Charakterfasten: Die eigenen Fehler sind am schlimmsten

Die Tradition des Fastens ist so alt wie die Religionen selbst. Egal ob im Christentum, Islam, Buddhismus oder in alten indianischen Religionen: Fastenrituale gibt es überall. In unserer heutigen Kultur spielt Fasten kaum noch eine Rolle. Und wenn, dann in abgewandelter Form. Zwei unserer Autoren probieren aus, wie es ist, sieben Wochen auf eine Charaktereigenschaft zu verzichten. Lügen und Gemecker gehören zu unserem Alltag – doch was passiert, wenn wir versuchen, diese negativen Angewohnheiten einmal abzulegen? Wird die Fastenzeit uns nachhaltig verändern können?

Unsere Autorin Lia Rodehorst kämpfte in der zweiten Woche vor allem mit sich selbst: Durch die Prüfungsvorbereitung auf andere Dinge konzentriert, passierten ihr ständig Missgeschicke…

Die Woche ab Aschermittwoch lief bei mir gut. Ich habe einen ganzen Haufen Prüfungen und so verbrachte ich die Zeit mit Lernen. Abgesehen von ein paar frustriert-verzweifelten Aufseufzern, wenn ich eine Physikformel auch beim dritten Versuch nicht verstanden hatte, blieb ich meckerfrei.

Ganz anders in der zweiten Woche: Weniger als sieben Tage hatte ich noch Zeit, um mich auf meine Prüfung in Physik vorzubereiten. Dementsprechend schwirrte mein Kopf von Formeln, Gesetzen und Operatoren und es blieb wenig Platz für anderes. Was auf den ersten Blick wie ein guter Schutzschild gegen Wut wirkt, erwies sich als Problem, obwohl sich mein Alltagsprogramm kaum verändert hatte.

7 Wochen ohne Meckern: Regeln
 

Witten ist nicht Bochum

Am Mittwoch wollte ich abends von Dortmund nach Bochum fahren, eigentlich keine schwierige Aufgabe. Bis zum Bahnhof hatte alles gut funktioniert, doch weil ich zu sehr in Gedanken war, merkte ich nicht, dass meine U-Bahn Verspätung hatte und ich hätte rennen müssen. Prompt stieg ich in den falschen Zug. Die Fahrt fühlte sich zwar auffällig lang an, aber ich dachte, das würde einfach an meiner hohen Konzentration auf meine Lernkarten liegen.

Pläne und Realität. Bild: Lia Rodehorst

Als die Ansage “nächster Halt: Witten” durch den Zug schallte, wurde mir mein Fehler dann bewusst. Aber zum Glück war das kein Problem, der nächste Zug nach Bochum sollte eine gute Viertelstunde später fahren. Ich lachte über meine Zerstreutheit, stellte mich aufs richtige Gleis und rief meine Familie an, um die Zeit zu nutzen. Meine Eltern lachten mit mir. Als eine Regionalbahn dann kam, stieg ich nicht ein. Ich wollte ja schließlich nicht nach Essen, sondern nach Bochum.

Wer sich im Pott ein bisschen besser auskennt als ich, wäre wohl klüger gewesen und eingestiegen. Ich brauchte jedoch noch zehn Minuten, um zu erkennen, dass mein Zug gerade weggefahren war. Die nächste Verbindung nach Bochum fuhr erst eine Stunde später. Fluchend rannte ich zum Regionalexpress nach Dortmund, der zwei Gleise weiter fuhr und den ich gerade rechtzeitig erreichte. Von Dortmund aus fuhr bald ein Zug nach Bochum, sodass ich insgesamt nur gut doppelt so lange brauchte, wie eigentlich geplant. Und obwohl ich versuchte, meinen Umwegen etwas Positives abzugewinnen, hatte mich mein Abenteuer den ersten Joker gekostet.

Eine Tomate ist keine Paprika

Alles rot, aber leider doch verschieden… Foto: Lia Rodehorst

Den nächsten Tag beschloss ich, lieber keine größeren Abenteuer zu wagen und den Abend mit gutem Essen zu Hause zu verbringen. Beim Gemüseschneiden lief ein Podcast, ich war froh, endlich mal entspannen zu können. Als ich das Paprikamark aus dem Kühlschrank holen wollte, war es nicht da. Da ich aber gute Mitbewohner habe, die meistens nachkaufen, was sie aufessen, machte ich mich auf die Suche nach einem neuen Glas. Ich wurde schnell fündig. Zwar in Plastik statt in Glas und von einem anderen Hersteller, aber wohl trotzdem lecker. Ich beförderte mehrere Esslöffel der roten Creme in meine Reispfanne, drehte den leuchtend gelben Deckel wieder zu und beförderte das Paprikamark zurück an seinen Platz im Kühlschrank.

Beim Essen freute ich mich sehr darüber, mir wirklich Zeit zum Kochen genommen zu haben: Die Reispfanne war unglaublich lecker, genauso wie früher bei Mama. Spätestens das war der Punkt, an dem ich hätte stutzig werden müssen. Ich hatte bisher nie ihre Kochkünste erreicht, weil sie früher immer mit Tomatenmark gekocht hat, was ich seit einigen Jahren für meinen Körper leider ziemlich genau das ist, was Kryptonit für Superman ist.

Als ich eine Stunde später mit furchtbaren Bauchschmerzen den Kühlschrank öffnete, um nachzusehen, grinste mich auf dem Etikett eine knallrote Tomate an, die vorher zur Seite gedreht gewesen war. Von Bauchschmerzen geplagt versuchte ich dieses Mal gar nicht erst, mich nicht darüber aufzuregen und verabschiedete mich vom zweiten Joker.

Zerstreuter als jeder Professor

Das wurde knapp: Fast ganz benutzte Jokerkarte. Bild: Lia Rodehorst

Auch den Rest der Woche war es vor allem meine eigene geistige Abwesenheit, die mir das Leben schwer machte. Als ich Samstag sehr früh Brötchen holen wollte, griff ich mir den schwarzen Beutel vom Stuhl, den ich kurz vorher dort abgelegt hatte. Als ich vor der Wohnungstür stand, stellte ich fest, dass wohl nicht nur ich gerne meine Taschen auf den Stuhl in der Küche werfe: In dem Beutel befand sich die Flasche meiner Mitbewohnerin, meiner lag mit Wohnungsschlüssel und Geld noch in der Küche.

Als ich am Montag dann mit sauberer Wohnung in die neue Woche starten wollte, saugte ich mit dem Staubsauger einen am Vorabend frisch eingepflanzten Setzling aus einem der Blumentöpfe und verteilte vor Schreck noch einiges an Blumenerde auf der Wand.

Das Putzen lasse ich lieber sein und konzentriere mich aufs Lernen. Sonst passiert vielleicht noch Schlimmeres und ich muss demnächst meine Wohnung renovieren. Meine größte Herausforderung in den nächsten Wochen wird wohl, die Missgeschicke in einem erträglichen Rahmen zu halten, damit ich mich nicht zu sehr aufregen muss.

 

Beitragsbild: Lia Rodehorst, Collage mit Canva.com. Fotomontagen: Lia Rodehorst unter Verwendung von pixabay.com, lizenziert nach Creative Commons 

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