Islam an der Uni

Der Islam kommt an die deutschen Hochschulen! Wir stellen euch Nordrhein-Westfalens neuen Islam-Studiengang der Uni-Münster vor und erklären, was sich Politiker, Muslime und Studenten davon versprechen.

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Anstoß zur Einführung eines Islam-Studiengangs war eine Empfehlung des deutschen Wissenschaftsrats im Januar. Das wichtigste Beratungsgremium in Sachen Wissenschaftspolitik war sich sicher: Der Islam gehört an die Uni. Vor etwa einem Monat dann die bahnbrechende Meldung von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU). In Osnabrück, Tübingen und Münster sollen die ersten Studiengänge für islamische Theologie eingerichtet und mit jeweils 5 Millionen Euro vom Staat gefördert werden. Das Besondere daran: Muslimische Geistliche, so genannte Imame, können nun erstmals komplett in Deutschland ausgebildet werden.

Für NRW mit dabei: die Universität Münster. Hier können sich Studenten bereits seit 2004 zum islamischen Religionslehrer ausbilden lassen. Die Ausbildung zum Imam ist dagegen eine Neuheit. Momentan wird fleißig geplant. Das Wichtigste zum neuen Studiengang „islamische Theologie“  und wie dieser an der Uni Münster aussehen wird, hier kurz zusammengefasst:

Der Islam ist mehr als „Integration, Moschee und Kopftuch“

Ziel sei es dabei, so der in Münster zuständige Professor für islamische Religionspädagogik Mouhanad Khorchide, Menschen aufzuklären und eine objektive beziehungsweise sachliche Auseinandersetzung mit religiösen Themen zu ermöglichen. Tatsächlich beschäftigen sich laut Zahlen des Wissenschaftsrats bislang nur 20 Prozent der Lehrinhalte islamwissenschaftlicher Studienfächer mit dem Islam als Religion.  „Der allgemeine Diskurs rund um den Islam ist bislang leider sehr plakativ“, sagt Khorchide. „Alles, was den Leuten zum Islam einfällt, hat mit Integration, Moschee oder Kopftuch zu tun. Das war’s. Und das soll sich durch unseren Studiengang ändern.“

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Das Hinterhof-Image der Moscheen soll schon bald der Vergangenheit angehören. Foto: lamio/fotolia.com

Muslime haben anscheinend nach wie vor mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Auf unsere Nachfrage, warum es so wichtig sei, den Islam an die Hochschulen zu bringen, lautete das Statement der Pressesprecherin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung: „Es ist ja allgemein bekannt, dass Imame ihre Predigten in Moscheen oft in anderen Sprachen halten. Dort werden dann mitunter Dinge gesagt, die nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar sind.“

Wir fragen daher Talha Kali von der Islamischen Gemeinde Bochum, ob er den neuen Islam-Studiengang für nötig hält. Den Studiengang, so der 29-Jährige, begrüße man in Bochum sehr. Denn derartige Vorurteile seien auch direkt vor Ort zu spüren. „Wir haben selbst so eine typische Hinterhof-Moschee und hören immer wieder, wie gefährlich das von Außen aussieht. Wenn die Leute wüssten, dass unsere Geistlichen an deutschen Hochschulen ausgebildet werden und deutsch sprechen, hätten die Leute vielleicht mehr Vertrauen. Das würde alles viel transparenter machen und die Gemeinden öffnen.“

Playstation und Widerworte: Auf der Suche nach einem europäischen Islam

Dabei gehört die Moschee seiner Gemeinde schon zu einer der fortschrittlichsten. Schwarzes Brett, Predigten, Internetauftritt: alles auf deutsch. Und mehr noch. Als unabhängige Einrichtung ist sie keinem Verband angeschlossen und sucht sich ihre Imame selbst aus. Normalerweise kommen diese ausschließlich aus dem Ausland und bleiben dann für zwei bis vier Jahre in einer deutschen Moschee. In einem nichtmuslimischen Umfeld bekommen sie dann häufig Probleme. „Solche Leute verstehen nicht, dass man hier anders lebt. Warum man Widerworte gibt oder warum man Playstation spielt. Wir haben hier viele junge Muslime und die werden einfach nicht verstanden“, erklärt Kali. „Deswegen brauchen wir Imame, die sich mit der europäischen Kultur und Deutschland auskennen.“ Dass sie deutsch sprechen, sei dabei besonders wichtig: Das sporne vor allem ältere Leute an, deutsch zu lernen.

Der Bedarf an Imamen ist groß: Vor allem deutsch sprachige Geistliche sind schwer zu finden. Foto: ozmurdonaz/istockphoto

Die islamische Gemeinde Bochum hat ihren Wunschkandidaten letzten Endes gefunden, doch die Suche war alles andere als leicht. Dass Muslime sich jetzt direkt vor Ort ausbilden lassen, könnte demnach eine große Hilfe sein. „Wer weiß, vielleicht werden wir in Zukunft ja schon hier in Nordrhein-Westfalen fündig und müssen nicht die ganze Welt absuchen“, sagt Kali mit einem Augenzwinkern.

Aber auch die offiziellen Zahlen sprechen für sich: Auf vier Millionen Muslime in Deutschland kommen etwa 1.500 hauptamtliche Imame (Zahlen: Islamarchiv Soest). Umgerechnet wären das circa 2.700 Muslime pro Imam. Zum Vergleich: Im Christentum sind es nur ungefähr 1.350, also halb so viele, Gläubige pro Pfarrer beziehungsweise Priester. Und dort spricht man von einem „Priestermangel“. Kurz: Der Bedarf ist groß.

Münster bleibt zunächst Einzelfall in NRW

Und dennoch: Nicht jeder ist von dem neuen Konzept derartig begeistert. So kommt beispielsweise von Seiten der Ruhr-Uni Bochum Widerstand. Hier gibt es im Rahmen der Religionswissenschaften einen Lehrstuhl für Islamwissenschaften. Einen Studiengang wie in Münster wird es aber definitiv nicht geben. Der Grund: Man will sich auf die Forschung und Lehre konzentrieren. Die praktische Ausbildung im religiösen Bereich wird nicht unterstützt.

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Islamische Theologie an der Hochschule: Experten glauben, das Konzept setzt sich durch. Foto: Jasmin Merdan/fotolia.com

Bereits jahrzehntelang wütet die Diskussion, ob die religiöse Ausbildung an die Uni gehört oder nicht. Auf der einen Seite gibt es den Staatskirchenvertrag, der den Religionen einen Platz an der Hochschule sichert. Auf der anderen Seite bemängeln Kritiker, dass es eine Wissenschaft, bei der das Ergebnis schon von Anfang an feststeht, an der Uni nichts zu suchen habe.

Aus diesem Grund hält auch Sven Bretfeld vom Institut für Religionswissenschaften (RUB) nichts von dem neuen Studiengang in Münster. „Statt erstmal das generelle Problem der fraglichen Theologiestudiengänge zu lösen, verdoppelt man es, wenn jetzt für die nächste Theologie schon wieder ein Studiengang aufgemacht wird“, sagt der Professor. Allerdings muss er einräumen: „Wenn Katholiken und Protestanten Theologie studieren dürfen, warum sollten Muslime das nicht dürfen?“

Irgendwann wird sich die Ausbildung in allen Religionen durchsetzen, da sind sich die Politik- und Hochschulexperten sicher. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg und zumindest in Bochum noch nicht mehr als ein Hirngespenst. Man will erst einmal schauen, wie sich das Ganze entwickelt. „Es nützt ja nichts, wenn alles im großen Stil aufgebaut wird und man dann mit drei Leuten da sitzt. Das ist ja auch alles eine Frage des Geldes“, so das Fazit des Professors.

Und was meinen die Studenten?

Die Studenten sind sich hingegen relativ einig: Sie befürworten den neuen Islamstudiengang.

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Seht ihr das genauso? Seid ihr anderer Meinung? Wir wollen es wissen!