Buchkritik: Zwischen Minirock und Moschee

„Für Deutsche bin ich eine Türkin, für Türken eher eine Deutsche. Weder Baum noch Borke. Nichts Richtiges. Ein Zwischending“ –  so beschreibt Melda Abkaş ihr „Dilemma“. Und um das geht es in ihrem ersten Buch „So wie ich will. Mein Leben zwischen Minirock und Moschee“. Auf 237 Seiten erzählt die 18-jährige Autorin aus ihrem Leben, das geprägt ist von täglichen Konflikten zwischen deutschen und türkischen Denkweisen, den unterschiedlichen Mentalitäten und Sitten.

Das Buchcover. Foto: C. Bertelsmann

Das Buchcover. Foto: C. Bertelsmann

Geboren und aufgewachsen in Berlin, lebt Melda ihren Alltag in einer türkischen Familie. Dabei gerät sie immer wieder in Konflikte: Wegen ihres Kleidungsstils, ihrer Lebensweise und vor allem aufgrund ihrer eigenen Vorstellungen, die sie unbeirrt verfolgt und durchsetzt.

Melda hat ihren eigenen Kopf und will sich nicht für eine der beiden Kulturen entscheiden. Sie will ihren eigenen Weg gehen und der hat nun einmal etwas von beiden Seiten. Sie ist geprägt durch ihren türkischen Hintergrund, dadurch, dass sie in einer türkischen Familie aufgewachsen ist und durch die vielen Treffen mit der großen türkischen Sippe, die in Berlin zu ihrem Leben gehört.

Genauso intensiv spürt Melda aber auch eine Verbindung zu Deutschland: Hier spielt sich ihr schulisches Leben ab, hier hat sie Freunde und Bekannte – Umstände, die sie tief mit diesem Land verbinden.

Ob sie sich vorstellen kann, später einmal in der Türkei zu leben? Das ist nur eine von vielen Fragen, die sie sich in ihrem Buch stellt und dem Leser ganz persönlich beantwortet: Sie kann sich ein Leben in der Türkei nicht wirklich vorstellen. Immer wenn sie da ist, fühlt sie sich wie im Urlaub, auch wenn sie die Sprache fließend spricht und dort viele Verwandte hat.

Entscheidungen treffen und vertreten

Schon früh sah sich Melda mit Grundsatzfragen konfrontiert, die sich Menschen ohne Migrationshintergrund niemals stellen brauchen: In welchem Land bin ich zuhause? Welcher Nation gehöre ich an? Welche Lebensweise passt besser zu mir?

Melda musste – wie alle anderen Jugendlichen in ihrer Situation – auf eine ganze Reihe von Fragen Antworten finden. Sie musste darüber nachdenken, wie sie zu bestimmten Fragen steht, musste beispielsweise entscheiden, ob sie jahrelang in die Moschee-Schule gehen will oder nicht und ihren Entschluss dann nach Außen hin vertreten.

Ihr Buch zeigt nicht nur, wie angefüllt ihr jugendliches Leben von solchen Denkprozessen und Entscheidungen ist und was für schwerwiegende innere Konflikte dadurch bei der jungen Autorin entstehen.

Die Autorin Melda Abkas. Foto: Isabelle Graeff

Die Autorin Melda Abkas. Foto: Isabelle Graeff

Das Buch vermittelt auch sehr eindringlich, dass diese Entscheidungen und eigenen Positionierungen immer nur die erste Ebene sind, auf die meistens noch eine zweite folgt: Das Verteidigen der Entscheidung – entweder gegenüber ihrer Familie, also der türkischen Sichtweise, oder gegenüber Deutschen, die Manches einfach anders sehen.

Dabei beschäftigt sich Melda mit der Kopftuchfrage, ob sie Miniröcken tragen und fünf Mal am Tag beten soll, abends nach acht Uhr noch weggehen kann, Jungs treffen oder gar küssen und Alkohol trinken will. Typische Themen, bei denen sie, wie andere Jugendliche mit türkischem Hintergrund in Deutschland, im Spannungsfeld zwischen zwei Kulturen lebt.

Ein vielschichtiges Buch

Melda Abkaş gelingt es auf beeindruckende Art und Weise, dem Leser diese Konfliktbereiche nahezubringen, indem sie ihn an ihrem Leben teilhaben lässt.

Sehr ausführlich beschreibt sie alltägliche Begebenheiten, erzählt von Diskussionen mit ihren strengen Eltern und schildert die besondere Stimmung bei riesigen türkischen Familientreffen.

Daneben beleuchtet sie aber auch die „deutsche Seite“: wie sie mit ihren Freunden umgeht, was sie in und neben der Schule macht und welche teils verletzenden, diskriminierenden Erlebnisse sie mit Deutschen schon hatte.

Neben ihren subjektiven Empfindungen und Sichtweisen liefert Melda dem Leser aber auch immer wieder sachliche Erklärungen zu türkischen Sitten und Denkweisen. So gelingt ihr eine abwechslungsreiche Balance zwischen der wertenden und der erklärenden Erzählebene.

Dadurch ist dieses Buch vieles zugleich: Porträt einer Person mit Migrationshintergrund, Beschreibung eines jugendlichen Lebens, Erklärung von türkischen Lebensweisen, und eindringlicher Gedankenstrom einer besonderen jungen Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt und dadurch ihren Lesern viele Denkanstöße mit auf den Weg gibt.

Die Erzählweise der jungen Autorin ist dabei deshalb so einnehmend, weil sie so sehr darauf bedacht ist, alle Seiten zu erklären, die Dinge in das „richtige“ Licht zu rücken. Dadurch will sie dem Leser verdeutlichen, dass nicht alle Türken oder alle Deutschen über einen Kamm geschoren werden können.

Gerade weil Melda selbst so eine starke, eigenständige Persönlichkeit ist, wirkt ihre kämpferische, jugendliche Art so authentisch und überzeugend. Ein gelungenes Erstlingswerk, das das Thema „Migration“ sehr vielseitig beleuchtet!