Dora Bakoyannis alias Athene: Griechische Politikerin fährt Promotour in Dortmund

Klientelpolitik, Populismus, Korruption. Diese Begriffe assoziieren wir Deutschen seit einigen Monaten ganz selbstverständlich mit Griechenland. Die ehemalige griechische Außenministerin Dora Bakoyannis zeichnete bei ihrem Besuch am 15. Juni in Dortmund ein ganz anderes Griechenland-Bild: Äußerlich angeschlagen, aber trotzdem tatkräftig und optimistisch – wie die Politikerin selbst.

Von Katrin Herms

Dora Bakoyannis und Diskussionsleiter Klaus Wegener, der Präsident der Auslandsgesellschaft. Foto: Katrin Herms

Dora Bakoyannis und Diskussionsleiter Klaus Wegener, der Präsident der Auslandsgesellschaft. Foto: Katrin Herms

Dora Bakoyannis macht sich stark für ein zukunftsfähiges Griechenland. Der Schutzgöttin Athene gleich begleitet sie ihr Land durch die Schuldenschlacht und nimmt dabei persönliche Rückschläge in Kauf. Sie verkörpert das Potential des griechischen Kampfgeistes, während es vielen Menschen auf dem südlichsten Zipfel Europas an Selbstvertrauen fehlt.

Als Dora Bakoyannis wegen einer Fußverletzung mit dem Rollstuhl zum Rednerpult fährt, ist der Saal schon voll und alle, darunter viele Griechen, recken die Köpfe nach vorn. So krank und erschöpft wie Dora Bakoyannis auf den ersten Blick wirkt, erscheint auch das griechische Parteiensystem. Die starke Polarisierung motiviert ausländische Investoren nicht gerade, dem Euro wieder mehr Glauben zu schenken und Staatsanleihen für Griechenland aufzunehmen. (die pflichtlektüre berichtete im Mai). Umso neugieriger sind die exklusiven Gäste der Konrad Adenauer Stiftung und der Auslandsgesellschaft. Dortmunds Bürgermeister Ullrich Sierau, Vertreter der Stiftung und der Präsident der Auslandsgesellschaft Klaus Wegener in der Moderation: Alle sind da, um von Dora Bakoyannis  zu hören, wie man denn nun genau „die Krise als Chance“ verstehen soll. So titelte die Einladung zum Themenabend.

Hinter der angeschlagenen Fassade einer verstoßenen Politikerin, die einst Oberbürgermeisterin Athens war und bis zu den Neuwahlen 2009 Griechenland als Außenministerin vertrat, steckt optimistischer Kampfgeist. „Diese Krise ist ein Alptraum. Aber: Die Starken haben Willen und die Schwachen Hoffnung“, verkündet sie im großen Saal der Dortmunder Musikschule. Der Spruch klingt, als hätte die ehemalige Außenministerin ihn aus der Bibel abgeschrieben. Tatsächlich will uns die Griechin Mut machen, nicht den Glauben in ihr Land zu verlieren.

Es ist gar keine politische Floskel, sondern Ausdruck ihres eigenen Schicksals: Im griechischen Parlament stimmte Dora Bakoyannis am 6. Mai von der Oppositionsbank aus für den EU-Rettungsschirm. Das Voting wurde als Outing der konservativen Politikerin zugunsten der sozialdemokratischen Regierungspartei PASOK verstanden. Seinerseits war die Zustimmung des griechischen Parlaments Voraussetzung, damit das europäische Rettungspaket geschnürt werden konnte. Ein Kredit, 110 Milliarden Euro schwer, soll das Land nun vor der großen Pleite retten. Schließlich wollen wir auch weiterhin griechischen Wein schlürfen und im Urlaub ans Mittelmeer fahren. Das Geld stammt zum einen von Mitgliedsstaaten der EU, zum anderen vom internationalen Währungsfonds (IWF). Bakoyannis‘ Partei „Nea Dimokratia“ lehnt das milliardenschwere EU-Rettungspaket ab. Für das entschlossene „Ja“ zur internationalen Hilfe bekam die Politikerin deshalb ein harsches „Nein“ aus den Rängen ihrer konservativen Fraktion. Die schloss Dora Bakoyannis nach ihrem Voting prompt aus.

Angeknackstes Ego nach dem Parteiausschluss? Im Gegenteil!

Dora Bakoyannis zu Besuch in Dortmund: Sie stellte sich auch den Fragen des Publikums. Foto: Katrin Herms

Im Anschluss gab es Gelegenheit für Fragen aus dem Publikum. Foto: Katrin Herms

Auf der Podiumsdiskussion unterhält Dora Bakoyannis ihr Publikum in perfektem Deutsch: „Wir brauchen jetzt mehr Europa, nicht weniger. Das ist die Antwort auf die Krise.“ Schon einen Tag zuvor hatte die Ex-Außenministerin bei der gleichen Veranstaltung in Berlin für mehr Solidarität geworben. Dortmund war dann die zweite Station der Promo-Tour einer Frau, die jetzt herzgeleitet als parteilose Einzelkämpferin Europas Vertrauen zurückgewinnen will. Ganz offen bittet die Politikerin um internationale Hilfe für ein „Entwicklungsprogramm“, dessen Inhalte sie aber noch nicht konkret benennen kann. Bakoyannis‘ Reformansätze sehen pragmatisch, aber noch schwammig aus: Öffentliche Ausgaben sollen verringert werden, die Landwirtschaft soll produktiver und die kommunale Verwaltung geschmälert werden. Das Problem zwischen Importüberschuss im Norden und dem stark verschuldeten Süden des Landes benennt sie auch als solches. Außerdem ist von „Wiederbelebung“ die Rede. Dafür ruft die Griechin vor allem uns Deutsche in die Verantwortung: Zu lange habe Deutschland  träge zugeschaut, wie Griechenland sich immer weiter verschuldete. Und das, obwohl wir viertgrößter Exportkunde sind. Tatsächlich beteiligt sich Deutschland mit etwa 22,4 Milliarden Euro am Hilfspaket. So viel gibt sonst kein Land.

„Fortschritt haben wir den Optimisten zu verdanken“, zitiert sie keinen griechischen, sondern den österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper und schreibt sich damit „Aufklärung“ auf die Fahne. Ganz klar und resolut erklärt Frau Bakoyannis, dass sie den Parteiausschluss zugunsten ihres Landes hinnehmen musste: „Ich musste wählen: Für die Partei oder für Griechenland. Jetzt bin ich noch freier.“ Das sind ehrliche Worte. Sie machen die starke Frau sympathisch, die genug Mumm hat, sich ohne Partei für Griechenland einzusetzen. Die jahrelange Erfahrung als Oberbürgermeisterin Athens und Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten Konstantinos Mitsotakis hat sie wohl für Situationen wie diese abgebrüht. Als Politprofi ist sie schlagfertig genug, um auf die kritischen Fragen in der anschließenden Diskussion immer eine Antwort, ein Lächeln und manchmal sogar einen Witz parat zu haben: „Wie es so weit kommen konnte? Nun ja, wir kannten es einfach nicht, im Supermarkt nach der Quittung zu fragen.“

Eines soll klar werden an diesem Abend: Griechenland gibt nicht auf, trotz Schuldenberg und dem immer schneller schrumpfenden Vertrauen von Anlegern in den Euro. Innerhalb Europas soll ein Gefühl für geteilte Verantwortlichkeit entstehen. Sie hat es zwar nicht selbst so formuliert, aber eigentlich ist der Appell an den starken Willen auch ein Wink auf Dora Bakoyannis selbst. Sie ist das Vorbild, das Griechenland braucht: ehrlich, ausdauernd und nicht korrumpierbar.

Text und Fotos: Katrin Herms

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