Tanzlaien lernen von Pina Bausch

Junge Tanzlaien studieren das Stück „Kontakthof“ von Pina Bausch ein – ein Kamerateam dokumentiert die Arbeit. Dabei herausgekommen ist ein wunderbarer Dokumentarfilm über ein besonderes Projekt, die wachsende Reife von Jugendlichen und über eine verstorbene Tanzlegende. Jetzt gibt’s den Film in den Kinos.

Das Filmplakat zu "Tanzträume - Jugendliche tanzen Kontakthof von Pina Bausch". Foto: realfictionfilme

Das Plakat zum Film. Foto: realfictionfilme

„Boa, die Pina ist voll cool ey!“ – Nicht gerade der übliche Kommentar über eine weltberühmte Tänzerin und Choreographin, aber genau so empfindet das ein Schüler aus Wuppertal bei Pina Bausch. Er hat bei einem ihrer letzten Projekte mitgemacht: „Kontakthof mit Teenagern ab 14“. Rund 40 Jugendliche von verschiedenen Wuppertaler Schulen konnten an dem Tanzprojekt teilnehmen: Das hieß für die Jugendlichen jeden Samstag üben, üben, üben. Innerhalb eines Jahres haben sie Pina Bauschs Stück „Kontakthof“ aus dem Jahr 1978 einstudiert. Ein Kamerateam durfte die Proben begleiten. Der Film „Tanzträume – Jugendliche tanzen Kontakthof von Pina Bausch“ zeigt die deutsche Tanzlegende letztmalig vor ihrem Tod. Sie starb im Sommer 2009 unerwartet an Krebs.

Pina Bausch im Porträt

Pina Bausch. Foto: Atsushi Iijima

Pina Bausch. Foto: Atsushi Iijima

Die letzten Aufnahmen der zum Drehzeitpunkt 68-jährigen Choreographin zeichnen ein authentisches Bild der Person Pina Bausch. Der Film porträtiert eine konzentrierte, streng wirkende Frau, die mit regungslosem Gesicht, aber mit vollkommen wachen Augen die Proben beobachtet. Eine Frau, die genau weiß, was sie will und wo es hingehen soll. Umso eindrucksvoller ist es, wenn die Kamera den Hauch eines Lächelns einfängt, das Leuchten in den Augen und den weichen Ausdruck im Gesicht, wenn Pina Bausch sich dezent freut. Anne Linsel und Peter Hoffmann spüren in ihrem Dokumentarfilm der Person Pina Bausch nach und finden eindringliche, fast liebevolle Bilder. Der Film lässt auch Außenstehende erahnen, wie sie war, wie sie gearbeitet hat und was für eine besondere Persönlichkeit diese Frau besaß.

Mittelpunkt der Dokumentation ist aber nicht Pina Bausch. Es sind die Proben zu ihrer Inszenierung „Kontakthof“, auf denen das Hauptaugenmerk des Films liegt. 1978 wurde das Stück vom Tanztheater Wuppertal uraufgeführt, 1999 dann mit Laien neu inszeniert: „Kontakthof mit Damen und Herren ab 65“ wird noch heute mit großem internationalen Erfolg gespielt. Für eine dritte Version mit Jugendlichen zwischen 14 und 18 startete Pina Bausch das Projekt für Wuppertaler Schüler/innen.

Intensive Probenarbeit

Die 40 Teilnehmer/innen haben völlig verschiedene Hintergründe, sind unterschiedlich alt und kennen sich zu Beginn der Probenzeit nicht – sie müssen sich erst zu einer harmonischen Gruppe zusammenfinden. Zu einer Gruppe mit dem gemeinsamen Ziel, das Stück zu erarbeiten und einzustudieren. Angeleitet werden sie dabei von den ehemaligen Bausch-Tänzerinnen Jo Ann Endicott und Bénédicte Billiet und von Pina Bausch selbst, die die Probenarbeit begleitet und regelmäßig vorbeikommt. Die Probenleiterinnen lernen die Jugendlichen mit der Zeit sehr gut kennen und können einschätzen, was ihnen zuzutrauen ist und was nicht. Der Film dokumentiert eindrucksvoll, wie sie die Teilnehmer fordern und fördern, wie sie Dinge aus ihnen herauszuholen verstehen, die die Schüler/innen von sich selbst nicht erwartet hätten. Der Zuschauer kann wunderbar die Entwicklungen verfolgen, die die Jugendlichen durchlaufen, er kann sehen, wie viel selbstsicherer sie werden, wie sie an ihren Aufgaben wachsen und wie sich das Stück Probe für Probe weiterentwickelt.

Die Jugendlichen auf der Bühne. Foto: Ursula Kaufmann

Die Jugendlichen bei der Premiere. Foto: Ursula Kaufmann

Ganz nah dran am Geschehen fängt der Film „Tanzträume – Jugendliche tanzen Kontakthof von Pina Bausch“ kleine Gesten und Blicke ein, Sequenzen, die Fortschritte und Lerneffekte dokumentieren. Genauso zeigt der Film Schwierigkeiten bei den Proben und verdeutlicht, was alles hinter solch einem Stück steckt, wie schwierig es zum Beispiel sein kann, sich mit dem Thema der Inszenierung auseinanderzusetzen: Es geht um die Suche nach Liebe und Zärtlichkeit, aber auch um die damit verbundenen Enttäuschungen und Aggressionen. Schwierige Themen für Jugendliche, die damit größtenteils kaum Erfahrung haben. Da gibt es Grenzen und das Gefühl, nicht richtig aus sich herausgehen zu können. Aber das lernen die Teilnehmer – von der Kamera dezent und zurückhaltend dokumentiert.

Der Film ist ein kleines Kunstwerk

Der Dokumentarfilm ist ein rundes Gesamtkunstwerk: Er gibt tiefe Einblicke in persönliche Hintergründe, kommt sehr nah an die Jugendlichen heran. Zwischendurch konzentriert er sich auf einzelne Situationen oder Personen, um dann wieder die Probenarbeit im Ganzen zu betrachten. Der Film ist ein perfektes Wechselspiel aus Nähe und Ferne und zeichnet ein eindrucksvolles Bild dieses Projekts, das in jedem Beteiligten etwas bewegt zu haben scheint.

Und genau das wollte Pina Bausch erreichen. Sie wollte die Jugendlichen vor allem ermuntern, sie selbst zu sein. Sie wollte einen Kontakthof, der die Jungen und Mädchen mit ihren Ängsten, Gefühlen, Wünschen und Träumen widerspiegelt. So einen Kontakthof haben die Jugendlichen geschaffen. Unter der Aufsicht und Anleitung einer berühmten Tänzerin und Choreographin. Unter der Aufsicht von Pina Bausch, die nach Ansicht der Schüler/innen „nicht ganz ohne, aber sehr cool“ ist. Auch durch den neuen Film bleibt die „coole“ Pina lebendig.