Patriotismus: Mehr Flagge zeigen im Land?

Jürgen Rüttgers fordert von den Deutschen mehr Patriotismus. Nur mit einem starken Heimatbewusstsein könne eine europäische Identität geschaffen werden. Dortmunder Geschichts-Professoren sehen das aber kritisch.

Eine Nation im WM-Rausch:Verbundenheit zum eigenen Land geht übers Herz

Eine Nation im WM-Rausch: Verbundenheit zum eigenen Land geht übers Herz. Foto: Flickr

Mehr Patriotismus und Heimatliebe zeigen – das forderte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Nur so könne eine lebendige europäische Identität geschaffen werden. Nur wer weiß, wo er herkommt, der könne sich für andere Kulturen besser öffnen, sagte Rüttgers. Wie er dazu beitragen will, dass die Menschen in Nordrhein-Westfalen sich ihrem Bindestrichland und Deutschland verbundener fühlen, weiß der Landesvater ganz genau. NRW-, Deutschland- und Europa-Flaggen sollen vor sämtlichen öffentlichen Gebäuden wehen. Zudem muss in der Schule mehr Landes- und deutsche Geschichte unterricht werden. Außerdem kritisiert Rüttgers, dass nur etwa die Hälfte der Deutschen ihre eigene Nationalhymne kennt.

Europäische Integration durch mehr Patriotismus?

Karl Lauschke, Professor für Neue Geschichte an der TU Dortmund wirft Rüttgers vor „Symbolpatriotismus“ zu betreiben. „Wenn man sich positiv auf sein eigenes Land beziehen möchte, dann sollte man mit einem Verfassungspatriotismus arbeiten.“ An Rüttgers Stelle würde er sich weniger daran stören, dass die Hälfte der Menschen in Deutschland die Nationalhymne nicht kennt. Viel schlimmer findet Lauschke, dass ein großer Teil der Deutschen das Grundgesetz nicht kennt. Ob mehr Fahnen eine tiefere Verbundenheit zu einem Land oder zur EU vermitteln können? „Da bin ich skeptisch“, sagt Lauschke.

In den Augen von Professor Rolf Brütting vom Lehrstuhl für Neue Geschichte der TU Dortmund kann der deutsche Patriotismus nicht von politischen Aktionen wiederbelebt werden. Das Verhältnis der Deutschen zur eigenen Nation sei durch die Erfahrung des Nationalsozialismus und des Holocausts tief zerrüttet. „Wir haben das bei der Fußball-WM gesehen: Verbundenheit zum eigenen Land entsteht nicht durch politpädagogische Vorhaben, sondern geht übers Herz“, sagt Brütting. Von mehr Beflaggung hält er nichts. An staatlichen Gedenktagen werden die Flaggen sowieso gehisst – und zwar genau in der von Rüttgers geforderten Kombination: NRW-, Deutschland- und Europaflagge. „Da lässt sich nur etwas verstärken, wenn wir ständig flaggen. Und dann haben die Fahnen schon bald keine Bedeutung mehr und verkommen zu Denkmälern, die kein Mensch mehr wahrnimmt.“

 

„Schaufensterrede ohne Konsequenzen“

Von mehr deutscher Geschichte im Unterricht hält Brütting ebenfalls nichts. Davon gebe es in den Schulen genug, wenn nicht zu viel. Wenn Rüttgers wolle, dass die Deutschen sich Europa und der EU stärker zugehörig fühlen, müssten in der Schule Europa-Themen eine größere Rolle spielen. „Europa taucht im Geschichtsunterricht eigentlich gar nicht auf und wenn, dann nur als Konflikt, in Form von Kriegen oder gewaltsamen Revolutionen, wo die Menschen bis zu den Knien im Blut waren“, sagt Brütting. So entstehe eine eigene, nationale Identität in Abgrenzung zu anderen. Die Aussage Rüttgers‘ „Wenn man weiß, wo man herkommt, kann man sich anderen Kulturen besser öffnen“ höre sich vor allem gut an, sagt Brütting. „Aber worauf bezieht sich dieses ‚wo man herkommt‘? Auf NRW? Auf Deutschland? Und wenn ja, auf welches Deutschland und wie weit zurückgehend?“

Karl Lauschke stört an der Argumentation des Ministerpräsidenten, dass die Deutschen scheinbar erst ein regionales, dann ein nationales und darauf aufbauend ein europäisches Bewusstsein entwickeln sollen. „Dabei vergisst Rüttgers, dass das europäische Bewusstsein integraler Bestandteil des nationalen Bewusstseins ist. Man kann das nicht voneinander trennen“, meint Lauschke. Polemisch könne man sagen, Rüttgers wolle sich erstmal um das Nationalgefühl kümmern und die Schaffung eines europäischen Bewusstseins auf die lange Bank schieben. Dabei sei es gar nicht schwer, den Menschen Europa näher zu bringen. Das funktioniere am besten durch Austausch und den direkten Kontakt von Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern, so Lauschke. „Das ist das Fundament für eine gemeinsame europäische Identität.“

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