Muttersprache als Chance begreifen

Zwei türkisch-stämmige Jugendliche unterhalten sich auf türkisch. Zwischendurch mischen sich aber auch deutsche Halbsätze ins Gespräch. Experten nennen das „Code-Switching“. Genau darum ging es am Donnerstag und Freitag (14. und 15.10.2010) bei den Tagen der Sprachen an der Ruhr-Universität Bochum. Anhand von Video-Interviews mit Mehrsprachlern gingen Sprachwissenschaftler dem Code-Switching und anderen Phänomenen auf den Grund.

Interviewerin Eda Kesici und Interviewte Özlem Gula (v.l.) bei den Tagen der Sprachen

Interviewerin Eda Kesici und Interviewte Özlem Gula (v.l.) bei den Tagen der Sprachen. Foto: Andreas Bäumer

Özlem Gula ist überrumpelt. Im Video-Interview wird sie gefragt, ob sie nicht lieber auf Türkisch weiter sprechen möchte. Sie lehnt ab. Ihre erste Sprache ist zwar Türkisch, aber trotzdem möchte sie es vor der Kamera nicht gerne sprechen. Inzwischen hat ihre Zweitsprache Deutsch das Türkische in den familiären Bereich zurückgedrängt.

Die Angst, Fehler zu machen

Die Pädagogik-Studentin ist im Duisburger Stadtteil Rheinhausen aufgewachsen und dort in einer hauptsächlich deutschen Nachbarschaft. So konnte sie die deutsche Sprache im Kindergarten und auch in ihrer Umgebung schnell aufschnappen. Sie ist froh, nicht in einem “Ghetto” aufgewachsen zu sein, wo man nur türkisch spricht.

In der Schule wurde Özlems Muttersprache eher vernachlässigt: “Wir hatten in meiner Grundschulzeit zwar Türkisch-Unterricht, aber der Lehrer war schlecht und hat wenig Wert auf die Grammatik gelegt.“ Wenn sie jetzt mit ihren Verwandten am Telefon auf Türkisch redet, fühlt sich Özlem komisch. “Ich denke dann, ich könnte die Worte falsch wählen und Fehler machen. Ohne Telefon ist das viel einfacher.”

Zweisprachigkeit bringt hauptsächlich Vorteile

Tanja Anstatt, Slawistik-Professorin an der Ruhr-Universität Bochum und Expertin für Mehrsprachigkeit,  kennt dieses Problem. “Wenn eine Sprache im Umfeld vorherrscht, wird diese dominant. Manchmal vergessen Kinder ihre erste Sprache dann vollkommen.” Zweisprachigkeit habe aber viele Vorteile und so sei es wichtig, in der Schule muttersprachlichen Ergänzungsunterricht anzubieten.

Wenn Kinder zwei Sprachen sprechen können, sollten sie auch zweisprachig unterrichtet werden.

Wenn Kinder zweisprachig aufwachsen, können sie auch weitere Sprachen einfacher lernen. Foto: scx.hu/laura00

Bei mehrsprachigen Kindern entwickelt sich oft schon früh ein Bewusstsein für Sprachen. Dadurch können sie neue Sprachen viel einfacher verarbeiten. Özlem spricht neben Deutsch und Türkisch auch noch Englisch, Spanisch und ein bisschen Arabisch. Dabei sei es ganz egal, welche Sprachen das Kind lernt, erklärt Expertin Tanja Anstatt. Einzig und allein die englisch-deutsche Zweisprachigkeit zu fördern, mache deshalb keinen Sinn.

Ein weiterer Vorteil der Zweisprachigkeit ist es zum Beispiel, sich mit mehr Menschen besser verständigen zu können. Özlem macht diese Erfahrung vor allem auf der Arbeit. Als Grundschul-Pädagogin ist sie froh, auf Türkisch zurückgreifen zu können. Die Kinder mit türkischem Hintergrund betrachten ihre Lehrerin mit ganz anderen Augen, wenn diese sie in der Muttersprache anspricht. Wenn einer auf Türkisch flucht, versteht Özlem das sofort.

Neue Sprachschöpfungen: Kanakisch

Doch das Lernen von mehreren Sprachen ist schwer, wenn in der Umgebung des Kindes nur Menschen leben, die ausschließlich die Muttersprache beherrschen. Vor allem, wenn Ausgleichsangebote wie Kindergärten fehlen. Dann entstehen mitunter ganz neue Sprachschöpfungen. Emel Huber ist Turkistik-Professorin an der Universität Duisburg-Essen. Sie erlebt, dass die Jugendlichen in Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an türkisch sprechenden Menschen ihre eigene Sprache entwickeln. „Es entsteht etwas, das Kanakisch genannt wird. Wir kennen das aus Rap-Songtexten, Funk und Fernsehen.“ Es komme sogar  vor, dass auch die deutschen Mitschüler das Kanakische übernehmen. Dadurch entstehen nicht nur neue Wörter, sondern ganze Beugungsformen und Satzbildungen. Noch ist nicht zu überschauen, ob das nur ein Übergangsphänomen ist oder ob sich eine eigene Jugendsprache entwickelt.

Sprache ist Kultur

Studentin Özlem Gula ist der umgekehrte Fall. Sie vergisst viel mehr ihre Muttersprache, also das Türkische. Mehrsprachigkeit funktioniert nur, wenn beide Sprachen praktiziert und gefördert werden. Özlem arbeitet deshalb hart daran, ihre Muttersprache nicht zu verlieren. Denn Sprache ist oft mehr als ein Mittel zur Kommunikation.
Mehrsprachigkeit macht es möglich, in verschiedene Kulturen einzutauchen. So kann Özlem zum Beispiel türkische Sprichwörter ins Deutsche übersetzen.

Solche Sprachspiele sind wichtig, um Teil einer Kultur zu sein. Ein anderes Sprachspiel ist das „Code-Switching“. Ob nun mehrsprachige Spanier, Italiener, Portugiesen, Araber, Russen, Niederländer oder Türken: Sie alle wechseln ab und an mitten im Satz ihre Sprache, wenn sie sich mit anderen Mehrsprachlern unterhalten. Özlem findet das nicht schön und würde es nie machen, wenn sie zum Beispiel mit einem Professor redet. Im Gespräch mit ihren Verwandten rutscht sie aber manchmal ins Deutsche. Wenn auch mit dem komischen Gefühl, dass sie doch eigentlich das Wort auf Türkisch kennen müsste.

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