Die Braut, die sich früh traut

Mit 19 Jahren erfuhr Kimberly, dass sie und ihr Freund ein Kind erwarten. Fast drei Jahre später erzählt sie, wie sie dieser Moment veränderte: zusammenziehen, verloben, heiraten. Das alles passiert für sie eben ein bisschen früher als bei der Durchschnittsfrau. 

Text und Fotos: Jana Donat

Die Kerzen sorgen für ein angenehmes Licht und auch die Rosen auf der weißen Tischdecke zaubern ihr ein überraschtes und zufriedenes Lächeln ins Gesicht. Ein besonderer Abend: fünf Gänge-Menu in einem schicken Ambiente. Als Markus sie in ein schönes, viel zu teures Restaurant ausführt, denkt sie, es sei wegen ihrem 20. Geburtstag. Doch irgendwie scheint das noch nicht alles gewesen zu sein: „Das war ja schon ein schöner Abend, aber dann sind wir noch auf die Terrasse rausgegangen.“

Noch heute – über zwei Jahre später – strahlt Kimberly, wenn sie von diesem Moment erzählt. Sie greift mit ihrer rechten Hand an ihren Ehering, während die 22-Jährige sich in den Abend zurückversetzt. An einem warmen Mai Abend führte Kimberlys Freund, Markus, sie auf die Dachterrasse des Restaurants hinaus. Sie kannten sich bereits ein Jahr. Die Augen sollte sie geschlossen halten. Der Moment kam Kimberly lang vor. Für Kimberly stand schon lange fest: „Wenn ich einen Mann mal so sehr liebe, dann sollte es auch nur diesen einen in meinem Leben geben.“ Genau aus diesem Grund wartete sie gespannt auf den einen Moment, in dem sie die Augen wieder öffnen durfte – sie rief „Ja, ich will.“

Kimberly_Hochzeit

Eine Verlobung mit gerade mal 20 Jahren. Viele würden das als übereilt bezeichnen. Heute machen Frauen Karriere, reisen um die Welt und gründen eventuell später eine Familie. Nicht aber Kim – sie ist glücklich, nicht später für die moderne Rolle der Karrierefrau zu kämpfen und sich dann nach einem potenziellen Vater ihrer Kinder umgucken zu müssen. Einen Sohn haben Kimberly und Markus bereits. Für das junge Paar war der gemeinsame Sohn „sicherlich ein Grund mehr zu heiraten.“ Tatsächlich steigt das Heiratsalter der Frauen in Deutschland seit Jahren an. Hat die durchschnittliche Braut sich 1991 schon mit 26 Jahren vor den Altar getraut, findet ihre Trauung jetzt erst gut vier Jahre später statt. Auch Kim versteht, dass es heute viele Möglichkeiten gibt für Frauen, sich zu entfalten. Für die Auszubildende hatte Familie aber schon immer höchste Priorität. Als Kimberly sich in ihrer kleinen Wohnung einen Tee aufgießt, wirkt sie mit dieser Aussage nicht zynisch oder neidisch – vielmehr schlicht zufrieden.

„Natürlich bin ich jünger als viele andere verlobte Frauen, aber ich hab mich so gefreut und es direkt jedem erzählt.“

Langsam tunkt sie den Teebeutel in das heiße Wasser und guckt aus dem Fenster. Sie sieht, wie ihr Sohn draußen das Gerüst auf dem Spielplatz erklettert, während Ehemann Markus ein Auge auf ihn hat. Dann guckt sie sich in der Wohnung um und erzählt, dass sie diese doch eigentlich noch ein bisschen renovieren will. Im Moment sind fast nur alte Möbel des Vormieters im Wohnzimmer – eine alte Couch mit Überwurf, ein kleiner Tisch und eine Stehlampe. Gerne würde sie hier mehr ihrer eigenen Atmosphäre schaffen, aber das Geld ist knapp. Aus dem Grund konnte das Paar auch erst vor kurzem heiraten. Im Moment macht Kimberly eine Ausbildung zur Drogistin. Denn falls sie sich doch mal trennen sollten, will Kimberly auf eigenen Füßen stehen können. Doch momentan reicht das Geld manchmal vorne und hinten nicht – vor allem, erzählt Markus, reichte es lange nicht für die Hochzeit, da „die Frau natürlich alles ganz speziell und perfekt haben will.“

Kimberly_GabrielNach langer Suche hatte Kimberly ihr weißes Kleid damals gefunden. Ihr langes Haar lag in schön geformten Wellen darüber. Der Schleier wurde behutsam in ihre aufwändige Frisur gesteckt. Aber neben den ganzen augenscheinlichen Vorbereitungen, machte Kimberly eines glücklicher als jeder Schmuck: Ihre ganze Familie war da. Zu ihrer Hochzeit aus England angereist, wartete die Verwandtschaft ihres verstorbenen Vaters in der Kirche auf sie. Ihre Mutter Heike begleitete sie zum Altar. Heikes positive Einstellung gegenüber Kimberly wäre auch nur ein Jahr zuvor  nicht vorstellbar gewesen. Doch heute sind alle in der evangelischen Kirche in Köln, Rath-Heumar, um Kim und Markus ihre Glückwünsche und Zuversicht auszusprechen. Doch schon seit längerer Zeit – heute über drei Jahren – gebühren diese Glückwünsche schon lange nicht mehr nur den frisch Vermählten, sondern auch dem jüngsten Familienmitglied: Gabriel.

„Zu dem Zeitpunkt habe ich mich um 180° gedreht. Zum Glück!“

Ihren gemeinsamen Sohn bekamen Kimberly und Markus etwa sieben Monate nach ihrer Verlobung. Mit 19 Jahren hatte Kimberly eine Schwangerschaft weder geplant noch gewollt. Aber das positive Ergebnis des Schnelltests war nur ein kurzer Schock – auch für Markus kam eine Abtreibung nicht in Frage: „Warum, wenn man sich liebt?“  Jetzt sitzen sie zu dritt im Wohnzimmer und auch Sohn Gabriel hört gespannt zu, was seine Eltern erzählen. Wenn Kimberly ihren Sohn Gabriel anguckt, sieht sie in ihm keinen Unfall. Erst durch ihn und Markus haben sich in ihrem Leben viele Dinge wieder normalisiert. Bevor Markus in ihr Leben trat, gerieten bei Kimberly damals viele Dinge außer Kontrolle. „Absturzmädchen“ – ein Ausdruck, den sie rückblickend oft verwendet, um sich zu beschreiben.

Der Schulabbruch und viele Streitigkeiten mit ihrer Mutter führten dazu, dass sie von zu Hause wegrannte. Über einen Monat machte sich ihre Familie Sorgen – ein langer Monat, den Kimberly auf der Straße lebte. Sie entschied sich, ins Heim zu gehen. Dort lebte sie etwa ein Jahr. Einen Ausweg und Zuversicht gab ihr Markus. Während ihrer Zeit im Heim lernten die zwei sich kennen. Schnell bot er ihr an, bei ihm einzuziehen. „Dann kam eins nach dem anderen – wir haben uns verliebt und dann bin ich irgendwann schwanger geworden.“  Weil beide erfahren mussten, wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen, ist es ihnen wichtig, Gabriel zusammen aufzuziehen. Auch der Kontakt zu Kimberlys Mutter ist wieder intakt und als Oma hilft sie aus, wo sie kann. 

„Hier und jetzt bin ich innerlich total entspannt.  Ich hab meinen Mann, mein Kind und meine Ausbildung – es ist alles gut!” 

Kimberly_Tattoo

Die kleine Familie sitzt beisammen im Wohnzimmer. Markus und Kimberly erzählen von guten und schlechten Zeiten, während Gabriel mit seinen Händen auf dem Wohnzimmertisch trommelt. Immer wieder guckt er erwartungsvoll zu seiner Mama herüber. Kimberly wirkt erschöpft. Mit einem müden Lächeln sagt sie „das sind schon meine Helden. Ohne die beiden wüsste ich jetzt wirklich nicht wo ich wär. Es ist manchmal anstrengend“, sie dreht sich zu Gabriel, „aber du bist mein kleiner Held!“ 

 

 

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