Filmkritik: „Der Vater meiner Kinder“

Die französische Regisseurin Mia Hansen-LØve greift in ihrem zweiten Langfilm „Der Vater meiner Kinder“ ein schwieriges Thema auf: Wie geht eine Familie damit um, wenn sich der Vater plötzlich und unerwartet umbringt? Der Film gibt einfühlsame Einblicke.

Grégoire im Kreis seiner Familie. Foto: farbfilm verleih

Grégoire im Kreis seiner Familie. Foto: farbfilm verleih

Grégoire Canvel führt ein perfektes Leben: Er ist Filmproduzent aus Leidenschaft, liebt seine aufregenden Filmprojekte und ist genau der Typ für dieses Business – immer das Telefon am Ohr, kaum Zeit zum Luftholen, schwierige Verhandlungen mit Geschäftspartnern führen. Grégoire arbeitet mit viel Hingabe, Engagement und Charisma. Erholung vom erfüllenden, aber anstrengenden Geschäftsalltag findet er im harmonischen Familienleben mit seiner Frau Sylvia und den drei entzückenden Töchtern. Er ist ein begeisterter Vater und erlebt mit seiner Familie viele Glücksmomente.

Doch der Spagat zwischen Familie und Beruf wird immer schwieriger. Denn Grégoire ist zu viele geschäftliche Risiken eingegangen, hat zu viele Produktionen begonnen und zu viele Schulden angehäuft – seiner Produktionsfirma droht der Untergang. Aber das sieht anfangs keiner und so nimmt Grégoire alleine den Kampf gegen den Bankrott auf, strampelt, versucht die Firma zu retten, steckt aber immer weiter (nicht vorhandenes) Geld in laufende Produktionen. Irgendwann ist er gezwungen, sich sein Scheitern einzugestehen. Sein innerer Druck wächst von einer lähmenden Müdigkeit bis hin zu großer Verzweiflung – schließlich jagt er sich eine Kugel in den Kopf. Er hinterlässt seine verwirrte Familie, konfrontiert mit Wut, Trauer und Verzweiflung, und eine marode Produktionsfirma. Grégoires Witwe Sylvia beschließt den Kampf aufzunehmen und die verschuldete Firma zu retten. Und die Töchter müssen lernen, ein Leben ohne Vater zu führen – jede auf ihre Weise.

Einfühlsame Bilder

Grégoire liebt seine Töchter. Foto: farbfilm verleih

Grégoire liebt seine Töchter. Foto: farbfilm verleih

Mia Hansen-LØve gelingt es in diesem Film, die verschiedenen Arten der Trauerbewältigung auf eine sehr einfühlsame und stille Art und Weise einzufangen. In schönen Bildern und Einstellungen hält sie Glücksmomente ebenso wie Augenblicke voller Trauer fest, in denen der Zuschauer den Personen sehr nahe kommen kann. Es sind vor allem kleine Gesten und Mimiken, die die Gefühle der Personen transportieren – nicht alles muss explizit ausgesprochen werden und genau das macht diesen Film so intensiv und besonders.

Speziell ist auch der Aufbau des Dramas. Der Selbstmord bildet weder den Anfang noch steht er als tragischer Höhepunkt am Ende der Erzählung. Er geschieht in der Mitte des Films, ist das Herzstück, um das sich alles aufbaut, der Wendepunkt in der Familiengeschichte. Eine lange Einleitung zeichnet ein deutliches Bild des zerrissenen Grégoires.

Der Film bejaht die Erfüllung, die er durch seine Familie und eigentlich auch durch seine Arbeit erfährt. Nur ganz langsam kommen Gesten des Schwankens und Schwimmens dazu, bis sich die Verzweiflung so sehr gesteigert hat, dass sie im Selbstmord mündet. Danach bekommt der Film eine neue Wende, zeigt Sylvias Kampf um die Firma und den Umgang der Familienmitglieder und Geschäftspartner mit Grégoires Tod. Auch hierfür nimmt sich die Regisseurin viel Zeit und findet einfühlsame, ausdrucksstarke Bilder.

Verdienter Sonderpreis – Trotz vieler Themenbereiche

Das Plakat zum Film. Foto: farbfilm verleih

Das Plakat zum Film. Foto: farbfilm verleih

Einziger Kritikpunkt des sehenswerten Dramas: Nach dem Selbstmord fehlt Grégoire als Person, die alle Handlungsstränge zusammenhält, und die Gesamthandlung tritt etwas in den Hintergrund.

Dafür steigt die Konzentration auf einzelne Personen und Handlungsstränge – die sind zwar alle nachvollziehbar und zueinander passend, aber es bleibt das Gefühl, dass alle Themenbereiche nur ein Stück weit angeschnitten werden. Dadurch wirkt der letzte Teil des Films nicht sehr stringent.

Trotzdem finden sich auch hier wieder schöne Bilder, die viel im Stillen ausdrücken. Ein besonderer Film, der trotz oder gerade wegen der speziellen Machart und den intensiven Bildern zu beeindrucken vermag.

Bei den Filmfestspielen in Cannes bekam dieses gelungene Werk den Spezialpreis „Un certain regard“, der hauptsächlich Erstlingswerke und Nachwuchstalente fördern soll.