Der Müll der Anderen

Wenn die Bundesliga einen neuen Meister hervorbringt und der auch noch aus einer fußballverrückten Stadt kommt, ist es ein Fest für die gesamte Getränkeindustrie. Dazu gehören nicht nur Brauerein, Kneipen und Kioske, sondern auch die Pfandsammler. Nach der gestrigen Übergabe der Meisterschale an die Dortmunder Elf, hat die pflichtlektüre einen von ihnen begleitet.

Rainer hält ein Grafensteiner Export in der Hand. Sitz auf einer Parkbank. Eine sportliche Sonnenbrille und ein Stirnband scheinen die richtigen Accessoires für das Wetter zu sein. Rainer ist nicht zum ersten Mal unterwegs um den Müll anderer aufzusammeln. Bevor er Richtung Borsigplatz aufbricht, braucht er noch eine Zigarette. Das Rauchen kann und will er sich nicht abgewöhnen.

Rainer muss heute alleine Sammeln. Er wurde im Stich gelassen. Foto: Maximilian Koch

Rainer muss heute alleine sammeln. Er wurde im Stich gelassen. Foto: Maximilian Koch

Während er seine Zigarette genießt, verrät er den weiteren Plan des Tages. „Die Arschlöcher haben mich im Stich gelassen.“ Damit meint er Bekannte, mit denen er zusammen die Flaschen und Dosen der BVB-Fans sammeln wollte. Rainer hatte gehofft mit mehreren Einkaufswagen losziehen zu können, aber jetzt hat er nur seinen weinroten Trolli dabei. Auf seine unzuverlässigen Mitstreiter ist er nicht nur sauer, weil er jetzt alleine losziehen muss, sondern auch, weil er weiß, dass man zusammen mehr Geld einnehmen kann. „Es waren 70 Mark an einem Tag“, sagt er nicht ohne Stolz auf die Frage, was der größte Betrag gewesen sei, den er je eingenommen hat. „Wir haben zu dritt bei Rock in den Ruinen gesammelt.“ Heute hofft er aber auch alleine ein gutes Geschäft zu machen.

Sammeln als Zwang

Auf dem Weg von der Enscheder Straße zum Borsigplatz geht es nur langsam vorwärts. Das liegt zum einen daran, dass sich Rainer, mit 50 Jahren Frührentner, durch Fußballverletzungen die Knie ruiniert hat, zum anderen wird kein Mülleimer ausgelassen. „Wann ich damit angefangen habe kann ich gar nicht sagen. Eigentlich konnte ich noch nie an einem Mülleimer vorbeigehen, ohne rein zu gucken.“ Die Pfandflaschen in seiner Tasche sind allerdings noch voll. „Morgen ist Sonntag, da musste ich heute erst mal einkaufen. Sonntag ist ein teurer Tag.“

Rainer hat nach der Schule 22 Semester Geschichte studiert, im Garten- und Landschaftsbau gearbeitet, war nach eigenen Angaben Gründungsmitglied der Grünen und hat ehrenamtlich als Sanitäter bei Fußballspielen gearbeitet. Schon bei seiner Arbeit als Sanitäter hat er die Flaschen am Stadion eingesammelt. Es ist eine Art Zwang: „Ich will nicht sagen, dass ich ein Messie bin, aber viel fehlt da nicht. Selbst im Urlaub habe ich Flaschen gesammelt.“

Auch Pfandsammler mach mal Pausen. Foto: Maximilian Koch

Auch Pfandsammler machen Pausen. Foto: Maximilian Koch

Am Ziel eines Fehlstarts

Die Mülleimer geben noch nicht viel her. Zudem sind die Straßen für eine frisch gekürte Meisterstadt noch sehr leer. Rainer wird langsam skeptisch, ob der Borsigplatz wirklich der richtige Sammelort für den heutigen Tag ist. „Eine Tageszeitung kann ich mir nicht leisten, aber ich habe gehört, dass die Feier heute hier ist.“ Sehr überzeugt klingt das aber nicht mehr.

Am Borsigplatz angekommen, wird es zur Gewissheit. Neben ein paar versprengter schwarz-gelber Gruppen und Rainer, scheint ansonsten nur der WDR von einer inoffiziellen Meisterfeier am Borsigplatz ausgegangen zu sein. Die Vertreter vom Fernsehen bleiben, Rainer reagiert sofort. Er erkundigt sich kurz bei Passanten im BVB-Trikot wo sie denn hingehen würden. Er ist dabei sehr höflich, wirkt mit seiner Zurückhaltung schon fast schüchtern. „Die sind noch nicht besoffen genug“, ist seine Begründung, „sonst hätte ich sie auch gefragt, ob sie schneller trinken können.“ So beschränkt sich seine Beute immer noch auf vereinzelte Flaschen, die er in den Mülleimern gefunden hat. Aber jetzt hat er ein neues Ziel ausgemacht. Die Fans feiern heute wohl doch in der Stadtmitte.

Flexibilität ist gefragt

Auf der Straße und in der U-Bahn nehmen die Fußballfans zu. Jeder von ihnen scheint  schon einiges an Leergut produziert zu haben. Sie grölen lautstark Loblieder auf die eigene Mannschaft, aber auch obligatorische Hassgesänge auf Schalke 04. Rainer wird plötzlich sehr energisch und ärgert sich über die Schwarz-Gelben. „Was soll das? Die haben doch schon gewonnen. Da können die uns doch in Ruhe lassen!“ Rainer ist Schalke-Fan. Er selbst nennt seinen Verein aber „Hinter-Herne“ und passt auf das keiner mitbekommt, dass er den Königsblauen angehört. „Ich hab einmal den Fehler gemacht und hab zugegeben, dass ich Fan von Hinter-Herne bin. Das mache ich nie wieder.“ Er wurde damals körperlich angegriffen und sogar beklaut.

An der Reinoldikirche kommen die Flaschen zu Rainer. Foto: Maximilian Koch

An der Reinoldikirche kommen die Flaschen zu Rainer. Foto: Maximilian Koch

Trotz seiner kaputten Knie bückt sich Rainer immer wieder nach allem was von irgendeinem Wert sein könnte. Er er hat über die Jahre ein Auge dafür entwickelt und sieht sogar das 2 Cent Stück auf dem Boden der überfüllten U-Bahnhaltestelle an der Reinoldikirche. An der Oberfläche angekommen, wird klar, wo heute die Meisterfeier steigt. Eine Bühne ist aufgebaut, der Bass dröhnt und eine schwarz-gelbe Menschenmasse genießt das Wetter und jede Menge Bier. Die meisten scheinen jetzt auch betrunken genug zu sein. Rainer muss nicht mal mehr Fragen. Die leeren Bierflaschen werden ihm in die Hand gedrückt. Seine Laune bessert sich. Wo zu Beginn seines Arbeitstages noch alles schief gelaufen ist, kann er jetzt die ersten Erfolge verbuchen.

Probiers mal mit Gemütlichkeit

Dass man hier Geld mit leeren Flaschen machen kann, weiß natürlich nicht nur Rainer. Er scheint sogar schon einiges verpasst zu haben. Seine Kollegen sitzen mittlerweile schon auf Pfandbergen. Stress unter Pfandsammlern ist laut Rainer eher eine Seltenheit. „Wenn geklaut wird gibt es natürlich ärger, aber sonst gibt es keine Probleme.“ Das könnte allerdings auch daran liegen, dass Rainer eher ein gemütlicher Flaschensammler ist. An der Reinoldikirche könnte er jetzt innerhalb von Minuten so viel Pfand sammeln, wie in der Stunde am Borsigplatz. Aber Rainer setzt sich erst mal auf die Treppen der Kirche und trinkt ein Bier.

Rainer hat seinen Platz gefunden. Foto: Maximilian Koch

Rainer hat seinen Platz gefunden. Foto: Maximilian Koch

Die Flaschen sammeln sich nicht von alleine. Von wegen! Rainer sammelt nicht. Er fragt nicht nach Flaschen. Er nimmt sie entgegen und bedankt sich höflich. Bei einem Rundgang durch die Feiernden könnte er zehn mal so viele Flaschen finden, aber er ist mit der Ausbeute für den Moment zufrieden. Und warum sollte er sich auch beeilen und unnötig Stress machen? Er sitzt an der Quelle und könnte seinen roten Trolli auf dem Weg zum Umtauschen voll machen. Rainer ist kein ambitionierter Sammler. Aber warum sollte man sich nicht mal mit weniger zufrieden geben? Schließlich ist es schon 21 Uhr und er hat seinen Platz inmitten der Wegwerfgesellschaft gefunden.

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