Tag 5: Der Schlussstrich

Selbstversuch, Tag 5: Bis jetzt habe ich überlebt. Nur noch dieser eine Tag. Ich ernähre mich zwar, aber komme mir trotzdem vor wie Robinson Crusoe, der gestrandet auf einer einsamen Insel in Askese sein Leben fristet. Sehnlichst erwarte ich das Ende des Versuchs. 

Noch immer liege ich dort, wo ich gestern Abend eingeschlafen bin – auf dem Sofa. Mein Rücken dankt es mir mit einem stechenden Schmerz, während sich mein Magen über den fehlenden Inhalt beschwert. „Lange stehe ich das nicht mehr durch“, denke ich mir auf dem Weg in die Küche, aus der mein Bruder gerade mit einem frischen Brötchen kommt. „Na, was gibt’s bei dir zum Frühstück“, witzelt er. Drei Dinge, die ich nach vier Tagen Selbstversuch definitiv nicht mehr hören möchte: Erstens: ironische Fragen nach meinem Speiseplan. Zweitens: ironische Fragen nach meinem Wohlbefinden. Drittens: Menschen, die mir Essen anbieten.

In den vergangenen vier Tagen bin ich zu einem krassen Nervenbündel mutiert, das nur noch wenig Spielraum für Humor hat. Außerdem kann ich mich immer weniger auf Sachen wirklich konzentrieren. Sei es der nächste Zeitungsartikel, den ich schreiben muss oder das letzte Level eines Playstation-Spiels. Sicherlich bringt Joylent eine große Zeit- und Geldersparnis, selbst im Vergleich mit günstigen Fast-Food-Lebensmitteln. Aber auf Dauer macht dieses Pulver einfach keinen Spaß. Die geschmackliche Monotonie geht mir mittlerweile derart auf den Wecker, dass ich meinen Mitmenschen beim Essen zugucke, nur um meinem Körper vorzugaukeln, dass er etwas anderes als aufgelöstes Pulver zu essen bekäme – was allerdings nicht wirklich hilft, sondern eher zu noch mehr Hunger führt.

Mein Delirium

Mittlerweile kreisen meine Gedanken nur noch um die Mahlzeiten. In der Vorbereitung auf mein Experiment habe ich einen Artikel gelesen, in dem ein Mann behauptet, sich schon ein ganzes Jahr von diesem Ergängzungsmittel zu ernähren. Unvorstellbar.

Während ich über einen Hungerstreik philosophiere, erreicht mich eine SMS: „Heute Abend Lust auf ’nen Döner“, lese ich auf meinem Taschentelefon. „Schon vergessen. . .“, tippe ich deprimiert zurück, „. . . ich mache doch diesen Selbstversuch.“ Dieses Gemisch aus Soja-, Hafermehl mit Proteinen, Maltodextrin, Leinsamen und Fruchtpulver macht definitiv einsam. Ich sage ab. Abends bin ich dann einfach nur froh, meinen letzten Shake zu trinken, um dann wieder richtig reinhauen zu können. 

 

Essen hat sich bei mir einfach so stark eingeschliffen, dass ich es schlichtweg nicht ersetzen kann. Die verschiedenen Geschmacksrichtungen, die unterschiedliche Konsistenz. Alles Sachen, die ein echtes Essen ausmachen, die mit einem Shake aber verloren gehen und auch nicht wirklich zu ersetzen sind. Ich esse gerne und viel. Etwas, was Joylent nicht kompensieren kann.

Vorstellen kann ich mir höchstens einen Mix aus normalem Essen und Pulverergänzung. Das Fünf-Uhr-Frühstück vor der Frühschicht, als Ersatz für Flugzeug- oder Kantinenessen auf Messen. Ungeliebte Mahlzeiten eben, von denen von vornherein nicht wirklich etwas zu erwarten ist. Ansonsten: Forza Rindersteaks, Currypfanne und Co.

Beitragsbild und Video: Kai Steinecke

3 Comments

  • Jonas sagt:

    Jonas,

    P.S. Manchmal muss ich aber auch zwischendurch ein Stück Wurst essen. Nur ein kleines als Geschmackskontrast! 🙂

  • Jonas sagt:

    Hi Kai,

    spannender Bericht, aber irgendwie tut das dem ganzen auch total Unrecht. Kein Mensch fordert, dass man sich ausschließlich davon ernähren soll. Nichtmal der Soylent-Gründer sagt das, sondern der sagt auch ausdrücklich, dass man auch „Social Meals“ zu sich nehmen soll und auch andere Nahrung, wenn man Appetit darauf hat. Insofern tut das dem ganzen ein bisschen Unrecht. Zumal man sich eigentlich nach – und nach daran gewöhnen soll.

    Ich ersetzte damit vor allem mieses Runterschling-Essen auf der Arbeit, außerdem nehme ich mir das manchmal mit, wenn ich einen Termin habe und danach lange Auto fahren muss, weil ich dann entweder für viel Geld bei McDonalds oder so war oder im Auto lauter Unsinn gegessen habe.

    Außerdem wechsle ich immer wieder das Produkt. Manchmal Joylent (vor allem Bananae und Erdbeere), manchmal Ambronite, weil es Bio ist (www.ambronite.com) und ganz anders schmeckt als Joylent. Und manchmal Trinkkost (www.trinkkost.de), was ebenfalls ein Bio-Produkt ist und nochmal ganz anders schmeckt. Die haben das vor allem schon in so handliche kleine Portionsflaschen abgefüllt, das finden wir im Büro alle geil. Ich kipp mir das immer zum Frühstück rein und bin danach echt sehr fit. Am besten wäre es, wenn da direkt Koffein drin wäre.

    Wenn man das dann abwechselt, dann ist das vor allem in Verbindung mit normalem Essen echt sehr praktisch. Ich will ja keine Werbung machen, aber sollte man sich auch mal angucken! Wenn es so was schon im Studium gegeben hätte, das wäre echt prima gewesen – da haben ich ja nur Unsinn gefuttert…

  • Tim sagt:

    Hey Kai,

    schöne Artikelserie – hab mich gerade durch deine 5 Beiträge durchgeklickt. Vielen Dank für den Erfahrungsbericht und fürs Versuchskanninchen sein! 🙂

    Mit diesem Pulverkram ist es immer schwierig. Ich persönlich halte da auch nicht viel von. Als Ergänzung finde ich es okay, aber niemals als vollwetigen Ersatz.

    Schöne Grüße
    Tim

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