Studentenproteste: Es gibt noch viel zu tun

Der allgemeine Bachelor-Frust ist der kleinste gemeinsame Nenner des Bildungsstreiks. Aber es geht auch konkreter: Die Fachschaften der TU Dortmund kennen die Probleme mit den neuen Studiengängen genau. Ergebnis: Manche Institute haben gar keinen Grund zur Aufregung.

Studiengebühren, das klang für viele Studenten stets nach Gurken mit Nutella, Winterurlaub ohne Schnee und Ed-Hardy-Kleidung – einfach unpassend, ärgerlich und überteuert. Doch dieses Meinungsbild hat sich gewandelt, es musste sich wandeln. Die Sportstudenten der TU Dortmund empfinden die Gebühren längst alles andere als lästig, sie sind vielmehr lebenserhaltend: „Weil unser regulärer Haushalt in den vergangenen drei Jahren um mehr als die Hälfte gekürzt worden ist, müssen wir ihn teilweise mit Studiengebühren ausgleichen“, sagt Lisa Weiß, zweite Fachschaftsvorsitzende. Die Gelder hielten das Institut aufrecht, für die eigentlich angedachte Verbesserung der Lehre bleibe allerdings nichts übrig. „Wir wissen nicht, wie wir hier wirtschaften sollen, wenn das so weitergeht“, sagt Lisa.

Daumen hoch, Daumen runter: In einigen Fachschaften der TU-Dortmund hat die BA/MA-Umstellung geklappt. Aber nicht in allen. Foto: Florian Hückelheim

Daumen hoch, Daumen runter: In einigen Fachschaften der TU-Dortmund hat die Umstellung auf Bachelor/Master geklappt. Aber nicht in allen. Foto: Florian Hückelheim

Und noch etwas regt die Sportstudenten auf. Etwas, das sie mit anderen Fachschaften verbindet: Das Kursangebot wird der Nachfrage nicht angepasst, vor allem nicht in der Sportpraxis. Es sei daher sehr schwierig, die Regelstudienzeit einzuhalten. „Doch die Gebühren der Studenten, die länger als sechs Semester studieren, fließen zurück an die Uni. Der Fachbereich Sport profitiert davon nicht mehr.“ Eine unsinnige Regelung, meint Lisa.

„Missstände von den Diplomern geerbt“

Die Studenten des Bio- und Chemieingenieurwesens machen sich gar nicht erst die Illusion, die Regelstudienzeit zu schaffen: „Diesen Missstand haben wir von den Diplomern geerbt“, sagt Fachschaftsmitglied Richard Löper. Der neue Verlaufsplan habe das Studium zudem noch komplizierter und strapaziöser gemacht. Der Stress in den Klausurphasen sei unerträglich – wie schon bei den Diplomern. Die Verteilung der Prüfungen habe sich verschlechtert: „Mal vier Klausuren am Semesterende, im nächsten wieder neun.“

Wie schwer das Studium geworden ist, erläutert Richard an einem Beispiel: „Wir mussten im ersten Semester ‚Thermodynamik 1‘ schreiben, eine der schwersten Klausuren, die bei den Diplomern erst im dritten Semester anstand. 90 Prozent von uns Erstsemestern sind durchgefallen.“ Immerhin: Inzwischen wurde die Klausur wieder ins dritte Semester gelegt. Richards Kommilitone Bojan Brötz sagt: „Von den Profs hören wir schon am Semesteranfang: ‚Stellen Sie sich darauf ein, die Klausur dreimal zu schreiben.‘ Nur das Blöde ist, dass nach der dritten Klausur an unserer Fakultät tatsächlich Schluss ist und wir uns ein Studium dieses Fachs abschminken können.“

„Ohne Master sind wir nix“
Ein Problem reiht sich ans nächste: Haben die Studenten ihren Bachelor geschafft, steigen sie nicht automatisch in das Masterprogramm ein: „Nur wenn wir mindestens eine 2,5 haben, dürfen wir weiterstudieren. Doch ohne Master sind wir nichts. Da hat ein Unternehmen mehr von seinem fertigen Azubi“, sagt Studentin Frieda Sandberg. Sie möchte die Garantie für einen Masterplatz haben.

Lernen, lernen, stöhnen: Für die Studenten des Bio- und Chemieingenieurwesens ist der Stress in der Klausurenphase nicht zum Aushalten.

Lernen, lernen, stöhnen: Für die Studenten des Bio- und Chemieingenieurwesens ist der Stress in der Klausurenphase nicht auszuhalten.

Eine solche Garantie fordern auch die Studenten der Rehabilitationspädagogik und -wissenschaft. Sie sind gegen das Aussieben, auch zu Anfang des Studiums: „Die Vergabe läuft bei uns ausschließlich über den Numerus Clausus. Aktuell liegt der bei 1,8 und schließt einfach zu viele aus. Diejenigen, die einen schlechteren NC, dafür aber beispielweise eine Ausbildung haben, werden ignoriert“, kritisiert Fachschaftssprecher David Markmann. „Durch den Bildungsstreik ist eine richtige Diskussion in Gang gekommen“, sagt David. Entstanden ist der Streik-Arbeitskreis, der sich in fünf kleine Arbeitskreise wie „Prüfungen“ und „Lerninhalte“ splittet. Im Januar werden sich die Arbeitskreise mit dem Dekanat treffen und ihre Verbesserungsvorschläge vorstellen.

Auch die Fachschaft Germanistik ist aktiv geworden und lädt Studenten und Dozenten zu einer Vollversammlung ein. Am 12. Januar von 12 bis 14 Uhr im Hörsaal 1 (EF  50) wird es vorrangig um die chaotische Seminarplatzvergabe gehen. „Wir wollen Transparenz schaffen, weil unser Institut nicht so viel für das Chaos kann, wie viele Studenten meinen“, sagt Fachschaftssprecherin Nadine Hartwig. Beispielsweise sei der Ansturm auf die Germanistik unüberschaubar, nicht genau berechenbar wie in anderen Fächern und es gäbe nicht genügend Dozenten und Räume.

Nicht jammern, sondern konstruktiv werden: Am 12. Januar veranstaltet die Germanistik eine Vollversammlung.

Nicht jammern, stattdessen konstruktiv werden: Am 12. Januar veranstaltet die Germanistik eine Vollversammlung.

Die Germanistikstudentin Katharina Herb und ihr Kommilitone Marcel Berlec sind in der Fachschaft für das Konfliktmanagement zuständig. Sie helfen, wenn Studenten nicht in ihre Seminare kommen.  „Das klappt gut, wir bieten ihnen Alternativen an. Trotzdem muss sich generell etwas an dem Anmeldeverfahren ändern“, sagt Marcel. Auch darüber soll am 12. Januar diskutiert werden. Bislang laufe die Seminarplatzverteilung ungerecht, das System müsse geändert werden.

Nach dem Wirrwarr kommt die Euphorie
Das fordern auch die Studenten der Fachschaft Sprachkultur, „Die zu vollen Seminare sind natürlich nervig. Aber davon abgesehen, bin ich zufrieden. Der Studiengang ist nicht verschult, es gibt viele Wahlmöglichkeiten“, sagt Karina Strübbe, Mitglied der Fachschaft.

Das Studentenleben ist trotz Gebühren kein Wunschkonzert: Für viele Studenten gilt am Semesteranfang "Hauptsache ein Seminarplatz, egal welcher".

Das Studentenleben ist trotz Gebühren kein Wunschkonzert: Für viele Studenten gilt am Semesteranfang "Hauptsache einen Seminarplatz - egal welchen"

Diese Wahlmöglichkeit überfordere zwar am Anfang die Erstsemester, die sich aus vier Fächern einen Stundenplan basteln, aber später seien sie froh über die vielen Optionen. KuWi-Studentin Katrin Obenauf: „Bei mir war es genauso. Zuerst habe ich mich extrem verloren gefühlt, weil ich nicht wusste, welche Kurse ich belegen wollte. Aber wenn man das weiß, ist es perfekt und man studiert das, was man will.“

Diese Euphorie verschwinde nach dem Bachelor, sagt Fachschaftssprecherin Karina. „Es gibt für uns kein eigenes Masterprogramm. Wir können nicht weiter fächerübergreifend studieren, müssen uns für ein Fach entscheiden.“

Wie ein reformierter Diplomstudiengang
Die Studenten der Raumplanung haben andere Master-Probleme. Wie die Studenten des Bio- und Chemieingenieurwesens befürchten auch sie, dass sie ohne Masterabschluss keinen Job finden. Zugegeben, der Bachelor hat für die Raumplaner auch positive Seiten, wie Fachschaftssprecherin Hanna Schmitt das Ergebnis einer von ihr geführten Befragung der Raumplaner zusammenfasst: „Der Bolognaprozess soll der Reform von Studieninhalten und Studienstruktur sowie der Verbesserung der Betreuung dienen. Dies hat er definitiv erreicht – auch wenn ein vergleichbares Ergebnis mit einem reformierten Diplomstudiengang hätte erreicht werden können.“

An ihrer Fakultät sei  das Diplom schon lange nicht mehr nach Stundenplan studierbar gewesen, der Bachelor sei es bisher schon. Auch ein Auslandssemester lasse sich seit der BA/MA-Umstellung besser in das Studium integrieren. Das hört sich gut an. Noch besser hört sich die Bologna-Bilanz der Statistik-Studenten an. Fachschaftsratssprecher Christoph Neumann sagt: „In unserer Fachschaft gibt es keine Missstände.“


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