„Home is where my bag is“ –
ein Leben als digitale Nomadin

Freiheit_Minimalismus_sinnlos

Die ersten Sonnenstrahlen fallen durch das offene Fenster auf Silkes Gesicht. Es ist halb sieben am Morgen. Trotz der verschlafenen Stille um sie herum steht Silke auf. Sie hat Lust, den Morgen mit ein paar Zügen im türkisblauen Meer von Bali zu beginnen. Das kann sie einfach so machen, denn der Strand von Bali ist einer von vielen Orten, den sie ihr zu Hause nennt.

Silke Jankowski ist digitale Nomadin. Wohnen tut sie gemeinsam mit ihrem Freund auf der ganzen Welt. Arbeiten kann sie an ihrem Laptop überall auf der Erde – vorausgesetzt es gibt Internet. In Deutschland sind die beiden nur noch wenige Wochen im Jahr. Gerade ist die 30-Jährige für ein paar Tage in Bochum und besucht einen Freund, bei dem sie in dieser Zeit auch wohnt. Eine eigene Wohnung oder ein Haus hat sie nicht mehr. „Wir haben gesagt wir wollen reisen und da macht es keinen Sinn eine Wohnung zu behalten. Also leben wir im Wohnmobil oder in Apartments.“  Ihr zu Hause ist da, wo sie sich zu Hause fühlt – und das ist eigentlich überall auf der Welt.

Von 120 auf 50 auf 15 Quadratmeter

Das neue zu Hause auf Rädern.

Das neue Zuhause auf Rädern. (Foto: Silke Jankowski, minimalisch.de)

Angefangen hat alles Anfang 2015. Silke kündigt ihren Job bei einer Logistikfirma in Bayern. Im Prinzip reizt es sie schon länger, zu reisen und die Welt zu entdecken. Also macht sie sich selbstständig – als Lektorin und Übersetzerin von E-Books. Schon ein Jahr vorher bei ihrem Umzug in den Süden muss Silke ihr Hab und Gut aus einer 120-Quadratmeter-Wohnung auf 50 Quadratmeter zusammenstauchen. Damals merkt Silke: Sie braucht nicht viel Materielles zum Leben. Viel wichtiger ist es ihr, frei zu sein und das zu tun, was sie wirklich will: die Welt entdecken. Also kündigen Silke und ihr Freund ihre Wohnung und tauschen im Juli 2015 ihren Alltag in Bayern gegen ein Leben on the road.  

Den Sommer verbringen sie in Spanien, den Winter in Asien. Im Februar 2016 geht es nach Indien. Der kleine Ort Varkala erobert Silkes Herz im Sturm. Die Herzlichkeit der Einwohner strahlt sofort ein Gefühl von zu Hause aus. Deshalb hilft sie auch der Besitzerin ihrer Unterkunft, als diese eines Nachts unerwarteten Besuch bekommt. Gegen 1 Uhr morgens wacht Silke auf. Lautes Geschrei tönt durch das ganze Haus. Mittendrin die Stimme ihrer Vermieterin. „I’m bleeding, I’m bleeding“, ruft sie, während sie draußen aufgebracht hin und her läuft. Vom oberen Geschoss hallen Schritte wider. Möbel werden verrückt. „Wir wussten schon, dass es Schwierigkeiten gab, weil sie geholfen hatte, ein paar Männer ins Gefängnis zu bringen. Das fanden ihre Kumpels wohl nicht so lustig“, erklärt Silke die Situation heute.

Gemeinsam mit ihrem Freund versorgt sie am nächsten Tag die Hunde der Besitzerin und kümmert sich um das Gästehaus. Ihre Vermieterin kommt erst spät abends zurück. Passiert ist ihr außer einer leichten Verletzung zum Glück nichts. „Das war echt ein Erlebnis, was rausgestochen ist. Nicht im negativen Sinne, es ist ja nichts passiert. Aber es war eine krasse Erfahrung“. Und sie zeigt: in Silkes Alltag kann es auch mal gefährlich werden.

Ein strukturierter Alltag ist schwierig 

Alltag hat in ihrem Leben allerdings generell eine etwas andere Bedeutung. Silke lebt so, wie es für ihren Körper am besten ist. Dazu gehört auch, dass sie ihren Tag dann beginnt, wenn sie ausgeschlafen hat. Als digitale Nomadin kann sie sich ihre Arbeit so einteilen, wie es ihr am besten passt. Da kann dann schon mal eine Tour mit dem Roller zu den vielen paradiesischen Stränden Balis dazwischenkommen. Grinsend gibt sie zu, dass sie für einen strukturierten Alltag aber sowieso zu chaotisch sei. „Nur wenn ich länger an einem Ort bin, krieg ich es hin, eine Struktur reinzubringen.“ 

Ein unsicheres Leben, bei dem man sich ständig Sorgen ums Geld oder den nächsten Tag machen muss? Das ist es für Silke überhaupt nicht. Für sie ist so ein Leben „back to the roots“ Freiheit pur. Auch wenn sie viel weniger Geld verdient als in ihrem früheren Job: „Ich bin trotzdem freier als jeder, der einen festen Job hat. Alle anderen haben mehr Kohle. Aber haben sie Zeit, sie für vernünftige Dinge auszugeben? Da hab ich lieber weniger Geld und mache das, was mir gut tut“. 

Seit knapp einem Jahr ist Silke nun als digitale Nomadin auf der ganzen Welt zu Hause.

Seit knapp einem Jahr ist Silke nun als digitale Nomadin auf der ganzen Welt zu Hause. (Foto: Hanna Heine)

Ein Jahr, zehn Länder

Durch diese Lebensweise hat Silke sich verändert. Sie achtet jetzt mehr auf sich selber und ihre Umwelt. Ihr ist es nicht mehr so wichtig, was andere Leute von ihr denken. Wie sie das in ihrer bunten indischen Ballonhose in einem kleinen Café in Bochum so erzählt, glaubt man ihr das auch sofort. Allein im vergangen Jahr hat Silke in zehn verschiedenen Ländern gelebt. Das hat sie geprägt. Durch die verschiedenen Erfahrungen ist es ihr wichtiger geworden Dinge zu hinterfragen und nicht alles einfach so hinzunehmen. Damit findet Silke den für sich perfekten Weg im Leben. „Die eigenen Wahrheiten verändern sich mit der Zeit. Ich hätte früher auch nicht gedacht, dass ich mal vegan lebe“, erzählt sie lachend. Und wenn sie Lust auf eine Sahnetorte hätte, würde sie auch eine essen. Gerade diese Einstellung macht Silke so sympathisch und authentisch.

 Auch wenn ihr Leben auf den ersten Blick vielleicht wie ein einziger Urlaub aussieht: Auch Silke muss sich ihre freie Zeit einteilen. Neben ihrem Job als Lektorin schreibt sie noch ein Buch und hat einen Blog, auf dem sie über ihr Leben und ihre Erfahrungen berichtet. „Mir fällt es dann oft schwer zu entscheiden, welches Projekt jetzt Priorität hat. Wenn es um meinen Blog geht, hat ein neuer Artikel Priorität. Wenn es darum geht, dass ich irgendwann mal mehr Geld verdienen möchte, hat das Buch Priorität.“

Silke bei der Arbeit in Thailand

Silke bei der Arbeit in Thailand. (Foto: Silke Jankowski, minimalisch.de)

In einem Blog hält sie ihre Erfahrungen fest

Gerade weil ihr Geld aber nicht besonders wichtig ist, fällt da die Wahl häufig auf ihr Herzensprojekt: den Blog. Dazu kommt, dass die Auftragslage für Lektoren und Lektorinnen oft schwierig sei. Silke und ihr Freund müssen zwar keine Miete zahlen. Aber: Das verdiente Geld reicht noch nicht, um ein komplett unabhängiges Leben auf Reisen zu führen. „Momentan könnten wir zum Beispiel nicht nach Asien fliegen, weil die Flüge zu teuer sind“. Rastlos fühlt Silke sich deshalb aber nicht. „Das hab ich eigentlich nur, wenn ich in Deutschland bin“, gibt sie lachend zu. Das liege aber vor allem an den bürokratischen Dingen, wie zum Beispiel der Steuererklärung für ihr Gewerbe.

Ein festes Zuhause zu haben vermisst sie überhaupt nicht. Im Gegenteil: „Das fühlt sich total geil an“. Und über ihre Wohnung oder ihre Arbeit definiert sie sich sowieso schon lange nicht mehr. „Ich habe gemerkt, dass das alles nicht ich bin. Ich selber bin ich, nichts Anderes“.

Wo oder was ist Heimat?

Wenn jemand sie fragt, wo sie wohnt, müsse sie immer grinsen. „Ich bin da zu Hause, wo ich gerade bin. So nach dem Motto ‚Home is where my bag is’“. Auch wenn sie während des Gesprächs ab und zu von zu Hause spricht und damit ihr Elternhaus in Iserlohn meint. Heimat bleibt eben Heimat, egal ob man in der Welt zu Hause ist, oder an ein und demselben Ort wohnt. 

Im vergangen Jahr war Silke in zehn verschiedenen Ländern in Europa und Asien.

Im vergangen Jahr war Silke in zehn verschiedenen Ländern in Europa und Asien. (Foto: Hanna Heine)

Natürlich gibt es zwischendurch immer mal Momente, in denen Silke Zweifel kommen. Dann würde sie gerne einen „normalen“ Alltag haben, in eine „normale“ Wohnung und ins Büro gehen.  „Das sind so kurze Momente, wo man des Reisens gerade müde ist. Das sind aber echt Luxusprobleme.“Diese Freiheit hat auch ihre Schattenseite: Silkes Lebensstil kann jederzeit scheitern. „Aber es gibt ja immer einen Plan B. Wenn kein Geld mehr reinkommt, versuche ich mir halt einen Job zu suchen.“ An Lebens- und Auslandserfahrung sollte das auf jeden Fall nicht scheitern. „Wir müssten nur einen Monat arbeiten gehen, dann könnten wir davon wahrscheinlich vier Monate leben.“ 

Freiheit auch in der Zukunft

Für ihre Zukunft nimmt Silke sich dieselbe Gelassenheit heraus, mit der sie auch in der Gegenwart lebt. „Wir haben echt nicht so Megapläne. Das ändert sich dann doch immer alles kurzfristig“. Diese Freiheit will sie nicht aufgeben. Einen festen Job zu haben kann sie sich aber  dennoch vorstellen. Zumindest irgendwann einmal.

 

Beitragsbild: Silke Jankowski/minimalisch.de

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