„Gedichte sind kein Feind, den man zerlegen muss”

Judith Binias schreibt, seit sie ein kleines Kind ist. Kleine Erzählungen, Theaterstücke – und Gedichte. Im Februar kommt ihr zweiter Gedichtband „Insomnia – Begegnungen unter der nächtlichen Sonne“ heraus. Im pflichtlektüre-Interview erzählt die Kulturwissenschafts-Studentin, was Lyrik für sie so besonders macht.

Judith Binias. Foto: Nils Jacobi

Judith Binias. Foto: Nils Jacobi

Judith, im Februar kommt dein zweiter Gedichtband heraus. Warum schreibst du ausgerechnet Gedichte?
Gedichte bieten die Möglichkeit, etwas kurz im Wesentlichen zu beschreiben. Lyrik ist sehr auf den Kern einer Sache reduziert. Man kann Nebensächlichkeiten Beachtung schenken, also kleine Momente oder Handlungen in den Mittelpunkt stellen, die sonst keiner bemerkt hätte. Und dann betrachtet man sie näher. Das ist so, wie wenn man bei einem Film die Stopptaste drückt und etwas bewegungslos und herangezoomt sieht. Genau das gefällt mir. Es ist meine Form, mich auszudrücken. Andere malen Bilder, formen Skulpturen oder singen Lieder. Ich schreibe einfach gerne, und Gedichte ganz besonders, weil ich es mag, wenn etwas schön klingt.

Worüber schreibst du?
Das ist ganz unterschiedlich. Ich schreibe viel über Momente und Augenblicke. Über winzige Augenblicke zwischen zwei Sekunden, auf die fast keiner achtet. In meinen Gedichten geht es selten um etwas Gegenständliches oder Offensichtliches. Bei Gedichten ist es ja oft so, dass man merkt: Aha, Person A hatte gerade Liebeskummer und will Person B etwas mitteilen. Das ist mir zu einseitig. Ich möchte, dass man sich eindenken kann. Das Gedicht soll von verschiedenen Menschen verschieden gelesen werden können. Deshalb stelle ich sozusagen Themen in den Raum, die zum Nachdenken anregen. Da ist dann bestimmt auch meine Meinung drin, aber um die geht es nicht.

Dir geht es nicht darum, deine eigenen Einstellungen zu vermitteln? Warum nicht?

Das Buchcover von "Insomnia - Begegnungen unter der nächtlichen Sonne". Gestaltung: André Decker

Das Buchcover von "Insomnia - Begegnungen unter der nächtlichen Sonne". Gestaltung: André Decker

Weil es die Freiheit der Leser beschränken würde. Ein Text an sich bietet so viele Möglichkeiten der Interpretation – das möchte ich nicht einschränken. Natürlich ist in meinen Gedichten auch etwas Autobiographisches drin, davon kann sich, glaube ich, kaum Jemand befreien. Deshalb schreibe ich natürlich schon irgendwie aus meiner Perspektive, aber es ist nicht so, dass ich der Welt etwas ach so Wichtiges mitzuteilen hätte. Ich schreibe ja auch eigentlich für mich selbst – mit der Möglichkeit, das hinterher zu veröffentlichen. Und dann können meine Gedichte vielleicht Denkanstöße geben, aber sie sollen kein erhobener Zeigefinger zu bestimmten Themen sein.

Glaubst du, dass Jeder einen Zugang zu deinen Gedichten finden kann?

Nein, das glaube ich nicht. Aber das hat eher etwas mit Lyrik im Allgemeinen zu tun. Das ist nämlich zum einen erstmal Geschmacksache. Nicht jeder kann etwas mit Lyrik anfangen. Das ist so, wie wenn man mich umgekehrt in ein Fußballstadion stellen würde. Dazu habe ich keinen Zugang, weil es meinen Geschmack nicht trifft. Und dann hat es zum anderen sehr viel damit zu tun, wie sehr man sich auf Gedichte einlassen kann und wie sehr man sich mitnehmen lässt. Und das wiederum hat viel damit zu tun, wie man ist und worüber man nachdenkt. Ich glaube, dass der allgemeine Wunsch nach Kommunikation immer mehr zurückgeht und viele Menschen sich nicht mehr bewusst fragen, wie es anderen geht, wie sie handeln und was sie vielleicht aussenden.

Also findest du, dass Gedichte nicht unbedingt das Unterhaltungsmedium der breiten Masse sind. Was glaubst du, woran das liegt?
Wenn man etwas von Lyrik haben will, muss man sich damit auseinander setzen. Gedichte sind meistens sehr kurz und man kann sie in zehn Sekunden durchlesen, aber man muss darüber nachdenken, wenn man etwas davon haben will. Und dafür ist die Welt zu schnell geworden. Früher war Lyrik ja sehr populär, es war die Ausdrucksform schlechthin. Aber da hatten die Menschen auch vom Inneren her mehr Zeit. Jetzt greift man schnell zur Fernbedienung – und dann muss man sich auf gar nichts mehr einlassen.

Im Deutschunterricht in den Schulen werden Gedichte aber doch meistens besprochen. Warum bekommen darüber nicht mehr Jugendliche einen Zugang zu Lyrik?

Judith Binias schreibt über Begegnungen verschiedener Art. Foto: Nils Jacobi

Judith Binias schreibt über Begegnungen verschiedener Art. Foto: Nils Jacobi

Weil man Gedichte in der Schule lesen und stundenlang interpretieren muss – das habe ich auch gehasst. Man hat als Schüler das Gefühl, das Gedicht sei ein Feind, der zerlegt werden muss. Ich glaube, dass die Schule da viel vermiest, wenn zum Beispiel nur alte Gedichte mit ganz viel Sülze in der Feder gelesen werden. Damit kann natürlich kaum Jemand etwas anfangen, das ist ja ganz klar. Und die neueren Gedichte, die gelesen werden, sind teilweise einfach zu extrem und abgefahren, das schreckt dann auch nur ab.

Deine Gedichte sollen sicherlich Niemanden abschrecken. Worum geht es in deinem neuen Gedichtband „Insomnia – Begegnungen unter der nächtlichen Sonne“?

Die Gedichte handeln ganz allgemein von Begegnungen. Manchmal geht es ganz explizit um eine bestimmte Begegnung, manchmal aber auch nur um Begegnungen im Allgemeinen. Das alles betrachte ich aus dem Blickwinkel der Schlaflosigkeit. Insomnia ist der Zustand, wenn der Wachzustand durch extremen Schlafmangel überfordernd ist und man eine gewisse Offenheit für Dinge erreicht, die man sonst nicht hat. Man löst sich sozusagen aus den Fesseln der Realität. Manche Gedichte sind in diesem Zustand entstanden und das Buch insgesamt drückt dieses Insomnia-Gefühl aus.