Mit leerem Magen durch den Unitag

Der Ramadan ist vorbei. Für Millionen Muslime war dies ein wichtiger Monat und doch gibt es große Unterschiede, wie sie die Fastenzeit verbringen. Kübra und Hakan gehören derselben Religion an, den Unialltag während der Fastenzeit verbringen sie aber auf unterschiedliche Weise. Ein Glaube, zwei Geschichten.

Kübra vor einer Moschee in Köln.

Ohne Frühstück aus dem Haus, Lernen auf leeren Magen – für die meisten Studenten unvorstellbar. Für Studenten muslimischen Glaubens jedoch ganz normal während der Fastenzeit. Sie sind gewohnt, tagsüber auf Essen und Trinken zu verzichten. Der Ramadan ist schließlich fester Bestandteil ihrer Religion. Und so sieht das auch die 20-jährige Kübra, Studentin der Wirtschaftsmathematik an der TU Dortmund. Aufgewachsen ist sie in einer religiösen Familie in Aachen. In einem Haus direkt neben einer Moschee. Mit den Normen und Wertvorstellungen des Islam ist sie daher von klein auf vertraut. „Mein Glaube spielt eine sehr große Rolle für mich“, erklärt Kübra, „Ich kann mir ein Leben ohne das Beten, das Fasten und die Religion an sich gar nicht vorstellen.“

Auch für Hakan ist ein Leben ohne den Islam nur schlecht denkbar: „Der Islam gibt mir einen roten Faden im Leben, der für Außenstehende nicht immer sichtbar ist, aber für mich auch im Alltag eine besondere Rolle spielt.“ Eins unterscheidet den 21-jährigen Politikstudenten jedoch von Kübra: Er fastet nicht – aus gesundheitlichen Gründen: „Aufgrund der langen Fastendauer und bedingt durch meinen Blutdruck schaffe ich es nicht, den ganzen Tag auf Essen und Trinken zu verzichten.“ Aber das heißt nicht, dass er gar keinen Bezug zum Ramadan hat. Denn im Winter holt Hakan die Zeit nach oder er gibt eine Spende, mit der jemand sich einen Tag ernähren kann, für jeden Tag, den er nicht gefastet hat.

Hungrig im Vorlesungssaal

Das Fasten, welches zusammen mit dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, den Almosen und der Pilgerreise nach Mekka die fünf Säulen des Islams darstellt, gehört fest zum Islam dazu. In diesem Jahr begann der Fastenmonat am Abend des 26. Mai. Seitdem hält sich Kübra daran: Essen und Trinken nur vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang.

Der Morgen der Studentin beginnt meistens um kurz vor vier Uhr. Zu dieser Zeit kann Kübra in Ruhe frühstücken und Kraft für die bevorstehenden Stunden sammeln. Tagsüber wird gefastet. Auch, wenn die hohen Temperaturen dies anfangs etwas erschwert haben. „Am ersten Tag war es in

Hakan beim Essen während des Ramadan. Er möchte unerkannt bleiben.

diesem Jahr extrem heiß und deswegen auch ein bisschen schwierig für meinen Körper, sich sofort an den Verzicht zu gewöhnen“; sagt Kübra. „Eingeschränkt fühle ich mich aber nicht, ganz im Gegenteil: Man gewöhnt sich total schnell daran. Ich mache keine Kaffee- oder Essenspausen und habe dadurch mehr Zeit zum Lernen. Im Grunde beeinflusst der Ramadan mein Studium also nur im positiven Sinne.“ Auch Hakan glaubt, dass es auf jeden Fall möglich ist, das Fasten mit der Uni zu vereinbaren, aber „es erfordert eine besondere Anstrengung und auch gute Vorbereitung beim Essen in der Nacht, um für den Tag gerüstet zu sein.“ Letzten Endes ist er aber der Meinung, dass er sich ohne das Fasten viel besser und konzentrierter seinem Studium widmen kann.

Was die beiden in ihrer Religion verbindet, ist das Gebet. Jedoch in verschiedenen Maßen. Während Kübra fünfmal am Tag betet, geht Hakan wöchentlich zum Freitagsgebet: „Ich versuche die fünf Säulen des Islams nicht in den Hintergrund treten zu lassen, sondern diese im Rahmen meiner Möglichkeiten zu erfüllen.“ Kübra hingegen bemüht sich ihren Unialltag auf das Beten abzustimmen: Das Morgengebet verrichtet sie immer zu Hause. Wenn Uni ansteht, integriert sie die Gebete in ihren Alltag. Früher gab es im Physik-Gebäude einen Raum der Stille, der mit Gebetsteppichen ausgestattet war. Da dieser nicht mehr existiert, geht sie mittlerweile alternativ zum Beten in den Frauenraum im EF50-Gebäude. „Das lässt sich meistens zwischen den Vorlesungen einrichten, da es nicht länger als fünf bis zehn Minuten dauert. Und wenn ich es mal nicht schaffe, hole ich die Gebete zuhause nach.“

Für Kübra ist ihr Handeln vollkommen selbstverständlich. Ein Tag ohne sich an die Vorschriften des Islam zu halten, ist unvorstellbar für sie. Aber die Abwesenheit ihrer Familie macht ihr zu schaffen, wie sie erzählt: „Es ist immer was Besonderes, wenn man sich nach Sonnenuntergang gemeinsam zum Iftar – also dem Fastenbrechen – versammelt. Hier in Dortmund habe ich zwar auch viele muslimische Freunde, sodass man sich gelegentlich zum gemeinsamen Essen verabreden kann, aber die Familie fehlt da schon.“ Hakan freut sich ebenfalls immer auf den Iftar, auch wenn er tagsüber nicht gefastet hat: „Meistens entsteht eine ganz besonders angenehme Stimmung innerhalb der muslimischen Community im Ramadan, da man sich abends zum Fastenbrechen einlädt oder öfter gemeinsam zur Moschee geht. Und ob jemand fastet und in welcher Intensität er den Ramadan mit Leben füllt, muss jeder für sich entscheiden.“ 

Die Blicke der Anderen

Auch wenn die Familie Kübra fehlt, ist sie ansonsten mit ihrer Lebensweise zufrieden. Stolz darauf, dass sie ihre religiösen Pflichten auch an der Uni erfüllen kann. Das Fasten stellt keine Hürde für sie dar, immerhin macht sie das seitdem sie in die Pubertät gekommen ist. „Für mich hat das etwas mit Respekt vor Allah zu tun, wenn man fastet. Wenn man es bewusst nicht tut, sich aber als Person muslimischen Glaubens bezeichnet, dann ist man wie ich finde nicht dankbar. Natürlich muss man nicht fasten, wenn man es aus gesundheitlichen Gründen nicht kann.“ Letzteres trifft beispielsweise auf Hakan zu. Eines ist ihm dabei besonders wichtig: „Zentral ist für mich nicht nur einfach an einen einzigen Gott, die Propheten und den Koran zu glauben, sondern die Werte des Islams im Alltag zu leben, in dem man hilfsbereit, fair und beispielsweise geduldig ist.“

Dass Kübra mit ihrer Religion auf einem deutschen Campus zu einer Minderheit gehört, stört sie nicht. Negative Erfahrungen hat sie damit noch keine gemacht. Das Umfeld steht ihren religiösen Prinzipien offen gegenüber. „Klar kommt es im Ramadan vor, dass meine nicht-muslimischen Kommilitonen manchmal vergessen, dass ich faste und mich fragen, ob ich mit in die Mensa komme“, 

berichtet Kübra. „Aber dann fällt es ihnen meistens schnell wieder ein und sie entschuldigen sich dann ganz oft. Das finde ich voll süß.“ Die meisten Freunde von Hakan hingegen wissen oft gar nichts von seinen religiösen Ansichten: „Für mich ist die Religionsausübung meist privat und daher bekommen es die meisten Freunde im Uni-Alltag gar nicht mit, ob und welcher Religion ich angehöre. Manchmal kommt man aber dennoch in die Situation, erklären zu müssen, weshalb man keinen Alkohol trinkt, sondern lieber die Rolle des Fahrers übernimmt.“

 

Beitragsbild:Puncak Semangat Group bei Flickr, lizensiert  nach Creative Commons 2.0 Generic.

Aufmacherbild: Jocker 74 bei Flickr, lizensiert nach Creative Commons 2.0 Generic.

Fotos: von den Protagonisten zur Verfügung gestellt