Tierversuche an Bochumer Uni umstritten

In den langen, dunklen Gängen im Keller der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Uni Bochum riecht es wie in einem Zoo-Geschäft. Am Ende eines dieser langen Gänge steht eine kleine Holzbank, ähnlich wie in einer Umkleidekabine in der Sporthalle. Wer weiter gehen will, muss sich hier einen blauen Kittel und Plastikschuhe überziehen. Die Kittel haben kleine Aufkleber mit Nummern, die kennzeichnen, in welchen Räumen sie getragen werden dürfen. Matthias Schmidt streift sich einen Kittel mit der Nummer 8 über: Für den Raum mit den Mäusen.

In Bochum wird an Makaken geforscht. Sie sind dem Menschen sehr ähnlich. Foto: Joachim Reisig/ pixelio

In Bochum wird an Makaken geforscht. Sie sind dem Menschen sehr ähnlich. Foto: Joachim Reisig/ pixelio

Die Versuchtiere der Uni Bochum und ihr Anwalt

Dort sieht es so aus wie bei einem Großhändler für Tierkäfige. Einige Mäuse werden einzeln, andere in Gruppen gehalten. Matthias Schmidt soll dafür sorgen, dass es ihnen gut geht. Er darf sich als Tierschutzbeauftragter der Uni zu jeder Zeit Zutritt zu den Tieren in der Versuchstierhaltung verschaffen. Er kontrolliert dann, ob sie angemessen versorgt und behandelt werden. „Ich bin so etwas wie der Anwalt der Tiere“, sagt er. Verstößt jemand gegen die Vorschriften, spricht Schmidt eine Abmahnung aus.

Vorsichtig zieht Matthias Schmidt einen der Käfige aus der Halterung, zieht sich Handschuhe an und greift nach einer Maus. Das Tier ist so flink, dass es ihm direkt wieder entwischt. Für einen Ungeübten sei es nicht einfach zu erkennen, wie es den Tieren gehe. Aus diesem Grund bietet Matthias Schmidt Vorlesungen zum Umgang mit Versuchstieren an. „Wenn man eine Ratte in eine neue Umgebung setzt und sie sich einsam in die Ecke kauert, dann weiß man sofort: Mit ihr ist etwas nicht in Ordnung. Kauert sich ein Meerschweinchen nicht in eine Ecke, dann ist mit ihm etwas nicht ok.“

„Die Affen gehen noch lange nicht in Rente“

Mäuse sind nicht die einzigen Tiere, für deren Wohlergehen Matthias Schmidt verantwortlich ist. Er kümmert sich ebenfalls um das Wohl von Kaninchen, Ratten, Tauben und Katzen, an denen an der Uni geforscht wird. Auch Affen werden in Versuchen eingesetzt; es soll derzeit fünf bis sieben Exemplare an der Uni Bochum geben. Der Zutritt zu ihrer Unterbringung wird allerdings Journalisten nicht mehr gestattet. Laut Medienberichten sollen die Versuche an Affen an der RUB im Sommer 2009 sowieso komplett eingestellt werden. Der Grund: Das Ausscheiden des Dekans der Biologischen Fakultät, Klaus-Peter Hoffmann, der die Affen seinerzeit angeschafft hatte. Matthias Schmidt glaubt den Berichten jedoch nicht. „Nur weil der zuständige Forscher in Rente geht, gehen die Affen noch lange nicht in Rente“, ist er überzeugt.

Klaus-Peter Hoffmann verweist bei Nachfragen lediglich auf Medienberichte vom Dezember 2008 und gibt zu Bedenken, dass auch nach seinem Ausscheiden weiterhin Doktorarbeiten geschrieben werden müssten, die Versuche an Affen erfordern. Er könne über ein definitives Ende der Versuche an der Uni lediglich spekulieren, sagt er.

Matthias Schmidt in der Versuchstierhaltung. Er kümmert sich darum, dass es den Tieren gut geht. Foto: Sarah Müller

Matthias Schmidt kümmert sich darum, dass es den Tieren gut geht. Foto: Sarah Müller

Matthias Schmidt ist sich dagegen sicher, dass die Affenversuche an der Fakultät für Biologie der RUB noch mindestens zweieinhalb Jahre weitergehen werden. „Es dauert sehr lange, die Affen auf die Versuche vorzubereiten, außerdem sind die zur Verfügung gestellten Gelder an bestimmte Projekte gebunden.“ Wenn also eine Versuchsreihe komplett eingestellt wird, werden die Forschungsgelder gestrichen und können nicht für andere Versuche verwendet werden.

Den Affen wird die Schädeldecke abgehoben

Die Affen, an denen in Bochum geforscht wird und die immer wieder öffentliches Aufsehen erregen, sind Makaken. Sie gehören – wie die Menschenaffen – zu den Arten, die dem Menschen besonders ähnlich sind. Gerade deshalb entwickeln viele Menschen starkes Mitgefühl mit den Tieren.

Bei den Versuchen an der RUB sitzen die Makaken in speziellen Primatenstühlen. Ihr Kopf ist so fixiert, dass sie ihn nicht bewegen können. Nachdem ihnen die Schädeldecke abgehoben wurde, werden Elektroden in ihrem Gehirn angebracht, die die Hirnaktivität messen. Nur auf diese Weise könnten genaue Kenntnisse über das Gehirn gewonnen werden, sagt Matthias Schmidt.

Roman Kolar arbeitet beim Deutschen Tierschutzbund und hofft auf Alternativmethoden in der Grundlagenforschung. Foto: Privat

Roman Kolar hofft auf Alternativmethoden in der Grundlagenforschung. Foto: Privat

Viele Tierschützer sind anderer Meinung. Es sei eine „steinzeitliche Methode“, so Roman Kolar vom Deutschen Tierschutzbund: „Wie in den 50er Jahren wird immer noch versucht, mit dem Stochern im Gehirn von Primaten adäquate Ergebnisse zu erzielen.“ Die besten Ergebnisse würden an Menschen erzielt – und zwar ganz einfach bei einer Kernspintomographie. Natürlich habe man auch mit Tierversuchen Erkenntnisse gewonnen, diese stünden aber in keinem Verhältnis zu dem Leiden der Tiere, sagt Roman Kolar. Matthias Schmidt hält Tierversuche dagegen für dringend notwendig: „Höhere Hirnfunktionen können nur an einem offenen Gehirn getestet werden.“ Zum Beispiel lasse sich das Zusammenspiel zwischen Sehen und Greifen nicht in einem Kernspintomographen darstellen.

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