Germanistin bringt Robotern menschliches Verhalten bei

Ilona hat die Androiden ins Herz geschlossen. Foto: privat

Ilona hat die Androiden ins Herz geschlossen. Foto: privat

Ilona Straub will Robotern soziales Verhalten beibringen. Die UDE-Studentin der Kommunikationswissenschaft und Germanistik schreibt für ein Jahr in Japan an ihrer Doktorarbeit. Die gebürtige Oberhausenerin war bereits für drei Monate dort und gewann sogar ein Stipendium. Auf der ersten Reise für ihre Dissertation traf sie Professor Hiroshi Ishiguro, der für das Advanced Telecommunication Research Institute International (ATR) in Kyoto arbeitet. Dort werden Androiden entwickelt. Ilona wird erforschen, inwiefern das menschliche Denken und Verhalten auf diese Roboter übertragbar ist.

„Unsere menschenähnlichen Androiden lernen durch Erfahrung“, erklärt die 30 Jahre alte Ilona. Ihr neuer Chef Ishiguro hat in Japan dabei mitgewirkt, ein Roboterbaby zu entwickeln. Es heißt CB2, was für Child-Robot with Biomimetic Body steht. CB2 soll wie ein kleines Kind durch den Umgang mit Erwachsenen wie Ilona lernen. Das künstliche Baby ist 1,20 Meter groß und wiegt 36 Kilogramm. Mit 197 Sensoren ertastet es die Welt, Kameras hinter großen Kulleraugen sind sein Fenster dazu.

Ein Wesen hinter künstlichen Kulleraugen

Zum Bemuttern ist der Android aber nicht da: CB2 soll Forschern helfen, die Lernfähigkeit von Robotern zu verbessern und zusätzlich mehr über die Entwicklung von Kindern herausfinden. Das Androiden-Baby hat schon laufen gelernt und „brabbelt“ ein wenig Japanisch. Wie weit es sich noch entwickelt, ist ungewiss. Ilona hatte mit CB2 schon ein grenzüberschreitendes Erlebnis, wie sie sagt: Hinter den Kulleraugen glaubte sie ein Wesen zu erkennen. „Als ich ihm in die Kameraaugen schaute, ertappte ich mich dabei, eine Seele dahinter zu vermuten“, sagt Ilona. Doch ihr Wunsch auf eine Reaktion des künstlichen Babys blieb noch unerfüllt.

CB2 sieht die Welt durch Kameraaugen.

CB2 sieht die Welt durch Kameraaugen. Foto: Privat.

Menschen sind nicht berechenbar

In Japan arbeiten an menschenähnlichen Androiden wie CB2 Ingenieure und Sozialforscher zusammen mit Neuro- und Kognitionswissenschaftlern. „Einerseits müssen die Ingenieure etwas programmieren, andererseits muss es auch Ideenlieferer aus der Geisteswissenschaft geben. Die befassen sich mit dem Komplex, was es heißt, ein Mensch zu sein. Denn es gibt keine Formel für das Menschsein“, sagt Ilona. Sie will den Naturwissenschaftlern erklären, was sie programmieren müssen, damit sich die Roboter „menschlicher“ verhalten. Dass sie zum Beispiel Blickkontakt mit ihrem Gegenüber halten sollten und ihren Körper entsprechend bewegen müssen. Mehr als ungewöhnlich ist, dass Geisteswissenschaftler wie Ilona an einem solchen Projekt mitarbeiten. Darum versucht sie auch, eine Forschungslücke mit ihrer Arbeit zu schließen und international ein Vorbild für andere Teams zu sein. Gerne würde sie auch nach ihrer Dissertation in der Forschung bleiben.

Das Verhalten der Androiden basiere auf Nachahmung, erzählt Ilona. Sie machen alles wie Menschen: Sitzen, gehen, Kontakt aufnehmen. Das mache sie letztlich auch menschenähnlich, weiß die ehemalige UDE-Studentin. Der japanische Forscher Ishiguro baut Androiden, die ihren Vorbildern zum Verwechseln ähnlich sehen. Er hat sogar eine Kopie von sich selbst geschaffen. Aber das Aussehen nützt nichts, wenn sich die Roboter unnatürlich und auffällig verhalten. Es gebe einen Punkt, an dem Menschen sie als unheimlich wahrnehmen könnten, berichtet Ilona. Ziel der Forscher sei es jetzt, diesen Punkt zu überwinden.

Grenzen zwischen Mensch und Maschine sind fließend

Im Fall des Riesenbabys CB2 ist die Maschine für Ilona und das japanische Team fast menschlich geworden. Die Grenzen können verschwimmen. Aber genau das ist das Ziel der asiatischen Forscher. Denn in Zukunft sollen Roboter im Haushalt helfen, im Sozialbereich tätig werden oder als Museumsführer agieren. Je menschlicher die Roboter sich benähmen, desto besser könnten sie in unseren Alltag integriert werden, ist Ilona sicher. Denn dann werden wir sie nicht als unheimlich wahrnehmen. Ob sie vielleicht sogar den Lebenspartner ersetzen können, hält die Kommunikationswissenschaftlerin für Zukunftsmusik.

Text: Sandra Finster

Die junge Roboter-Forscherin im O-Ton:

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