt ein junger Mann auf die Straße, wirft die hellbraunen Locken über die Schulter, holt einen voll bepackten Trekkingrucksack aus dem Kofferraum. Ein breites Lächeln für den Fahrer des Wagens, eine Umarmung. Dann wendet er den Blick auf das Stockwerkhaus.

Tobi Rosswog ist nach Dortmund getrampt. Vier Stunden und drei Mitfahrgelegenheiten hat er von Hannover aus bis hierher gebraucht. Bis Mittwoch wird er bleiben, bei Alex im vierten Stock übernachten, einen Workshop vor ihm und seinen Mitaktivisten von Occupy Dortmund geben. Alex kennt er bisher noch nicht. Aber das ist nicht weiter schlimm, so macht Tobi das jetzt immer. Schließlich lebt er seit März 2013 ohne einen einzigen Cent.

Tobi Rosswog führt ein Leben ohne Geld. In dem Trekkingrucksack ist alles, was er besitzt.

Mit Hab und Gut auf Reisen: Isomatte und Schlafsack für Nächte im Freien. "Es gibt nichts schöneres." Teaserbild und Fotos: Maike Knorre

Das Geld hat einen falschen Stellenwert

Nicht etwa im politischen Geldstreik, das betont er immer wieder. Geldfrei nennt er den Lebensstil, den er praktiziert. Besser gesagt: zelebriert. „In meiner Utopie können sich die Menschen frei entfalten, ganz ohne die Diktatur von Statussymbolen. Im Mittelpunkt steht nicht das Geld, sondern die bedingungslose Liebe. Wie trügerisch der vermeintliche Wert des Geldes ist, steckt schon in seinem Wort“, erklärt er. „Ein Geldschein scheint nur wertvoll.“

Tobi möchte in keinem Dienstleistungsverhältnis mehr leben, verweigert die Rollenverteilung Konsument-Verkäufer. „Warum muss es für alles eine Gegenleistung geben? Schenken ist die neue Gesellschaftsform.“

Das erklärt er oft und gerne. Alex vom Neuen Graben zum Beispiel, sowie all den anderen Menschen, die ihm auf seiner Reise von Ort zu Ort begegnen, einen Schlafplatz geben. Auch den Workshopteilnehmern am nächsten Abend im Kulturhaus Taranta Babu, mit denen er im Wald unterm Sternenhimmel übernachten wird. Und den Obst- und Gemüsehändlern auf dem Nordmarkt.

Geschenkter Einkauf: „Ich möchte nur das, was eh weggeschmissen wird“

Die Mittagssonne steht hoch über den gestreiften Markisen der Marktstände, die Besucher haben ihren Einkauf erledigt, machen sich mit prallgefüllten Plastiktüten auf den Heimweg. Auch die Händler wollen nach Hause, verladen leere Holzkisten in weiße Lieferwagen, bauen die Verkaufsflächen ab. Karottengrün und Pappe liegen auf den Pflastersteinen, eine aufgeplatzte Melone. Aufbruchsstimmung. Nur einer hat noch einen leeren Beutel, Tobi.

Tobi Rosswog liebt frei von Geld, Nordmarkt

Ruhigen Schrittes geht er von Stand zu Stand, fragt die hektischen Händler nach Lebensmitteln, die jetzt im Müll landen, weil sie Macken haben und unverkäuflich sind. Seine Worte sind immer die gleichen. Ein freundliches Hallo, kurzes Vorstellen. „Ich befinde mich auf einer Reise und führe ein geldfreies Leben.“ Die Frage nach unbrauchbarer Ware. Die meisten schicken ihn mit unsicherem Lächeln weiter, sehen achselzuckend zu den Kollegen, die ihre Arbeit ebenfalls unterbrochen haben.

Bei Ammet wird er gleich hinter den Tisch gewinkt. Der Marktverkäufer zeigt nickend auf zwei halbgefüllte Kisten mit grün-roten Äpfeln, die auf dem Boden stehen. Manche haben braune Druckstellen, sind ein bisschen weich. Die meisten sind einwandfrei. Ein Duzend Äpfel packt Tobi in seinen Stoffbeutel, umarmt den lachenden Ammet. Am Nachbarstand gibt’s noch einen Blumenkohl.

Pädagogisch wirken gegen die „Crux des Turbo-Konsums“

Tobi Rosswog lebt frei von Geld. Einkaufsbeutel, Markt, Apfel, Blumenkohl

Auch wenn´s geschenkt ist: Tobi achtet darauf, möglichst ungespritzes Obst und Gemüse entgegen zu nehmen.

Hunger hat Tobi seit dem Lebenswandel im März noch nicht verspürt. Wenn er nicht auf dem Wochenmarkt nach Wegwerfware fragt, geht er zu Super- und Biomärkten. Von Obst und Gemüse ernährt er sich hauptsächlich, meistens im rohen Zustand. Eine leere Club Mate Flasche füllt er bei jeder Gelegenheit mit Kranwasser. Zahnpasta und Shampoo rührt Tobi selber aus Kräutern und Erde, Kleidung, einen Laptop und das Handy hat er noch „von früher“.

Früher, als er mit rund 250 Euro Monatsausgaben in einer Hippie WG in Hannover gelebt und „so Pädagogikkrams“ studiert hat. Ein Konto hat er jetzt nicht mehr, das Studium ist mittlerweile abgebrochen, mit einem Schnitt von 1,3. „Stupides Wissenfressen“ habe für ihn nichts mit Bildung zu tun. „Pädagogisch wirken kann ich auch ohne einen papierenen Schein.“

Pädagogisch Wirken, das ist sein Lebenstraum, seine Berufung. Dafür trampt er durch Deutschland, lässt sich einladen, um von seiner Reise zu erzählen. Auf seinem Blog berichtet er von den Menschen und Projekten, die ihn bewegen – so auch die Initiative foodsharing. Dabei versteht er sich nicht als Missionar. „Ich möchte niemanden dazu überreden, so zu leben wie ich. Ich wünsche mir,  einen Anstoß zum Nachdenken und Nachfühlen zugeben – für ein Leben in Harmonie und Liebe mit der Umwelt und den Mitmenschen.“

Tobi Rosswog lebt ein Leben frei von Geld.

In Tobis Schenkkultur sind alle Ärzte Missionare, die Welt eine große Lebensgemeinschaft mit Putzplan.

Ob optimistisch oder naiv: Die Utopie stößt auf allgemeine Akzeptanz

Geht das wirklich alles so einfach? Reisen, beschenkt werden, weiterreisen? Und alle haben sich lieb? Angst, dass es mal knapp wird, hat Tobi jedenfalls nicht. Er ist voller Vertrauen in die Güte der Menschen. „Einen Sozialschmarotzer hat mich noch nie jemand genannt. Ich erfahre durchweg positive Reaktionen auf meine Utopie“, sagt er und lächelt sein beseeltes Lächeln. Wenn auch mit einem flauen Gefühl im Magen, man glaubt es ihm.

Gibt es kein bisschen Luxus, mal einen Kino- oder Konzertbesuch? „Ich brauche keine Unterhaltung, meine Energie gibt mir der Kontakt mit wundervollen Menschen.“ Wie sieht es aus mit einer Versicherung? „Ich habe nichts, was ich versichern müsste.“ Krankenschutz? „Ich ernähre mich vegan, nehme keine berauschenden Mittel und vergifte meinen Körper auch nicht anderweitig.“

Einen Strich durch die Rechnung macht ihm seine Gesundheit dennoch: Auf Grund einer angeborenen Krankheit ist Tobi auf das staatliche Gesundheitssystem angewiesen, über seine Eltern mitversichert. Von denen spricht er jedoch nicht so viel. Sein Vater, so sagt er, glaubt daran, dass sein Sohn irgendwann erwachsen werde.

„Utopie und Realität widersprechen sich nicht – schrittweise zum Ziel“

Pause im Westpark. Auf dem Weg dorthin hat er drei seiner Äpfel von Markthändler Ammet weiterverschenkt, an erstaunt dreinblickende Passanten. Auf Skeptiker zu treffen, freue ihn. Tobi sagt „mein Lieber“ und „Du“, spricht von „dürfen, können, ermöglichen“. Das Wort wunderbar benutzt er zu Haufe, Steigerungsform: „wunderbärchen“. Ein Portemonnaie hat er nicht dabei, dafür jede Menge Herzenswärme. Und Visionen.

Tobi Rosswog führt ein Leben frei von Geld

Seine Philosophie ist nicht dogmatisch. In ihr steckt unter anderem die Gewaltfreiheit "Ahimsa" des Buddhismus, christliche Nächstenliebe und ein Stück Indianerkultur.

Ein Leben frei von Geld, für Tobi Rosswog pure Lebensfreude, kein Verzicht. Nach seiner Reise möchte er in einer freien Lebensgemeinschaft seine Utopie leben, eine neue Art von Kindergarten und Schule entwickeln. Bis dahin bleibt sein Rucksack gepackt.

8 Comments

  • Johanna sagt:

    Liebe Maike, Geschichten erzählen liegt dir wirklich! Ich habe lange keinen so schön geschriebenen Artikel gelesen 🙂

    Ich habe Tobi vor Kurzem für eine Online-Konferenz interviewt und bin wegen etwas mehr Hintergrundrecherche hier gelandet.

    Daumen hoch jedenfalls für diesen tollen Text!

    Alles Liebe
    Johanna

  • Pedro sagt:

    Das Problem, dass ich bei Tobi sehe ist folgendes: Er betont immer wieder, wie überflüssig doch die kapitalistische Welt sei, ist aber immer und immer wieder von ihr abhängig und profitiert ganz erheblich davon. Bestes Beispiel sind die kapitalistischen Markthändler, von denen er Lebensmittel bezieht, die Hersteller des Handys und des Laptops, dass er besitzt und häufig nutzt, aber auch die Autofahrer, ohne die er nicht trampen könnte, die ein Auto gegen Bezahlung von Geld erworben haben. Er zieht seine Vorteile aus dieser kapitalistischen Welt also nicht nur ab und zu oder gar selten, er lebt „in toto“ davon, er braucht sie jeden Tag um überhaupt überleben zu können. Das hört noch längst nicht bei den Räumlichkeiten auf, die für Geld angemietet wurden, in denen er ab und zu übernachtet oder Workshops hält, bei dem Kunstoffrucksack, der von bösen kapitalistischen Firmen produziert wurden etc. pp. Die Liste könnte fast ad infinitum fortgeführt werden.

    Dadurch, dass er sich auch noch aufgrund seiner veganen Lebenseinstellung sehr ungesund ernährt wird er früher oder später auch noch gesundheitliche Probleme bekommen, da er wohl mit Sicherheit keine Zusatzsotffe zu sich nimmt, die seinen Vitamin-B12-Magel ausgleichen.

    Ich kann mich daher nur vollunfänglich der Meinung von D. Kanschat anschließen.

    Es ist immerhin gut zu wissen, dass sowohl Personen, die im Geldstreik leben als auch die Veganer zum größten Teil unter 30 Jahre alt sind. Solche Lebensstile wachsen sich also zum Glück mit der Zeit aus, wenn man erwachsen wird und erkennt, dass die Welt eben nicht nach dem Motto „piep-piep-piep-wir-haben-uns-lieb“ funktioniert.

    Trotzdem – oder gerade deshalb? – wünsche ich Tobi eine gute Reise auf seinem Weg, der ihm hoffentlich zu dem Ziel bringt, das sein Vater ihm wünscht: Erwachsen werden!

  • Der_Alex sagt:

    Tobi lebt offenbar meine Überzeugung …. ich beneide ihn um die Stärke, die er damit zeigt!

    @D.Kanschat: Wer etwas für undurchführbar hält, kann es dem Grunde nach nie erreichen.
    Was Tobi nicht sagt: Geld macht Sklaven – auf beiden Seiten!

    Die nette Bäckereifachverkäuferin steht nicht um 5 Uhr auf, weil sie es nicht erwarten kann, dass Du bei ihr 1-2 Brötchen holst.
    Der Top-Manager benötigt in der Regel nicht noch mehr Geld, aber er bekommt den Hals nicht voll — weil er Sklave des Geldes ist, von dem er glaubt, es sei sein ‚Hilfsmittel‘, sich über ANDERE zu erheben.

    Sehen wir nach … Sao Paolo:

    Die Armen leben (…wenn sie Glück haben…) in zerfallenden Wellblechhütten. Ohne medizinische Versorgung, in weiten Teilen ohne Nahrung.

    Zu denen will man nicht gehören!

    Die Reichen leben in Villen, umgeben von hohen Mauern mit spanischen Reitern (Stacheldrahtspiralen auf den Mauern), bewacht(!) von ganzen Armeen. Die Kinder werden bewacht und in Panzerfahrzeugen zur Schule gebracht, weil man Entführungen fürchtet.

    Zu denen will man bei näherer Betrachtung auch nicht gehören. Sie sind durch ihren Besitz eingesperrt!

    Auf Geld zu verzichten, kann nur befreien!

  • Maike Knorre sagt:

    Hallo D. Kanschat,

    dass eine Utopie ein anzustrebender, nicht realer Zustand ist, sagt die allgemeine Definition. Tobi hat seine eigene Sichtweise entwickelt, sieh doch einfach mal auf seinem Blog nach. Unter „Warum?“ schreibt er mehr zu seinen Visionen.

    Wie (in-)konsequent Tobis Lebensstil ist, ist eine interessante Frage – ich teile Deine Sekpsis. Da ich Tobi jedoch kennengelernt habe, ist mein persönlicher Eindruck, dass es ihm vorrangig um ein Zeichen geht, weniger um eine dogmatische Lebensphilosophie, die es nach strikten Regeln einzuhalten geht.

    Liebe Grüße
    Maike Knorre

  • D. Kanschat sagt:

    In meinen Augen eine widersprüchliche Lebensweise des Herrn Tobi.

    Auf der einen Seite beschreibt er seinen Lebensstil als „Utopie“, auf der anderen Seite versucht er durch seine Beiträge die Gesellschaft zu informieren bzw. sie zu ändern. Aber eine Utopie ist der Definition nach eine undurchführbare Vision / ein undurchführbarer Plan.

    Wenn sein Ziel eh utopisch ist, verstehe ich nicht wieso er versucht das utopische in die Realität zu transportieren.

    Des weiteren entsagt er der kommerziellen Gesellschaft und benutzt dennoch weiterhin Laptop und Handy (aus vergangenen Tagen)? Ein Widerspruch in sich.
    Womit wird sein Blog betrieben? Mit einem Webserver (der i.d.R auch kostenpflichtig ist). Wodurch wird der Webserver oder der Laptop betrieben? Durch Strom. Strom entsteht auch nicht umsonst. So könnte man die Liste vorführen.
    Jemand der ohne Geld leben möchte sollte auch auf die Vorzüge einer Währungsgesellschaft verzichten.

    In meinen Augen wirkt er eher wie ein „Schnorrer“. Er nutzt Sachen, für die er nichts bezahlen will. Ich schließe mich der Meinung des Vaters an.

    LG

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