Metin Tolan analysiert Titanic-Untergang

Ein Beitrag von Matthias Wiesel

Ein Jahrhundert liegt der Untergang der Titanic zurück. Seitdem wurden verschiedenste Theorien darüber gesponnen, wer Schuld am Unglück trägt und warum nur 700 von rund 2200 Menschen gerettet werden konnten. Prof. Tolan versucht mit den Mythen aufzuräumen und kommt dabei zu einem überraschenden Ergebnis: „Bei der Evakuierung wurde alles richtig gemacht.“

Es ist die Nacht vom 14. auf den 15. April. Die See ist ruhig, das Thermometer zeigt unter Null. Die Titanic ist mit einer Geschwindigkeit von 21,5 Knoten unterwegs, als Frederick Fleet in 300 Metern Entfernung einen Eisberg sichtet. Zu diesem Zeitpunkt lässt sich die Katastrophe nicht mehr abwenden.

Prof. Metin Tolan hat den Untergang der Titanic physikalisch analysiert. Foto: Matthias Wiesel

Prof. Metin Tolan hat den Untergang der Titanic physikalisch analysiert. Foto: Matthias Wiesel/Teaserbild: Piper Verlag

Seit einem Jahrhundert ist die Faszination für die Titanic ungebrochen. „Aber es gibt immer noch viele Dinge, die die Leute nicht wissen“, sagt Physikprofessor Metin Tolan von der TU Dortmund. All zu oft werde dem Kapitän fahrlässiges Handeln vorgeworfen. „Das halte ich für hanebüchen“, sagt Tolan. Seit 2007 hat er sich mit der Titanic beschäftigt und den Untergang physikalisch studiert. Sein Fazit: „Die Besatzung hat genau richtig reagiert.“ Die Titanic sei „optimal“ gesunken.

Nur eine „Ausweichmöglichkeit“

Es hätte nur eine Möglichkeit gegeben, den Untergang zu verhindern, sagt Tolan. Und die ist keinesfalls naheliegend. „Die einzige Chance wäre gewesen, frontal in den Eisberg zu steuern.“ In diesem Fall wäre der Bug auf einer Länge von 20 bis 30 Metern eingedrückt worden. Dabei wären maximal drei der 16 wasserdichten Abteilungen im Schiffsrumpf geflutet worden, die Titanic wäre nicht gesunken. Doch das sei bloße Theorie, so Tolan. „Angenommen man wäre frontal in den Eisberg gefahren, dann hätte man sich ein Leben lang fragen müssen, warum man den Tod von 200 Menschen in Kauf genommen und kein Ausweichmanöver versucht hätte“.

Als der Eisberg um 23:40 Uhr gesichtet wird, ist es bereits unmöglich, das Schiff anzuhalten. Deshalb gibt William Murdoch, 1. Offizier an Bord, das Kommando, den Eisberg zu umfahren. „Ein vorbildliches Manöver“, sagt Tolan. Das nur knapp gescheitert sei. „Der Eisberg war 300 Meter entfernt. 50 Meter mehr hätten wahrscheinlich gereicht.“

Unglücklicherweise touchiert das Schiff den Eisberg mehrmals. Dabei werden die Seitenwände an verschiedenen Stellen eingedrückt und insgesamt sechs Kammern geflutet. Schiffsarchitekt Thomas Andrews ist mit an Bord. Er weiß, dass die Pumpen auf der Titanic nicht ausreichen, um die Wassermassen nach draußen zu befördern. Deshalb setzt er sie ein, um das Wasser gleichmäßig im Schiff zu verteilen. Nur so gelingt es, die Stabilität aufrecht zu erhalten und ein Kentern zu vermeiden. „Schlagseite zu verhindern ist in dieser Situation oberstes Gebot“, sagt Tolan. Denn sonst wäre das Schiff viel schneller gesunken und die Rettungsboote hätten nicht zu Wasser gelassen werden können. Vor allem kann die Besatzung verhindern, dass der Maschinenraum geflutet wird. Nur in einen Kesselraum dringt Wasser ein. So gelingt es, die Stromversorgung aufrecht zu erhalten. „Eine Meisterleistung“, sagt Tolan. Ohne Licht hätte das Rettungsmanöver nicht so gut funktioniert.

Beim Ausweich-Versuch touchierte das Schiff an mehreren Stellen den Eisberg. Grafik: Wikimedia-Commons/DFoerster, Clartee

Beim Ausweich-Versuch touchierte das Schiff an mehreren Stellen den Eisberg. Grafik: Wikimedia-Commons/DFoerster, Clartee

Unterschätzte Gefahr

Durch das Umpumpen der Wassermassen neigt sich das Schiff in der ersten Stunde nur um fünf Grad nach vorne. Viele Passagiere unterschätzen deshalb die Gefahr. Dass die ersten Rettungsboote mit nur 19 statt mit 65 Menschen zu Wasser gelassen werden, habe nicht an der Besatzung gelegen, sagt Tolan. Viele Passagiere hätten sich schlicht weg geweigert, dass Schiff zu verlassen und sich in einem winzigen Rettungsboot 18 Meter in Tiefe abzuseilen. Von den 1178 Rettungsbootplätzen werden nur 705 besetzt. Für Metin Tolan aber ist schon das eine beachtliche Leistung. „Man muss davon ausgehen, dass an Bord Panik ausgebrochen ist, als sich das Schiff stärker geneigt hat. Und trotzdem hat man es geschafft, alle sechs Minuten ein Boot zu Wasser zu lassen.“

Zwei Stunden nach der Kollision befinden sich 40 000 Tonnen Wasser im Bug. Um 2:18 Uhr zerbricht die Titanic und sinkt wenig später. 1500 Menschen verlieren dabei ihr Leben.

Zwei Fehlerquellen denkbar

Glaubt man Tolan, ist der Besatzung hinsichtlich des Katastrophenmanagements kein Vorwurf zu machen. Die Fehlerquellen sieht Tolan woanders: „Es lässt sich heute kaum nachvollziehen, dass der Eisberg erst auf 300 Meter gesichtet wurde“, sagt er. Mindestens auf die doppelte Entfernung hätte man ihn sehen müssen. Es sei denn, es habe sich um einen sogenannten blauen Eisberg gehandelt, der nachts noch schwieriger zu sehen ist. Solche Eisberge kommen nur selten vor. Sie leuchten blau, da in ihnen weniger Luftbläschen eingeschlossen sind.

Das Buch zum Thema von Metin Tolan. Quelle: Piper Verlag

Das Buch zum Thema von Metin Tolan. Quelle: Piper Verlag

Der entscheidende Fehler aber lag Tolan zufolge in der geringen Zahl der Rettungsbote. „Mit ausreichend Rettungsbooten wären die alle locker ins Wasser gekommen“, ist Tolan sicher. Tatsächlich stand nur für die Hälfte der Passagiere ein Rettungsbootplatz zur Verfügung. Das erfüllte den damaligen gesetzlichen Standard. Denn es war kein Unfall denkbar, der dazu geführt hätte, ein solches Schiff zu versenken.

Aufklärungsbedarf besteht bis heute

Ein Jahrhundert ist seit dem Untergang vergangen. Doch noch immer sieht Metin Tolan Aufklärungsbedarf. Im vergangenen Jahr hat er ein Buch zum Thema veröffentlicht (Titanic: Mit Physik in den Untergang), am Jahrestag selbst (14.4.) spricht er in der Dortmunder Schauburg.

Tolan will Orientierung bieten im Meer der Mythen – rund um die Titanic.

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