Jung, Studentin,
psychisch krank

Amelie

Immer mehr Studierende beschreiben ihr Studium als belastend. Nach einem Bericht des Deutschen Studentenwerks klagt mehr als jeder vierte Studierende über depressive Verstimmungen. Eine von ihnen ist die Studentin Amelie*, die seit Jahren an Depressionen, Essstörungen und Selbstverletzendem Verhalten leidet.
Hinweis: Die folgenden Inhalte können Betroffene triggern.

Wer der 22-jährigen Amelie heute auf dem Dortmunder Campus begegnet, der sieht eine scheinbar ganz normale Studentin. Sie ist jung, gut gelaunt und lächelt viel. Die Geschichte hinter ihren Augen sieht jedoch niemand, der sie nicht kennt. So unbeschwert, wie sie nach außen wirkt, ist sie nicht. Ihre Krankheit hat sie schon lange fest im Griff.

13549150_10208097267682636_1520536030_oStill, leise und unbemerkt hat sie angefangen. Niemand hätte damit gerechnet. Wie ein Virus hat sie sich im Körper festgesetzt. Langsam, aber stetig. Wie eine Schlinge legte sie sich um die Seele und hält sie bis heute gefangen. Amelie wollte sich wehren – vergebens. Die Dunkelheit nahm immer mehr Platz in ihr ein. Wie ein ein Geschwür, das von ihrer Verzweiflung genährt wird. Der Anfang einer langen Reise auf der Suche zu sich selbst. 

Amelies Kindheit verlief scheinbar wie im Bilderbuch. Erfolgreiche Eltern, die ihr jeden Wunsch von den Lippen abgelesen haben. Sie musste sich um nichts Gedanken machen und konnte einfach nur Kind sein. So sehen es zumindest die meisten Menschen aus ihrem Umfeld. Sie selber kann da heute nur noch drüber lächeln: „Ich habe es gehasst, immer die perfekte Tochter vorzuspielen. Die war ich nie und werde ich nie sein.” Das war immer wichtig in ihrer Familie. Den Schein nach außen wahren und bloß keine Schwäche zeigen. Dass dieser Perfektionsanspruch Amelie eines Tages in ein so tiefes Loch stürzen würde, konnte niemand ahnen. Doch mit den Folgen muss sie bis heute leben.

Von den Depressionen zum Selbstverletzenden Verhalten

Als sie 17 Jahre alt war, merkte Amelie, dass sie anders ist als andere Menschen in ihrem Alter. Dass etwas nicht stimmt mit ihr. „Ich war immer so niedergeschlagen. Nicht mal wirklich traurig. Ich habe einfach gar nichts mehr gefühlt. Keine Freude, aber auch keine Trauer. Da war absolut nichts. Und ich wusste nicht, was mit mir los war.” Als wäre ihr Körper nur noch eine Hülle gewesen. Kurze Zeit später wurde sie schlechter in der Schule und wendete sich von ihren Freunden ab. Die Kälte beschäftigte die 17-Jährige Tag und Nacht. Sie wollte wieder etwas spüren. Sich lebendig fühlen. Sie holte sich ein Küchenmesser. Amelie wusste, dass das Ritzen falsch ist, aber sie konnte nicht anders: 

Als der erste Tropfen Blut kam, war ich kurz geschockt. Und dann kam die Euphorie.

Amelie fotografiert ihren Arm (Achtung Triggergefahr)

Damit ist Amelie kein Einzelfall. Zwischen 600.000 und 1.200.000 Menschen sind davon betroffen. Männer und Frauen stehen hier im Verhältnis von 1:5. Auch hier ist die Dunkelziffer aber wohl deutlich höher.

Amelie erzählt von Menschen, die sie in der Klinik getroffen hat. Diese schlucken sogar Rasierklingen. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie können sich selbst nicht akzeptieren. 

Häufig bleiben die psychischen Probleme von Kindern und Jugendlichen lange unentdeckt. Julia Mantell ist Psychologin und erklärt, dass es anfangs schwierig sei, psychische Erkrankungen zu erkennen, da es kaum offensichtliche Anzeichen gebe. Wenn sich jemand einen Fuß bricht, bekommt er einen Gips. Ganz so einfach sei das in der Psychologie leider nicht. Es gebe aber dennoch Anzeichen, die das Umfeld bemerken könne. 

Bei Depressionen ziehen sich Betroffene häufig zurück und isolieren sich. Dazu kommen Schlafstörungen, die man an einem abgekämpften Erscheinungsbild erkennen kann. 

Amelies Eltern ahnten lange nichts. Und so konnte die Schülerin weiter machen. Je mehr sie sich schnitt, desto schlimmer wurden die Depressionen. Es war ein Teufelskreis. Sie schrieb Tagebuch zu der Zeit und an einem Tag vergaß sie es im Badezimmer, sodass ihre Mutter es lesen konnte. Amelies Mutter hatte schon lange Verdacht geschöpft und nun endlich einen Beweis. Mit der Reaktion hätte die damals 18-Jährige aber nicht gerechnet. Den Brief, den sie von ihren Eltern daraufhin bekommen hat, trägt sie bis heute immer bei sich.

Der Brief

Ein Schritt vor – zwei zurück

Mit der Unterstützung ihrer Familie suchte sich Amelie dann eine Klinik und wurde stationär aufgenommen, nachdem sie ihr Abitur bestanden hatte. Drei Monate dauerte der Aufenthalt und anschließend machte sie eine ambulante Therapie. Danach stand Amelie vor dem Nichts: Die Schule hatte sie beendet, die Bewerbungsfristen für die Unis waren abgelaufen. Sie hatte keine Aufgabe zu erfüllen und so wurde sie stark rückfällig. Anfangs zog sie sich immer mehr zurück, dann fing sie wieder an sich zu ritzen. „Die Gedanken kreisten in meinem Kopf. Alles schien so aussichtslos. Mein Leben hatte gar keinen Sinn mehr.”

Einen neuen Sinn fand sie dann in der Pro-Ana-Szene. Pro Ana – das bedeutet pro Anorexie. Also für die Magersucht. Vorrangig sind junge Mädchen in solchen Foren unterwegs. Julia Mantell sieht in Pro Ana auch große potenzielle Gefahren: „Zunächst war die Idee, eine Art Selbsthilfeforum zu gründen, welches aufgrund von Austauschmöglichkeiten eine gute Sache ist. Doch leider wurde es genutzt, sich gegenseitig Tipps zum weiteren Abnehmen zu geben und sich gegenseitig anzustacheln, noch mehr an Gewicht zu verlieren.” Durch „Thinspirations” versuchen sich die User gegenseitig zu motivieren. Das können Sprüche zum Abnehmen, Bilder von ausgemergelten Körpern oder auch „Anas Zehn Gebote” sein. 

Anas Zehn Gebote

Bisher hatte Amelie keine Anzeichen von Essstörungen gezeigt, aber plötzlich drehte sich in ihrem Kopf alles um Essen, Nichtessen und Kalorienzählen. Heute weiß sie aber, dass die Essstörung nur ein weiterer Versuch war, die eigentlichen Probleme zu kompensieren. Sie fühlte sich alleine und überfordert mit dem Leben. Ritzen wollte sie sich nicht mehr, da haben sich ihre Probleme eine neue Ausdrucksform gesucht. Sie wurde Mitglied in einer WhatsApp-Gruppe. „Die anderen Mädchen haben mich verstanden und ich hatte eine neue Aufgabe.” Dass diese Gruppe eine große Gefahr für sie war, merkte Amelie erst nach einigen Monaten. 

Chatverläufe aus der WhatsApp-Gruppe

Der erste Schritt in die richtige Richtung

Amelie schaffte den Absprung aus der Gruppe und wollte sich auf ihr eigenes Leben und aufs Gesundwerden konzentrieren. Sie wollte anfangen zu studieren und einen Neuanfang starten. Ihre Familie und Freunde sahen das anfangs alles sehr kritisch. Niemand traute ihr zu, dass sie ihr Leben eigenständig meistern konnte. Doch die angehende Studentin wollte es allen beweisen. Neue Stadt, neue Menschen, neues Leben. Sie bekam schließlich einen Studienplatz in Dortmund und ehe sie sich versah, stand sie mit gepackten Koffern vor der Haustür ihrer ersten eigenen Wohnung. Ganz so sicher, ob es die richtige Entscheidung war und sie mit allem zurecht kommen würde, war sich Amelie dann aber doch nicht mehr.

Psychologin Julia Mantell kann die Zweifel im Bezug auf das Studium nachvollziehen. „Verbessern kann ein Studium die psychische Erkrankung eher nicht, da die Betroffenen nicht so leistungsfähig wie im gesunden Zustand und auf Dinge wie Konzentration und die Merkfähigkeit eingeschränkt sind. Auf der anderen Seite bietet das Studium eine Struktur im Leben und eine Tagesstruktur, die gerade bei Depressionen helfen, um wieder in den geregelten Alltag zu gelangen. Insgesamt ist aber jede zusätzliche Anstrengung nicht förderlich in der Erkrankung, weshalb die meisten Betroffenen in der akuten Phase der Erkrankung je nach Ausmaß auch krankgeschrieben sind. Nach einer erfolgreichen Behandlung kann ein Studium aber helfen, dem Betroffenen eine Perspektive zu geben. Aber auch dann empfiehlt es sich während des Studiums eine ambulante Nachsorge zu machen.”

Mittlerweile ist Amelie im vierten Semester. Die vergangenen zwei Jahre waren für sie eine Berg- und Talfahrt, aber sie beschreibt sich selber als „relativ stabil”. Häufig fühlte sie sich in der Zeit allein gelassen, weil ihre Freunde in Dortmund nichts von ihrer Vorgeschichte wissen und ihre Freunde aus der Heimat sich scheinbar nicht dafür interessieren. Niemand würde fragen, wie es ihr geht. Und alle würden denken, dass sie geheilt sei. Von sich aus würde sie aber das Gespräch nicht mehr suchen.

Julia Mantell führt das auf verzerrte Kognitionen und  Gedanken zurück. Häufig würde psychisch kranken Menschen erst im Laufe der Therapie bewusst werden, dass sie eine Menge Unterstützung haben. Unverständnis vom Umfeld werde häufig als Desinteresse gedeutet und die erkrankte Person könne nicht verstehen, dass die gesunden Menschen aus dem Umfeld nicht wissen, wie es sich anfühlt, psychisch krank zu sein. 

Durch Kleinigkeiten geht es vorwärts

Eine deutliche Verbesserung ihrer Symptomatik hat Amelie durch ein „Glückstagebuch” erreicht. Ihr Psychotherapeut hat ihr das empflohlen und sie kommt super damit klar. „Ich glaube, so ein Tagebuch zu führen, würde niemandem schaden. Man bekommt einfach wieder mehr Gefühl für die schönen Kleinigkeiten im Alltag. Mir hat das wirklich sehr geholfen”, erzählt Amelie heute.

Beispiele für das Glückstagebuch

Jeden Tag aufzuschreiben, womit man zufrieden war, hilft, positiver zu denken. Andere Wege, Depressionen vorzubeugen oder den Verlauf zu verbessern, ist die Selbstfürsorge. Sich selbst wichtig nehmen. Die Psychologin erklärt: „Man muss lernen, seine Belastungsgrenzen wahrzunehmen und sich im Falle einer Überforderung zu entlasten. Sollte der Stress zum Beispiel im Studium zu groß werden, muss man sich einen Ausgleich schaffen. Ich lasse meine Patienten oft eine ganz eigene Liste mit angenehmen Tätigkeiten erstellen. Sollten sie bemerken, dass die Stimmung wieder absackt, versuchen sie einige Punkte der Liste für sich umzusetzen.”

Auch Amelie hat eine solche Liste. Gerade jetzt in der Klausurenphase merkt sie, dass der Druck, sich zu ritzen, aufzuhören zu essen oder sich einfach zu isolieren, immer größer wird. Für Ausgleich sorgt sie dann vor allem durch Sport, am liebsten geht sie laufen. „Ich lebe schließlich nicht nur für die Uni. Wenn ich viel zu tun habe, muss ich eben auch viel für meinen Ausgleich machen.” 

Jeden Tag drei Sätze. Für Amelie eine große Verbesserung.

Jeden Tag drei Sätze. Für Amelie eine große Verbesserung.

Amelie ist lange nicht geheilt. Sie weiß, dass sie sich auf einem schmalen Grat bewegt. Aber sie fühlt sich nicht mehr ganz so leer wie vor einigen Jahren. Sie ritzt sich kaum noch, die Depressionen dagegen sind eigentlich immer da. Erfolge kann sie vor allem im Studium verbuchen. Viele Kurse hat sie bis heute schon gut bestanden und möchte das auch so weiterführen. Darauf ist sie sehr stolz, denn kaum jemand hat ihr damals zugetraut, dass sie ganz alleine in einer fremden Stadt ihr Leben in den Griff bekommen würde. Sie ist sich bewusst, dass es noch ein langer Weg für sie ist. Aber den möchte sie mit Hilfe von professioneller Unterstützung und viel Eigeninitiative gehen, denn sie hat wieder angefangen zu lernen, wie schön das Leben sein kann. 

Was tun, wenn der Freund/ die Freundin sich verändert?
„Wenn man bei einem seiner Freunde einen Rückzug bzw. eine anhaltend veränderte Stimmung bemerkt, die durch keine äußeren Umstände vollständig erklärbar sind und über einen längeren Zeitraum anhalten, sollte man diesen darauf ansprechen, indem man seine Beobachtungen schildert. Man sollte äußern, dass man in Sorge ist, aber keine Bewertung vornehmen. Ein Rückzugsverhalten kann ein Anzeichen für eine mögliche psychische Erkrankung sein, jedoch ist dies oft für die Betroffenen sehr schamhaft besetzt, weshalb man keinesfalls bewerten oder gut gemeinte Ratschläge abgeben sollte. Besser man äußert seine Beobachtungen wertfrei und fragt, ob man damit richtig liegt.” (Julia Mantell, 28, Psychologin)

Anlaufstellen in Dortmund

1. Psychologischer Dienst der TU Dortmund

2. Studierendenwerk Dortmund 

3. Krisenzentrum Dortmund

*Name von der Redaktion geändert