Studium garantiert höheres Einkommen

Bildung ist eine Investition in die Zukunft. Dieser Satz gehört zum Standard-Vokabular der Politiker – aber haben sie Recht damit? Welche finanziellen Vorteile bringt ein Studium? Johanna Storck vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat den Bildungs-Effekt für alle Fächer berechnet. Die Kernbotschaft: Wer studiert, verdient später mehr. Doch die Unterschiede zwischen den Berufen und Geschlechtern sind enorm.

pflichtlektüre: Sie haben untersucht, in welchen Berufen Hochschulabsolventen und Auszubildende später wie viel verdienen. Wo können junge Menschen aktuell den höchsten Lohn erwarten?

Johanna Storck: In den klassischen Unifächern Zahnmedizin, Allgemeinmedizin und Jura. Hier erreichen Männer wie Frauen die höchsten Stundenlöhne. Für Männer lohnt sich darüber hinaus überdurchschnittlich stark ein BWL-Studium oder eines im Wirtschaftsingenieurwesen – bei Frauen gilt das noch besonders fürs Lehramt.

Johanna Storck forscht am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin und verglichen, mit welchen Abschlüssen Menschen später wie viel verdienen.

Johanna Storck forscht am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin und hat verglichen, mit welchen Abschlüssen Menschen später wie viel verdienen. Foto: DIW

Warum ist der Unterschied in den Durchschnittslöhnen zwischen Männern und Frauen derart groß? Und wieso ist der Lehrerjob für Frauen viel attraktiver als für Männer?

Das liegt zum einen an den schlechteren Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen. Es hat aber auch mit der Fächerwahl der Frauen zu tun: Sie wählen deutlich seltener Fächer wie Wirtschaftsingenieurwesen – auch mit dem Hintergedanken, dass dort der Verdienst für sie geringer sein wird. Dann fällt die Wahl häufiger auf das Lehramt, da sie hier durch die Verbeamtung die Sicherheit bekommen, Beruf und Familie gut vereinbaren zu können. Diese Sicherheit hätten Männer zwar auch, aber für sie gibt es viel mehr Berufe, die finanziell attraktiver sind als der des Lehrers.

Gibt es auch Berufe, in denen ein Studium finanziell eher schadet?

Nein. Es ist im Allgemeinen schon so, dass sich ein Studium finanziell rechnet. Innerhalb eines Faches wird derjenige, der studiert hat, mehr verdienen als jemand mit beruflicher Ausbildung. Dass sich eine berufliche Ausbildung wegen der Praxiserfahrung im Lohn auszahlt, ist in der Regel falsch. Wer sich also für ein Fach interessiert, sollte zunächst studieren anstatt eine Ausbildung anzufangen.
Ein Studium verspricht aber nicht per se einen überdurchschnittlichen Lohn. Ein Mann, der soziale Arbeit studiert, verdient meistens weniger als der Durchschnitt aller Menschen mit Abitur und einer beruflichen oder akademischen Ausbildung.

Gibt es Berufe, bei denen es egal ist, ob man studiert?

Das ist uns nicht aufgefallen. Ein Studium lohnt sich. Wenn jemand also Informatiker werden will, sollte er aus finanziellen Gründen eher studieren als eine berufliche Ausbildung machen.


Kommt es nicht auch darauf an, wo die Menschen arbeiten und wie lange sie im Beruf sind?

Ja, aber beide Effekte haben wir herausgerechnet. Ein Beispiel: Wenn alle Zahnärzte Deutschlands in Bayern leben würden, wäre der hohe Stundenlohn für Zahnmediziner nicht überraschend. Denn in Bayern verdient man mehr als im Ruhrgebiet. Wir haben diesen regionalen Aspekt aber durch eine sogenannte Lohnregression korrigiert. Ähnlich haben wir beachtet, dass der Lohn mit dem Alter steigt.
Gleichzeitig haben wir eingerechnet, dass ein Mensch mit beruflicher Ausbildung mehr Jahre arbeitet als ein Student. Unterm Strich bleibt aber das Ergebnis bestehen: Ein Akademiker verdient trotz weniger Erwerbsjahren mehr Geld.

Akademiker sind die gesellschaftliche Gruppe mit der geringsten Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig schreiben Sie, dass das Lohnrisiko bei Akademikern höher ist als bei Menschen mit beruflicher Ausbildung. Wie passt das zusammen?

Das Risiko ist die Spanne der Löhne innerhalb eines Fachs, oder einfach gefragt: Wie stark variieren die Löhne innerhalb einer Berufsgruppe? Ein BWL-Student kann Top-Manager werden oder in der Buchhaltung eines Familienbetriebes landen. Das Risiko, einen geringen Lohn zu bekommen, ist groß. Das gilt auch für Mediziner, die für eine eigene Praxis erst viel investieren müssen, ehe sie einen hohen Lohn bekommen.
Ein Mensch mit einer beruflichen Ausbildung hingegen kann früh erkennen, wie viel er verdienen wird und sich dessen sicher sein – auch wenn der Lohn absolut unter dem eines Akademikers liegt.

Wie stark beeinflusst der zu erwartende Lohn die Fächerwahl von Studenten? Sind BWL-Studenten stärker an Geld interessiert als ein Mann, der soziale Arbeit studiert?

lohntabelle-mannEs gibt regelmäßig Befragungen von der Hochschul-Informations-System GmbH. Dort werden künftige Erstsemester gefragt, warum sie ein Studium aufnehmen. Dort ist die Lohnattraktivität immer unter den Top-Antworten – neben guten Karrierechancen, einer einflussreichen Position, gesellschaftlicher Anerkennung und einer eigenverantwortlichen Tätigkeit. Es ist klar, dass es noch viele andere Gründe gibt als den Lohn. Denn sonst würde jeder Zahnmedizin, Jura oder BWL studieren.

In Zeiten des Fachkräftemangels bauen einige Universitäten in Deutschland ihre naturwissenschaftlichen Fächer stark aus, weil Absolventen gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt prognostiziert werden. Eine Erkenntnis Ihrer Studie war, dass die Löhne in den  sogenannten MINT-Fächern jedoch keinen Spitzenverdienst versprechen. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Da unsere Daten von 2005 bis 2008 erhoben wurden, sind sie nicht mehr komplett aktuell. Ich könnte mir vorstellen, dass der Verdienst im MINT-Bereich mittlerweile etwas angezogen hat. Aber der Befund hat uns in der Tat überrascht. Es könnte damit zusammenhängen, dass die Aufstiegschancen noch nicht so gut sind. An der Spitze eines Technikunternehmens steht beispielweise eher noch ein Betriebswirt als ein Ingenieur. Damit bleiben Naturwissenschaftler in der mittleren Einkommensklasse hängen.

Sie schlagen vor, Verdienstmöglichkeiten zu verbessern, um etwa mehr Frauen für ein Studium der Naturwissenschaften zu begeistern. Ist ein Studium nicht mehr als bloßes Kalkulieren auf einen höheren Lohn? Könnte es nicht auch sein, dass Frauen kein großes Interesse an den MINT-Fächern haben?

lohntabelle-frauNatürlich ist das Interesse letztlich entscheidend. Daher sollten wir mehr dafür tun, Mädchen schon in der Schule für Naturwissenschaften zu begeistern. Und dennoch müssen diese Fächer für Frauen finanziell attraktiver werden. Derzeit können sie noch so interessiert sein: Wenn sie sehen, dass sie wenig verdienen werden, wählen sie im Zweifel ein anderes Fach.

Die Zahl der Studenten in Deutschland soll bis mindestens 2017 ansteigen. Könnte das für die Zukunft bedeuten, dass sich die Löhne von Akademikern und Menschen mit beruflicher Ausbildung auseinanderentwickeln werden?

Eine Prognose ist schwierig. Sicher ist, dass die Diskrepanz zwischen Menschen mit und ohne Abitur größer werden wird. Für die Entwicklung innerhalb der Abiturienten sind zwei Szenarien denkbar: Zum einen werden die Löhne für Menschen mit Studienabschluss nicht sinken, da die Unternehmen hochausgebildete, flexible Arbeitskräfte suchen. Gleichzeitig treten die Unternehmen stärker an die Abiturienten heran, um sie nach dem Abitur direkt für eine Ausbildung zu gewinnen.
Ich glaube nicht, dass die Schere zwischen Menschen mit und ohne Studium deutlich auseinander gehen wird. Aber innerhalb eines Berufs werden Menschen mit Studium bessere Aufstiegsmöglichkeiten haben als Menschen, die eine berufliche Ausbildung gemacht haben.

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