Im Alleingang: Großes Theater in kleiner Kapelle

Zehn Jahre lang bespielten Indra Janorschke und Dario Weberg mit ihrem „LiteraTourTheater“ immer andere Bühnen. Im September eröffnen sie das Theater an der Volme und erfüllen sich damit ihren Wunsch nach einer festen Spielstätte. Von den vielen Aufgaben, die das eigene Theater mit sich bringt, gibt es kaum eine, die die zwei nicht selbst übernehmen. Die pflichtlektüre traf die beiden Theater-Allrounder inmitten von Staub und Baulärm zum Interview. theater-an-der-volme-logo-5

pflichtlektüre: Ihr zwei schmeißt das Theater an der Volme sozusagen im Alleingang. Welche Aufgaben fallen dabei an?

Dario Weberg: Wo fange ich da am besten an? Es beginnt schon damit, die Idee für ein Stück zu entwickeln, oder sich die Rechte für eines zu besorgen, es dramaturgisch zu bearbeiten, Bühnenbilder zu entwerfen, den Text zu lernen, und geht bis hin zur Akquise, der Buchhaltung usw. Eigentlich machen wir nur die Dinge nicht, die wir selber nicht können. Ich kann beispielswese keine Kostüme nähen.

Indra Janorschke: Ja, oder unsere Flyer gestalten wir auch nicht selbst. Das macht eine Werbeagentur für uns.

pflichtlektüre: Welcher Bereich macht denn am meisten Spaß?

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Indra Janorschke und Dario Weberg bei ihrer liebsten Aufgabe: dem Spielen. Foto: Theater an der Volme

Indra Janorschke: Das Spielen!

Dario Weberg: Ja, auf der Bühne zu stehen, das ist das Entscheidende!

Indra Janorschke: Aber auch das Organisatorische macht großen Spaß. Es ist immer wieder etwas anderes. Routine kann ich gar nicht haben.

pflichtlektüre: Ihr seid beide Quereinsteiger und arbeitet nicht mehr in den Berufen, die ihr gelernt habt. Was ist so faszinierend am Theater-Beruf, dass ihr euch entschieden habt, ihn hauptberuflich auszuüben?

Indra Janorschke: Ich finde es immer wieder spannend, von der Idee bis zur Umsetzung ein Stück selbst auf die Beine zu stellen. Und dann sitzen da hinterher Leute, und möchten das auch noch sehen! Ich mag es auch, mit anderen Kreativen, wie der Bühnenbildnerin, zu diskutieren und gemeinsam etwas zu erarbeiten.

Dario Weberg: Ich finde das Faszinierende ist, die Menschen auf irgendeine Weise zu berühren. Mir kommen manchmal die Tränen, wenn ich sehe wie die Leute lachen und sich freuen über das, was wir auf der Bühne machen. Häufig geht man einfach aneinander vorbei, aber im Theater begegnet man sich.

pflichtlektüre: Und was ist eher notwendiges Übel?

Dario Weberg: Nervig finde ich eigentlich nur die Gema- oder Tantiemen-Abrechnungen. Dafür muss man nicht nur Zeit abgeben sondern auch noch Geld, das man gerade erst eingespielt hat (lacht).

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Diese kleine Kapelle auf einem ehemaligen Industriegelände beheimatet bald das Theater an der Volme. Foto: Laura Lucas

pflichtlektüre: Habt ihr irgendwann einmal im Leben daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Dario Weberg: Nie! Im Gegenteil: Wir wollten immer weitermachen, noch mehr machen! Natürlich ist unsere Arbeit auch sehr anstrengend. Wir haben in den letzen zehn Jahren etwa 27 eigene Stücke geschrieben und hunderte von Auftritten gehabt, sind Kilometer um Kilometer gefahren. Klar, dass man da auch mal einen Durchhänger hat. Aber davon darf man sich nicht unterkriegen lassen. Man muss immer dranbleiben, bei allem im Leben.

pflichtlektüre: Wie lebt es sich denn so in der Theaterwelt? Seid ihr manchmal umgeben von exzentrischen Selbstdarstellern, wie es das Klischee besagt?

Dario Weberg: Schon, aber da sind wir selbst nicht ausgenommen. Schauspieler sind vielleicht etwas sensibler als andere Menschen, nehmen viel auf. Und wo viel reinkommt, muss auch viel raus. Das ist nichts besonderes. Die meisten Schauspieler sind jedoch ganz normale Menschen. Der Beruf des Schauspielers ist ein Beruf wie jeder andere auch.

pflichtlektüre: Streitet ihr auch manchmal auf oder hinter der Bühne?

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Indra Janorschke und Dario Weberg legen selbst Hand an. Es gibt noch viel zu tun bis zur Eröffnung. Foto: Laura Lucas

Dario Weberg: Nein! Nie! (lacht)

Indra Janorschke (gleichzeitig): Ja, ganz viel! Bei uns geht es zu wie bei Loriot. Wir diskutieren jeden Tag und streiten ein bisschen. Aber das ist gut! Vor allem für unsere Kreativität. Daraus entsteht sehr viel.

Dario Weberg: In der Regel ist das ja nichts Persönliches. Es geht immer um die Sache.

pflichtlektüre: Ihr steht Abend für Abend auf der Bühne. Ist euch da schon einmal etwas Peinliches passiert?

Dario Weberg: Ich habe mal ein Programm gespielt, das „Liebe, Lust und Sahnetörtchen“ hieß. Da haben wir erotische Lyrik aus vier Jahrhunderten mit Pop-Balladen kombiniert. Ich trug einen schwarzen Anzug im 60er Jahre-Stil. Im Mittelpunkt des Abends stand ein Sahnetörtchen auf einem Barhocker. Und wie ich gerade Elton John mit „Can You Feel the Love Tonight?“ singe, setze ich mich in das Törtchen ohne es zu merken. Am Ende sagte jemand: „Sie haben sich total versaut“. Da habe ich geantwortet: „Damit wollte ich Ihnen eigentlich nur sagen, dass Sahnetörtchen was für’n Arsch sind.“