Bekenntnis eines Streikbrechers

Gleicher Ort, gleiches Bild, andere Zeit. Es ist Bildungsstreik und nur wenige Studenten nehmen aktiv daran teil – fast wie im Juni. Auch pflichtlektüre-Autor Jonas Mueller-Töwe hat nicht demonstriert. Ein Erklärungsversuch.

Gestern war Streik und ich war nicht da. Ich bekenne: Ich habe nicht gestreikt. Jedenfalls nicht mehr als sonst auch. Ich, ich bin der Streikbrecher von nebenan. Die Opportunistensau. Der Reaktionär.

In Essen hatte sich der größte Demonstrationszug zusammengefunden. Foto: Phillip Anft

In Essen hatte sich der größte Demonstrationszug zusammengefunden. Foto: Phillip Anft

Nicht, dass ich viele der Forderungen nicht teilen würde (Anwesenheitspflicht! Sind wir in der Oberstufe, oder was?). Dass ich in der Redaktion geblieben bin, lag vielmehr daran, dass im studentischen Alltag eine ähnlich revolutionäre Stimmung herrscht wie auf dem monatlichen Häkeltreffen der Frauenhilfe.

Die Wechselstimmung aus Zy- und Hedonismus, die uns während der zahlreichen (Pflicht-)vorlesungen in einen wohligen Nachmittagsschlaf wiegt, lähmt zudem mein politisches Engagement nicht unerheblich.

Suche nach den Ursachen

Wie’s ausschaut steh‘ ich damit nicht allein da. Mein Mitbewohner berichtete so gegen 17 Uhr von einer Punkband am Hauptbahnhof – „ansonsten sind hier hauptsächlich Schüler“, hat er mir durch’s Telefon gesteckt.

Woher kommt das nur? Dass uns alles so egal zu sein scheint?

Vielleicht liegts daran, dass wir im Alltag zu oft mit Sprachumdeutungen konfrontiert sind, die offensichtlich scheinende Fakten in politische Interpretationen verwandeln, die Denk- und Handlungsfähigkeit einzuschränken suchen. Wofür auf das Offensichtliche hinweisen?

Nur ein Beispiel unter vielen:

Für den Laien scheint offensichtlich, dass Deutschland sich in Afghanistan im Krieg befindet – offiziell ist es erst seit wenigen Wochen.

Spießer vs. Fundis

Zu meiner Politikverdrossenheit gesellt sich zudem die Tatsache, dass die studentischen Interessen zwischen zwei verfeindeten Lagern aufgerieben werden. Auf der einen Seite die Spießer des AStA Duisburg-Essen: Ihr Standpunkt wanderte innerhalb weniger Monate von „Das sind alles radikale Berufsdemonstranten“ zu „Wir teilen die Forderungen, aber nicht die Protestform“. Auf der anderen Seite die Antis, die aus ihren Protestpapieren nicht ihre allgemeine politische Programmatik heraushalten können.

Diese Streitigkeiten verstellen den Blick auf das Wesentliche.

Seit einigen Wochen befinden wir uns nun offziell im Krieg – daran haben monatelange Dementis des Ex-Verteidigungsminsters Jung nichts ändern können. Sein Nachfolger Guttenberg hat mit diesem Tabu bereits in den ersten Tagen im Amt gebrochen.

Nun wird es Zeit, dass auch Minister Pinkwart seine Politik den Realitäten anpasst. Ansonsten wird das sein Nachfolger tun.

Fotos Bildergalerie: Daniel Gehrmann

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