Tierische Körperwelten – hüllenlose Safari in Bochum

Muskelbepackter Braunbär im Stand, Rentier im Sprung, Tiere für die Ewigkeit in ihrer Pose konserviert. Aber etwas fehlt: Haut, Fell und Federn sind nicht vorhanden, im sprichwörtlichsten Sinne wurde den Tieren das Fell über die Ohren gezogen.

Rentiere im Sprung

Rentiere im Sprung

Vergangenen Freitag wurde in Bochum Gunter von Hagens` „Körperwelten der Tiere“- Ausstellung eröffnet.

Ganz besonders stolz sei sie auf Samba, sagte Ausstellungs-Kuratorin Dr. Angelina Whalley. Die Elefantenkuh sei der größte jemals plastinierte Körper und die Arbeit sei ein Kraftakt gewesen:

64 Tausend Arbeitsstunden für 3 Tonnen Elefant

„Sambas Plastination hat mit rund 30 Mitarbeitern 64.000 Arbeitsstunden in über zweieinhalb Jahren gedauert, dafür benötigten wir vier Tonnen Silikon und 40.000 Liter Aceton“, berichtet Dr. Whalley über die rekordverdächtigen Ausmaße dieser Arbeit.

Wie auch Samba, seien alle ausgestellten Plastinate Spenden von nationalen und internationalen Zoologischen Gärten und Tierparks, keines der Tiere sei zum Zweck der Plastination getötet worden, betonte die Kuratorin.

Herz-Kreislauf-Zusammenbruch bei Operation

Dr. Norbert Fritsch mit "Samba"

Dr. Norbert Fritsch mit „Samba“

„Samba ist 2005, als sie ungefähr 39 Jahre alt war, während einer Operation am Fuß kollabiert und verstorben. Eine Vollnarkose ist bei einem so großen Tier immer heikel“, berichtet Dr. Norbert Fritsch, Direktor des Zoos Neunkirchen/Saar, aus dem Samba stammte. Er berichtet, wie Samba zu van Hagens kam: „Verstorbene Tiere müssen immer durch die Tierkörperbeseitigungs-Anstalt entsorgt werden“. Diese habe ihm mitgeteilt, dass der gesamte 6 Meter lange und 3,50 Meter hohe, sowie 3,2 Tonnen schwere Tierkörper auf 50 bis 60cm große Stücke zerteilt werden müsse. Ihm und seinem Mitarbeiter sei mehr als mulmig zumute gewesen: Abgesehen von der langwierigen Arbeit sei das Zerteilen ja auch gefährlich: Gase, literweise Blut und Knochensplitter.

Timing ist alles

„So stand ich dann dort, die Motorsäge in der Hand, wirklich nur Sekunden davor, den ersten Hieb zu setzen, als ich dringend und sofort ans Telefon gerufen wurde“, erzählt Fritsch weiter. Am Telefon sei ein Mann gewesen, der sagte, er sei Gunter von Hagens und er rufe aus China an. „Ich dachte erst, das wäre ein Scherz, aber im Laufe des Telefonats merkte ich: Es war tatsächlich von Hagens“. Er habe sich dann gleich dazu entschieden, Samba zur Verfügung zu stellen: „Das fertige Plastinat ist ein faszinierendes Unikat, natürlich ist es so sinnvoller, als wenn Samba im Schredder gelandet wäre“, sagte der Zoodirektor abschließend. 

Über 120 Präparate und rund 20 Ganzkörper-Plastinate

Flachlandgorilla: 1,85m/ 200 kg   Elefant: 6x 3,50m/3,2 Tonnen Braunbär:  2,50m/275 kg

Flachlandgorilla: 1,85m/ 200 kg
Elefant: 6x 3,50m/ 3,2 Tonnen
Braunbär: 2,50m/ 275 kg

In der Ausstellung werden um die 140 Exponate gezeigt: Ganzkörper-und Scheibenplastinate, Einzelpräparate, Querschnitte und Gefäßgestalten. Bei jedem Ausstellungsstück stehen auf Tafeln interessante Informationen, wie zum Beispiel, wie viele Muskeln in einem Elefantenrüssel stecken, oder wie viel ein Giraffenherz wiegt. Sehenswert: Durch eine Kooperation mit „National Geographic Wild“ werden hinter jedem Plastinat Filmaufnahmen der Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum auf Leinwände projiziert.

Auch für Kleinkinder geeignet?

Gefäßgestalt eines Ferkels

Gefäßgestalt eines Ferkels

Die Veranstalter wollen mit dieser Ausstellung ganze Familien, sowie auch Schul-und Kindergartenklassen ansprechen. Auf den Plakaten wird mit einer „Ausstellung für die ganze Familie“ geworben, aber nur schwer kann man sich in der Ausstellung kleinere Kinder vorstellen.

„Die Eltern können am besten einschätzen, ob ihre Kinder schon weit genug sind, um sich die Ausstellung ansehen zu können“. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass dieser Ort der Aufklärung auch für Kinder sehr interessant sei, sagte Dr. Whalley. Ob die eigenen Kinder in ihrer Entwicklung weit genug sind, müssen die Eltern also selbst entscheiden.

Anfahrt

Die Ausstellung „Körperwelten der Tiere“ ist im ehemaligen Lueg-Autohaus, Hermannshöhe 42, 44789 Bochum, vom 7. November 2014 bis zum 25. Februar 2015, jeweils von 10-18 Uhr zu sehen. Tickets kosten an der Tageskasse oder an Eventin-Vorverkaufsstellen für Erwachsene 15 Euro, für Kinder und Jugendliche 9 Euro und für Studenten und ermäßigte Personen 12 Euro.

Hintergrund zur Ausstellung

Die Weltpremiere der „Körperwelten der Tiere“-Ausstellung fand 2010 im Neunkirchener Zoo statt, 100.000 Interessierte kamen zur Premiere, insgesamt eine Million Besucher haben die Ausstellung bisher gesehen. In Deutschland machte die Ausstellung Station im Kölner Zoo und dem Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt. International gastierte sie in Österreich, der Schweiz, England und den USA. International bekannt ist die Ausstellung unter dem Namen „Animal inside out“.

Vom Bär zum Ausstellungsstück

Die Plastination bei einem Ganzkörper-Plastinat läuft in fünf Achritten ab :

Bei der Fixierung und Präparation wird Formalin über die Arterien in den Körper injiziert. So wird der Verwesungsprozess gestoppt und das Tier konserviert. Mit Pinzette, Schere und Skalpell werden dann Haut, Fett- und Bindegewebe entfernt.

Danach wird das Präparat entwässert und das Fett entfernt. In einem kalten Acetonbad (Lösemittel) wird das gefrorene Gewebswasser durch Aceton ersetzt. In einem warmen Acetonbad werden anschließend die löslichen Fette durch Aceton ersetzt.

Anschließend wird das Präparat in eine Kunststofflösung gelegt und in eine Vakuumkammer gestellt.  Das Vakuum saugt das Aceton aus dem Präparat heraus, lässt aber den Kunststoff eindringen. Diesen Prozess nennt man forcierte Imprägnierung.

Im Anschluss an die Imprägnierung wird das Präparat in Pose gemacht. Die gewünschte Körperhaltung, in der das Tier dann auch in Ausstellungen stehen wird, wird durch Nadeln, Schaumstoffblöcke und Klammern fixiert.

Im letzten Schritt wird dann der Kunststoff im Präparat je nach Kunststoffart mit Gas, Licht oder Wärme ausgehärtet. Ein Gestaltplastinat wird mit Silikonkautschuk durchtränkt.

Die gesamte Präparation und Plastination dauert durchschnittlich ein Jahr und ungefähr 1500 Arbeitsstunden. Belohnt wird die komplizierte Arbeit mit einen einzigartigen Blick unter die Haut der Tierwelt.

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