„HaiLight“ – Leidenschaft des Unerwarteten

Drei Improvisationskünstler gründen ihre eigene Theatergruppe. Fünf Jahre später blicken sie zurück und erzählen, was „Improtheater“ ausmacht – und warum Scheitern etwas Gutes ist.

Worin besteht eigentlich ein erfolgreicher Vortrag? „Ganz klar“, würde der ambitionierte Student überzeugt nicken, „dass er gut vorbereitet und einstudiert ist.“ Und nebenbei natürlich auch standfest vorgetragen wird. Was aber passiert, wenn es keine Vorbereitung gibt? Keine Karteikarten, keinen Redakteur, keinen Drehbuchautor, keinen… Dann ist es wohl ein freier Fall. Oder: Improvisationstheater, wie das von „HaiLight“.

Feinste Improvisation aus dem Ruhrpott

Sind ein eingespieltes Team: Christian Kruse (31), Birte (37) und Marcel Schäfer (30). Foto: HaiLight

Sind ein eingespieltes Team: Christian Kruse (31), Birte (37) und Marcel Schäfer (30). Foto: HaiLight

Seit fünf Jahren spinnen Christian Kruse, Birte und Marcel Schäfer auf den Bochumer Bühnen und im Umkreis ihre Geschichten. Gefunden haben sich die drei Künstler an der Uni Bochum, an der sie einen Impro-Theaterkurs belegten. Die Lust am spontanen Spiel führte sie schließlich in die 12-köpfige Improvisationsgruppe „PottpüReh“-  und nach deren Auflösung im Jahr  2006 passierte es: Die Diskussion um eine eigene kleine Gruppe und einen neuen Namen entbrannte beim abendlichen Bier. Neben „Monika schwitzt“ und  „irgendeinem Namen mit Bienen“ setzten Birte und Christian ein neues Tier durch: Den „HaiLight“. Das blau-weiße Logo war klar – und Christian als Fußballfan äußerst zufrieden.

Der Moment zählt

Ob verschrobene Situationen mit Schraubenziehern in Hotelbars oder Ballettunterricht für die Zuschauer: Ihre Auftritte überraschen. Und genau das ist am Impro-Spiel so faszinierend: „Das Unerwartete“, sagt Christian lächelnd, „dass man um kurz vor acht nicht sagen kann, wie der Abend um viertel nach elf aussieht. Das ist was ganz Tolles.“ Gutes Improvisationstheater besteht eben nicht in der Vorbereitung, sondern im Augenblick selbst.

Die eigene Fantasie auf die Bühne bringen

Was tun die drei also in dem Moment, in dem sie ohne einen Plan vor ihr Publikum treten? Selbst zum Drehbuch werden, ist die Antwort: „Man findet die Kreativität in sich, erschafft Dinge aus sich heraus. Jeder hat ein gewisses Maß davon und man lernt, mit dieser Spontaneität umzugehen und das so aus der Hüfte zu schießen“, erklärt Marcel, der sein ganzes Leben begeistert mit Theater füllt: Er ist Theaterpädagoge und spielt neben dem Improvisationstheater auch an Schulen. Vorher etwas einzustudieren würde die „Improvisation“ vor dem „Theater“ wohl auch nicht rechtfertigen. „Außerdem können wir alles organisiert haben und dann verläuft der Abend doch um 180 Grad anders, als wir dachten“, wirft Christian ein und schmunzelt dabei. Überhaupt hat er dieses verschmitzte Lächeln, mit dem er nicht nur auf der Theaterbühne verzaubert, sondern auch als Zauberer und Clown so manches Kind zum Strahlen bringt.

 “HaiLight” findet die Kreativität in sich selbst. Foto: HaiLight

“HaiLight” findet die Kreativität in sich selbst. Das müssen sie auch, denn der vierte Mitspieler lauert vor der Bühne. Foto: HaiLight

Der vierte Akteur des Spiels

Unberechenbar ist Improvisationstheater, weil der vierte Mitspieler vor der Bühne lauert: Das Publikum. Vor der ersten Szene und auch während des Spiels legen die Zuschauer „Handicaps“, das heißt Vorgaben für die Schauspieler fest. Dazu gehört zum Beispiel, nur zu reimen, die Sätze mit A anzufangen und bis Z weiterzuspinnen, zu rappen, vom Zuschauer als Puppe bewegt zu werden… eigentlich alles, was dem gewagten Theatergänger einfällt. „Es ist Theater, wo man richtig Krach machen darf, mitreden darf! Und sich nicht nur hinsetzt und einfach konsumiert“, erklärt Birte mit einer Begeisterung, dass der Zuhörer am liebsten sofort in den Theatersaal laufen und es einmal miterleben möchte. Die diplomierte Sozialarbeiterin mit dem roten, kurzen Haar kann ihre Energie überhaupt kaum verbergen: „Ich habe mein Kind bekommen und drei Wochen danach sofort wieder auf der Bühne gestanden!“, erzählt sie und lacht dabei.

Improvisationstheater ist für HaiLight unberechenbar. Denn der vierte Mitspieler ist das Publikum. Foto: HighLight

Improvisationstheater ist für HaiLight unberechenbar. Unberechenbarer Enthusiasmus inklusive. Foto: HaiLight

Nicht nur Energie ist auf der Bühne wichtig. Zusammen Improvisationstheater zu spielen, bedeutet, ein Team zu sein. Dazu gehört, den anderen geduldig zu beobachten und seine Eigenschaften zu kennen. Einzugreifen, wenn er ratlos vor den Zuschauern steht. Eigene Ideen nicht hartnäckig zu verteidigen, sondern in das Spiel und die Ideen der anderen einzusteigen. Das rettet vor so manch brenzliger Situation. Birte grinst: „Wenn ich reime, dann geht das sowas von in die Buxe…“,  „…und dann greifen wir ein!“, ruft Marcel, „selbst wenn wir keine Lust hätten, Teil der Szene zu sein. Wir lassen den anderen nicht hängen. Und das ist die Qualität daran“, erklärt er.  Den Theaterpädagogen  überkommt beim Improspiel schon mal ungebremster Enthusiasmus. „Dann reißt er alles an sich auf der Bühne“, lacht Christian, „aber das ist auch gut so.“ Jeder bringt seinen Charakter mit ein und so ergibt sich jedes Mal eine neue, auf ihre Art perfekte Geschichte.

Erfolg ist nicht gleich fehlerfreies Spielen

Eingreifen bedeutet aber nicht krampfhaftes Bemühen um eine perfektionierte Vorstellung. Bei der Frage, ob Scheitern dazugehöre, lachen die drei laut und ausgelassen los. „Oh ja. Unbedingt!“, ruft Christian in den Raum. Birte erklärt: „Das Schöne beim Impro ist, dass man scheitern darf und dass es auch gewollt ist. Das Publikum sieht einen gerne scheitern.“ Sie erzählt von einer Szene, in der kein Wort mit „T“ anfangen sollte. „Und wenn man dann auf die Bühne geht und Guten Tag sagt… dann ist das eine sehr kurze Szene. Und für die Zuschauer ist es großartig, zu sehen: ‚Ah, okay, der kann auch nur von jetzt bis gleich zählen‘. Die Leute lieben das!“ Natürlich zeigen die Haie neben solchen Szenen vor allem ihr Können. Aber Scheitern gehört eben auch auf die Improvisationsbühne. „Es ist okay und gut, Dinge auch mal nicht zu schaffen“, sagt Birte abschließend.

Spielbeginn im Oktober

Im Oktober beginnt „HaiLight“ wieder mit ihrem Bühnenprogramm im Bochumer Umfeld. Zum Aufwärmen steht im Herbst erst einmal der RheinRuhrCup im Severins-Burgtheater in Köln an. Und wenn Marcel dann unerwartet enthusiastisch das Schauspiel erobert, Christian wieder gnadenlos rappen muss oder Birte beim Reimen mit ihren großen Augen rollt, wird das Publikum sich freuen.

Ein Gastbeitrag von Isabel Sonnabend.

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