Das Studieren der anderen Art

Jazz, Musical, Schauspiel und Tanz. Das ist nur eine kleine Auswahl der Studiengänge, für die man sich an der Folkwang Universität bewerben kann. Die Hochschule gilt als eine der renommiertesten künstlerischen Ausbildungsstätten deutschlandweit. Aber wie studiert es sich überhaupt so als angehender Künstler zwischen Aufnahmeprüfung, Einzelstunden und Gruppenunterricht?

Die Folkwang Universität in Essen: museale Gebäude statt Betonbauten

Die Folkwang Universität in Essen: museale Gebäude statt Betonbauten. Foto: Cathérine Wenk

Der Weg zum Campus führt über mehrere Steintreppen, die von Rosenhecken und Bäumen gesäumt werden. Die Fassade der Aula erinnert an eine Stadtvilla, mit weißen Bogenfenstern und roten Klinkersteinen verziert. Auf historischem Kopfsteinplaster geht es weiter zur Mensa und den Unterrichtsräumen.
Auf den ersten Blick könnte man annehmen, man befinde sich in einem denkmalgeschützten Stadtviertel oder in einer Museumsanlage und nicht an einer Universität. Denn schon allein äußerlich unterscheidet sich die im Jahre 1927 gegründete und im In- und Ausland renommierte Folkwang Universität der Künste in Essen von anderen staatlichen Hochschulen. Statt großer Betonbauten im 70er-Jahre-Stil dient hier unter anderem eine barocke Benediktinerabtei mit Grundmauern aus dem ersten Jahrhundert als Ort des Lernens und Lehrens.

Mit dem Lernen und Lehren an der Folkwang Universität ist das allerdings so eine Sache. Denn hier werden weder komplexe Gleichungen gelöst, noch wird die deutsche Sprache in ihre lautlichen Bestandteile zerlegt. An der Folkwang Hochschule wird getanzt, gesungen und geschauspielert. 33 verschiedene Fächer lassen sich hier studieren und sie alle vereint das künstlerische Element. Denn wie der Namenszusatz “Universität der Künste“ bereits verrät, werden an der Folkwang angehende Künstler und Kreative ausgebildet. Vom Studiengang Jazz über Orchesterspiel, Schauspiel, Tanz oder Musical: es gibt keinen künstlerischen Bereich, der sich an der Uni nicht studieren lässt. Und wer mehr am gestalterischen Aspekt interessiert ist, der kann sich hier für ein Fotografie- oder Kommunikationsdesign-Studium bewerben.

Aufnahmeprüfung als Voraussetzung fürs Studium

Oder aber man macht es wieder ganz anders, so wie Erstsemester Florian. Der 21-Jährige  beginnt jetzt an der Folkwang Hochschule, Musik auf Lehramt zu studieren und sein Hauptfach ist Mathematik an der Uni Duisburg-Essen. Die Aufnahmeprüfung für Musik sei schon hart gewesen, erzählt er. „ Jetzt bin ich aber erst einmal aufgeregt und gespannt, was mich alles an der Folkwang Uni erwartet“, berichtet er einige Minuten vor der offiziellen Erstsemsterbegrüßung.
Alle Studenten haben eine Aufnahmeprüfung hinter sich. Sie gehört bei jedem Studiengang dazu. In der Regel besteht sie aus einem Theorie- und Praxisteil. Wer also beispielsweise Musik studieren will, muss zunächst einmal eine Klausur mit Fragen zur Geschichte und Theorie meistern. Danach folgt das berüchtigte Vorspielen bzw.Vorsingen.

Das alles hat Malwina mit Erfolg geschafft. Sie beginnt jetzt mit einem Geigen-Studium an der Folkwang Uni, diesmal auf Bachelor. Ihr Diplom hat die 23-Jährige nämlich schon in der Tasche. Bevor sie nach Essen kam, studierte sie Geige in Bremen.Über die Aufnahmeprüfung weiß auch Malwina einiges zu berichten. 40 Bewerber mussten an diesem Tag vorspielen, Malwina gehörten zu den letzten. Nach acht langen Stunden des Wartens durfte dann auch sie endlich mit Geige und Bogen vor die vier Dozenten treten. „Da lastet dann schon ein großer Druck auf einem selbst. Man übt ja für diese Aufnahmeprüfung sehr lange und weiß auch, dass man es kann und dann muss man eben in diesen 10 Minuten, in denen man vorspielt, die Dozenten überzeugen.“ Malwina hat sie überzeugt, mit einem Sibelius Violinkonzert und Stücken von Mozart und Bach. „Danach war ich einfach nur tierisch müde“, erzählt sie.

Künstlerische Eignung statt gewöhnlicher Notendurchschnitt

Jan, Lena, Marie, Safet und Tim (v.l.n.r.): angehende Tanz-Studenten der Folkwang Uni

Jan, Lena, Marie, Safet und Tim (v.l.n.r.): angehende Tanz-Studenten der Folkwang Uni. Foto: Cathérine Wenk

Ähnlich anstrengend haben auch die fünf angehenden Tanzstudenten Jan, Lena, Marie, Safet und Tim ihre Aufnahmeprüfung erlebt. „Das war echt hart. Als ich zu der Prüfung kam, waren schon alle da und haben sich gedehnt und Spagat gemacht. Am meisten hat man sich aber eigentlich selbst unter Druck gesetzt“, berichtet Safet, der mit seinen lässigen Klamotten und den Kopfhörern um den Hals ein wenig an einen coolen Street-Dancer erinnert. Safet beginnt an der Folkwang als Jungstudent, ebenso wie Kommilitonin Marie. Beide haben kein Abitur und dürfen trotzdem studieren. Anstatt durch Abizeugnis und entsprechenden Notenschnitt qualifiziert man sich an der Folkwang Uni über die künstlerischen Eignung.

Künstlerische Eignung bewies auch Lars vor einigen Jahren. Der 26-Jährige studiert Jazz mit dem Schwerpunkt Posaune im sechsten Semester. Mit Schirmmütze auf dem Kopf und Musikkoffer in der Hand zögert er nicht lange, spontan ein kleines Stück zu spielen. Besonders schätzt Lars an seinem Studium „den hochkonzentrierten Unterricht“. Lars spricht damit eine Besonderheit an, die wohl für fast alle Musik-, Kunst- und Schauspielhochschulen gilt: Kleine Studiengänge und intensives Arbeiten mit den Lehrenden. Das bedeutet, dass die Studenten viel Einzel- und Gruppenunterricht erhalten und nur wenig Vorlesungen besuchen müssen. Die bestehen dann allerdings meist auch nur aus 20 oder 30 Leuten, im Gegensatz zu Massenvorlesungen mit mehr als 500 Studenten.

Kleine Studiengänge und Einzelunterricht

An der Folkwang Universität ist das alles ein bisschen anders, viel persönlicher und familiärer. Statt Zehntausende von Studenten, wie beispielsweise an der Uni in Bochum, sind es an der Folkwang gerade mal 1400, die hier studieren. Komprimierte Studiengänge und Einzelunterricht führen dazu, dass sich zwischen Studenten und Professoren häufig eine sehr enge Beziehung entwickelt. Und auch die Studierenden untereinander haben meist ein ganz besonders Verhältnis, wie Matthias, Musical-Student im zweiten Semester, erzählt. „Wir sind nur sechs Leute in unserem Jahrgang, drei Jungen und drei Mädchen. Mittlerweile sind wir eine Familie geworden. Keiner kennt mich besser als die fünf.“ Wie fast alle Studenten der Folkwang Hochschule ist auch Matthias von seinem Studium und der Universität selbst überzeugt. „Man wird hier zu einem individuellen Künstler ausgebildet. Ich habe hier eine wunderschöne Zeit und lebe meinen Traum“, berichtet der charismatische Student in stylischer Lederjacke und Karohemd.

Musical-Student Matthias: "Ich lebe an der Folkwang meinen Traum".

Musical-Student Matthias: "Ich lebe an der Folkwang meinen Traum". Foto: Nadja Bobrowa

Die Folkwang Universität ist ein Mikrokosmos für sich, der sich nur schwer mit den üblichen Hochschulen vergleichen lässt. Das Rastlose, die Hektik und das Gedränge von Menschenmengen sucht man hier vergeblich. Die Folkwang Hochschule atmet Künstlerisches, dem man sich selbst am Schwarzen Brett nicht entziehen kann. Statt WG-Gesuche und Bücherverkäufe werden hier aktuelle Schauspiel- und Musicalproduktionen angekündigt.

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