Charakterfasten: „Ich lüge nicht, ich lasse Sachen weg.“

Die Tradition des Fastens ist so alt wie die Religionen selbst. Egal ob im Christentum, Islam, Buddhismus oder in alten indianischen Religionen: Fastenrituale gibt es überall. In unserer heutigen Kultur spielt Fasten kaum noch eine Rolle. Und wenn, dann in abgewandelter Form. Zwei unserer Autoren probieren aus, wie es ist, sieben Wochen auf eine Charaktereigenschaft zu verzichten. Lügen und Gemecker gehören zu unserem Alltag – doch was passiert, wenn wir versuchen, diese negativen Angewohnheiten einmal abzulegen? Wird die Fastenzeit uns nachhaltig verändern können?

Sieben Tage ohne Lügen sind vorbei und ich habe es geschafft, nicht als sozialer Außenseiter zu enden. Trotzdem war das Wochenende alles andere als leicht.

An Aschermittwoch wachte ich mit einem beklemmenden Gefühl auf, als würden überall Augen auf mich starren und kontrollieren, ob ich die Wahrheit sage. Es war überraschend, dass auch mein Körper darauf reagierte, was mein Kopf schon verstanden hatte: Mit Lügen ist die nächsten sieben Wochen nichts.

Zum Glück sollten die ersten zwei Tage jedoch keine große Herausforderung werden. Nach der Klausurenphase hatte ich keine Termine. Nur ein ordentlicher Hausputz war mal wieder nötig. Zwei Tage ohne eine andere Menschenseele waren schon etwas Tolles nach dem ganzen Stress der letzten Wochen.

Ab ins Wochenende

Am Freitagmorgen verließ ich meine WG und fuhr nach Hause. Am Wochenende sollte mir meine erste große Prüfung bevorstehen: der Geburtstag meines Opas und der meiner Mutter, inklusive großer Familienfeiern. Diese sind ja bekanntlich so gut wie immer eine wahre Brutstätte für Lügen. Zuvor wartete allerdings eine ganz andere Prüfung für meine Nerven auf mich.

Am Samstag musste ich ungeplant noch einmal kurz nach Dortmund. Meine Rückreise verlief allerdings ein wenig anders, als erwartet. Es scheint ein Naturgesetz zu geben, welches besagt: Wenn etwas schief läuft, geht alles andere auch schief.

Es fing damit an, dass mein Zug Verspätung hatte. Als ich kurz zu Hause anrufen wollte, um Bescheid sagen, ließ mein Handy weder Anrufe, noch das Verschicken von Nachrichten zu. Mein Handy neu zu starten, resultierte in der Sperrung meiner SIM-Karte. So musste ich erst noch einmal in meine WG, um dann mit entsperrtem Handy die Heimreise anzutreten. Anstatt um halb drei wieder in Ahlen zu sein, kam ich erst um halb fünf am Bahnhof an und konnte nach Hause laufen, da meine Familie ja schon auf dem Geburtstag meines Opas war.

Der Grund, warum ich die Geschichte erzähle, ist, weil ich, wenn ich mich, wenn ich mich eigentlich aufrege und andere fragen, was denn passiert sei, ich zwar bei der eigentlichen Geschichte bleibe, aber sie gerne hier und da ein wenig ausschmücke. So wird ein kleiner Sprint zum Bus zu einem Marathon und ein Mann, der mir den Weg versperrte, zum Teufel höchstpersönlich. Jetzt allerdings bin ich stolz sagen zu können, dass ich es geschafft habe, die Geschichte ohne diese Dramatisierungen zu erzählen. Im Nachhinein bin ich nur froh, dass ich sieben Wochen Lügen faste und nicht sieben Wochen versuche, auf Meckern zu verzichten. Denn das hätte mich mindestens zwei Jokerkarten gekostet.

Der 50. Geburtstag

Foto: Christian Burg

Das war also mein Samstag. Der Sonntag sollte meine Nerven zwar nicht so sehr auf die Probe stellen, aber meine Joker trotzdem im Stundentakt verschwinden lassen. Einen Joker hatte ich eigentlich für die Lüge eingeplant, die nötig gewesen wäre, um das Geschenk von meinen Geschwistern und mir vor meiner Mutter zu verstecken. Tatsächlich zückte ich den Joker erst kurz vorm Überreichen des Geschenks, nämlich als meine Mutter fragte, was wir denn immer im Keller gewollt hätten. Ein einfaches „Getränke holen“ war ausreichend, um Mama nicht weiter darüber nachdenken zu lassen.

Foto: Christian Burg

Beim Eintreffen der Gäste begann der Spaß erst richtig. Im Laufe dieses einen Nachmittags log ich insgesamt drei Mal. Ich nenne das einfach mal ein nötiges Minimum, um den Nachmittag zu überleben. Leider kann ich mich aber nur noch an eine Lüge erinnern, nämlich die letzte. Beim Verabschieden der Gäste fragte meine Großmutter, ob ich bald mal wieder vorbei kommen würde. Aus einem Impuls heraus sagte ich: „Ja.“ Im gleichen Moment wurde mir jedoch klar, dass ich dies wahrscheinlich nicht machen würde und ich einen weiteren Joker benutzt hatte.

So sieht also meine erste Jokerkarten-Bilanz nach einer Woche aus. Einerseits bin ich stolz darauf nicht alle Joker benutzt zu haben, andererseits hätte ich es bestimmt auch ohne eine einzige Lüge geschafft. Im Eifer des Gefechts rutschte mir eine Lüge dann aber doch heraus.

Jokerkarte vom 07.03.2017, Bild: Pflichtlektüre

Ich sollte mich in den kommenden Wochen wohl besser an das Lebensmotto der Großmutter aus dem italienischen Drama „Mine vaganti“ halten: „Ich lüge nicht, ich lasse Sachen weg.“  Zum Ende der ersten Woche gab es sogar noch eine Überraschung: Meine Schwester hat sich mir angeschlossen und versucht nun auch, nicht mehr zu lügen. Da sie kein Tagebuch wie ich führt, gibt sie mir nun jeden Abend ein Update.

 

Beitragsbild: Lia Rodehorst und Christian Burg, Collage mit Canva.com

Fotomontagen: Lia Rodehorst und Christian Burg unter Verwendung von pixabay.com, lizenziert nach Creative Commons 

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