Theater-Check: Kultur im Keller? Aber mit Niveau!

Gerade einmal 31 Plätze umfasst die Schwerter Operettenbühne – dennoch hat das Theater alles, was auch die großen Häuser ausmacht: Logenplätze, ein Kassenhaus und einen vollautomatischen roten Vorhang. Einziger Unterschied: Das Theater befindet sich im Keller seines Besitzers – dieser hat sich damit einen Lebenstraum erfüllt und steht meistens selbst auf der Bühne.

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Die Kasse am Eingang zur Schwerter Operettenbühne. Foto: Marc Miertzschke

Unscheinbar liegt das Reihenhaus in einer ruhigen Seitenstraße. Am Rande des Ruhrgebiets, in einem Vorort von Schwerte. Von Zeit zu Zeit bildet sich in einer der Garageneinfahrten eine Schlange wartender Besucher. Sie alle begehren Einlass in eins der wohl kleinsten privaten Theater Deutschlands: Die Schwerter Operettenbühne. Der Direktor kann sich glücklich schätzen: Vor jeder Aufführung bringt er das Schild mit der Aufschrift „Heute ausverkauft“ an seinem Kassenhäuschen an. Nicht viele Bühnen in Deutschland können das von sich behaupten.

Auch sonst scheint der Direktor ein glücklicher Mensch zu sein: Gunther Gerke leitet nicht nur den Bühnenbetrieb, sondern singt und schauspielert mit seinem Ensemble für das Publikum. Auf der Bühne fühlt er sich wie zu Hause. Und das kann er sogar im wahrsten Sinne des Wortes: Die Schwerter Operettenbühne befindet sich in Gerkes Keller.

Theater im eigenen Keller

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Statt Werkbank ein Kostümfundus: Gerke hat in seinem Keller mehrere hundert Kostüme und Perücken. Foto: Marc Miertzschke

Nach einem Umzug vor einigen Jahren hatte er große Kellerräume zur Verfügung. „Da überlegt man schon, was man mit dem Platz macht. Ich wollte aber kein Schwimmbad, keine Bar und keine Sauna“, sagt Gunther Gerke. Wo andere mit der Modelleisenbahn spielen, da befinden sich bei Gerke die Garderoben, der Kostümfundus und das Theatercafé. Alles ist in Eigenarbeit entstanden, mit Unterstützung von Freunden und Bekannten, wurde gesammelt oder zugeschickt: „Die Bühne hat mein Bruder gezimmert, den Vorhang meine Mutter genäht. Die Stühle sind aus einem Café in Hagen.“

Die Idee, sich ein eigenes kleines Theater in den Keller zu bauen, war für Gerke wohl schon vorprogrammiert. „Für mich war es immer ein Wunsch, vielleicht auch ein kleiner Spleen, eine eigene Bühne zu haben auf der ich singen kann“, sagt Gerke. Die Begabung dazu erkannte er früh. „Ich hatte von Kindheit an eine auffallend schöne Stimme“,  erzählt Gerke, „aber die Entwicklung zum Sänger haben meine Eltern nicht ernsthaft betrieben.“

Auf Umwegen zum eigenen Ensemble

Daher besuchte er zuerst die höhere Handelsschule, absolvierte dann den Zivildienst und machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Mehr nebenher lief die Ausbildung zum Sänger bei einer amerikanischen Opernsängerin. Solch eine klassisch musikalische Ausbildung ist anspruchsvoll und verlangt Ehrgeiz: „Man muss ein gewisses Grundtalent haben, aber auch Geduld. Ich wollte es wissen und können“.  Seine Stimme bescherte ihm Auftritte in Discotheken, bei der Sat. 1 Morningshow aber auch an den städtischen Bühnen von Dortmund und Hagen.

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Auf dieser Bühne in seinem Keller tritt Sänger, Schauspieler und Bühnendirektor Gerke gemeinsam mit seinem Ensemble auf. Foto: Marc Miertzschke

Die kleineren Rollen auf der Bühne stellten Gerke aber nicht zufrieden, wie er mit einem Augenzwinkern feststellt: „Ich hatte immer die Hoffnung, dass der Hauptdarsteller ausfällt.“ Die engen Rollenvorgaben brachten ihn schließlich dazu, mit einem eigenen Ensemble Theaterstücke zu spielen.  Über die Jahre sind diese Sing- und Schauspielkollegen gute Freunde geworden: „Der Bühnenkreis ist auch mein Freundeskreis“. Wenn sie nicht gerade zusammen auf Tournee durch Spanien, Italien oder Kroatien sind, steht Gunther Gerke mit ihnen auf seiner hauseigenen Bühne. Gespielt werden dann musikalische Stücke der leichten Unterhaltung und Revuen.

„Jopi Heesters wäre auch noch da“

Denn Gerke ist fasziniert von der Operette und den Schlagern aus den frühen Tonfilmjahren: „Ich mochte schon immer gern die Schwarz-Weiß-Filme mit viel Musik. Die spielten meist im Theatermilieu.“ Mit Ilse Werner, einem Star jener Tage, stand Gerke schon einmal auf der Bühne. „Es war sehr schön mit ihr, leider hat man nicht mehr viele Chancen mit solchen Tonfilmstars zusammenzuarbeiten“, wie Gerke wehmütig bekennt, um schmunzelnd fortzufahren: „Johannes Heesters (107) wäre zwar noch da,  aber es besteht ja immer ein gewisses Risiko, falls man ihn verpflichtet.“

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In seinem Arbeitszimmer schmücken Erinnerungsbilder die Wände. Besomders gern erinnert er sich an den Auftritt mit UFA-Star Ilse Werner. Foto: Marc Miertzschke

Erinnerungen an diesen und zahlreiche andere Auftritte als Sänger und Schauspieler schmücken das Arbeitszimmer in Gerkes Wohnung. Die ist genauso liebevoll im Stil längst vergangener Tage eingerichtet wie das darunterliegende Theater. Trotz der Erfahrungen, die er bei seinen Darbietungen auf der eigenen Bühne und bei auswärtigen Gastspielen gesammelt hat, bleibt selbst bei ihm  ein wenig Lampenfieber vor dem Auftritt zurück: „Routine kann die Aufregung zwar mildern, aber die Stimme muss voll da sein. Wenn dann noch Bekannte oder meine Eltern im Publikum sitzen, gebe ich mir extra viel Mühe.“

Denn gerade so eine kleine Bühne, wie die seine, reduziert die Distanz zum Zuschauer: „Kleine Bühnen sind intimer, man spürt die Leute besser.“ Und dennoch hegt Gunther Gerke für die Zukunft weiterhin einen Traum: „Wenn ich die Möglichkeit bekomme und die finanziellen Mittel habe, möchte ich ein großes Theater aufmachen.“