Sechs Wochen in Moskau

Janina vor der Basilius-Kathedrale in Moskau.

Vor der Basilius-Kathedrale in Moskau.

Olympia oder die Krim-Krise – das waren Themen, mit denen Russland in der letzten Zeit in den Medien auftauchte. Mich zog es als Tochter eines Russen aber noch aus anderen Gründen in das größte Land der Welt: Ich wollte die Kultur kennen lernen. Denn irgendwie hatte ich das Russische ja schließlich in meinem Blut.

„Was willst du denn in Russland“ oder „Viel Spaß mit Putin“ – all das waren Sätze die ich vor meiner Abreise nach Moskau hörte. Es gab doch ungewöhnlich viele Leute, die meine Entscheidung nicht wirklich nachvollziehen konnten. Aber für mich war es auch ein Teil meiner Wurzeln, den in ich in diesem östlichen Land erkunden wollte, irgendetwas zog mich innerlich einfach dorthin. Für mich war die russische Sprache und die Kultur der Hauptgrund für meinen sechswöchigen Aufenthalt in Moskau während der Semesterferien. Aber gerade politisch hatte ich mir natürlich auch eine sehr spannende Zeit ausgesucht: mit den Diskussionen über die Olympischen Spiele, der Revolution auf dem Maidan und schließlich natürlich der Krim-Krise, die auch zu einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland führte. So war es also auch ein Urlaub in Zeiten der Anspannung zwischen den Nato-Staaten und Russland. Ich konnte also auch den Konflikt um die Ukraine bzw. der Krim, der die Welt bis heute in Aufruhr versetzt, aus russischer Sicht verfolgen.

Patriotismus: „Unser“ Russland

Doch von Politik war, als ich ankam, erst einmal keine Rede, denn in meiner russischen Gastfamilie ging es zunächst nur um eines: den sportlichen Patriotismus der Olympischen Spiele in Sotschi. Eislaufen, Curling und Bobfahren lief bei uns im Fernsehen rauf und runter, egal ob zum Frühstück mit russischer Kascha (Haferbrei) oder einfach nur zum schwarzen Tee, den wir mehrmals am Tag tranken – häufig gesüßt mit selbstgemachtem sibirischen Honig von der Verwandtschaft. Umso besser, dass Russland in Sotschi triumphierte, denn so war die Stimmung immer besonders gut. All die Diskussionen über die teuersten olympischen Spiele aller Zeiten, die in Deutschland die Sotschi-Berichterstattung überwogen, waren in Moskau kaum der Rede wert. Man verstehe es zwar nicht ganz, warum ausgerechnet im Süden die Olympischen Winterspiele veranstaltet werden, hieß es, aber es sei doch toll zu sehen, was dort alles auf die Beine gestellt wurde. Nämlich von den Russen. Da haben wir ihn wieder, den Patriotismus. Denn in meiner Zeit begegneten mir immer – oppositionelle oder eher regierungstreuere – Russen, die allesamt sehr stolz auf „ihr“ Land waren.

Putin als Dauerstar in den Medien

Damit hätte ich schon einmal einen Aspekt der Politik verstanden, denn ich glaube genau darauf zielt Putin in seinen wöchentlich gefühlten 100 Pressekonferenzen ab, die im russischen Fernsehen oft in voller Länge übertragen werden. Dort gab fast nur Putin neben der russischen Flagge zu sehen, wenn nicht gerade die vielen Duma-Mitglieder im prunkvollen Saal des Kremls gezeigt wurden, die mit Spannung den Worten des Präsidenten lauschten. Bei seinem „Einmarsch“ standen alle auf, sein Eintreten durch die goldenen Türen gleicht dem eines allmächtigen Königs. Die russischen Nachrichten waren deshalb für mich als Deutsche bei all der staatlichen Propaganda insgesamt nur schwer zu ertragen.

Hier die Pressekonferenz Putins zum Anschluss der Krim gezeigt vom russischen Auslandssender „Russia Today“.

Gerade in meiner Zeit in Moskau gab es bezüglich der Medien wieder Vorkommnisse, die eine Meinungsbeschränkung herbeiführten. So wurde zum Beispiel der regierungskritische Sender „Doschd“ (auf Dt. Regen) von den meisten Kabelunternehmen aus dem Programm genommen und konnte nur noch online empfangen werden. Mittlerweile hat der Sender einen Onlineaufruf gestartet, um für finanzielle Unterstützung zu werben.

Die Ukraine-Berichterstattung war für mich schon vor Beginn der Krim-Krise sehr interessant zu beobachten. Denn im russischen Fernsehen war immer nur von Faschisten auf dem Maidan zu hören, während Medien in Deutschland immer vom „Euro-Maidan“ sprachen. Das russische Fernsehen zeigte die Revolution auf dem Maidan immer nur von einer Seite: hinter den damals noch Janukowitsch-nahen Polizisten stehend. Aber ehrlich gesagt standen die Deutschen dafür immer nur auf der Seite der europanahen Demonstranten. Ich persönlich hätte auch aus unseren Medien lieber mehr über die „Faschisten“ vor Ort erfahren und was dort in dieser Hinsicht wirklich vor sich ging. Die Krim-Krise in Russland zu erleben war eine irgendwie traurige, aber auch spannende Erfahrung. Ich hatte wirklich das Gefühl, vor Ort die Russen besser zu verstehen – auch wenn das Putins Vorgehensweise natürlich nicht rechtfertigt.

Feuerwerk in Moskau: Russland feiert den Anschluss der Krim. Foto: Janina Semenova

Feuerwerk in Moskau: Russland feiert den Anschluss der Krim. Foto: Janina Semenova

Anschluss der Krim = Deutsche Wiedervereinigung?

Bei einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Instituts in Moskau waren 79 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Krim nach dem Referendum in die russische Föderation aufgenommen werden soll. Eine generelle Zustimmung zum Anschluss der Krim habe ich in Russland genau so erlebt, wie es diese Zahlen vermitteln. „Die Krim war immer unsere“, sagten viele Russen mit Ernsthaftigkeit zu mir, besonders die Älteren, die die Sowjetunion noch miterlebt hatten. Für sie bedeutete der Anschluss der Krim keine Boshaftigkeit des Kremls, sondern einen Anschluss zu der großen russischen Familie. Wir Deutschen müssten das ja eigentlich verstehen, wir waren ja schließlich auch einmal getrennt, sagten einige Russen zu mir und schienen eine zustimmende Reaktion meinerseits zu erwarten. So sehr ich immer versucht hatte, die russische Seite besser zu verstehen als einige westliche Medien es tun, war ich in diesem Moment wirklich sprachlos und wusste keine Antwort. Mit so einer Äußerung hatte ich nicht gerechnet. Die Überraschung kam später im russischen Fernsehen: Denn ähnliche Worte wählte Putin auch in seiner Rede zum Anschluss der Krim. Er verglich den Anschluss der Krim mit der Wiedervereinigung Deutschlands.

 

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Ein Hoch auf die Frauen

Ehrlich gesagt habe ich aber von der Politik trotzdem insgesamt relativ wenig mitbekommen, obwohl ich mich in Moskau ja in der Stadt des Kremls befand, dem Machtzentrum des Staates. Denn so politisch interessiert waren die meisten Russen, die ich kennen gelernt hatte, gar nicht. „So lange Putin da ist, ändert sich wahrscheinlich nichts“, war eine vorsichtige Äußerung, die ich des Öfteren hörte, die aber keinesfalls so radikal war, wie die Deutschen reagieren würden. Wichtiger war den Russen beispielsweise am 8. März der Weltfrauentag. Während in Deutschland „alle Jahre wieder“ über Frauenrechte, Emanzipation oder schlechtere Bezahlung von Frauen diskutiert wird, bekommen in Russland die Damen Blumen zum Frauentag geschenkt. Dort ist es ein Feiertag, der sogenannte „Tag der Frauen“ oder einfach nur „8. März“ genannt. Man wird von allen Männern beglückwünscht, bekommt auf der Arbeit Blumen geschenkt und ist als Frau Königin des Tages . Was war nochmal mit Frauenrechten und Emanzipation? Ist ja auch egal!

"Schenkt den Frauen Blumen" heißt es auf diesem Werbeplakat an der Metrostation Puschkinskaja. Foto:  AlphaTangoBravo / Adam Baker - flickr.com

„Schenkt den Frauen Blumen“ heißt es auf diesem Werbeplakat an der Metrostation Puschkinskaja. Foto: AlphaTangoBravo / Adam Baker – flickr.com

Für mich war es anfangs etwas komisch, sich von dem ganzen politischen Hintergedanken zu trennen und die russische Kultur zu erleben. Es gab Tulpen und eine riesige Feier auf der Arbeit. Ganz russisch wurde das Glas erhoben und nicht nur einmal angestoßen. Denn es gibt kein bloßes „Prost“, es wird immer auf irgendetwas getrunken: auf die Schönheit aller Frauen, darauf, dass es Frauen gibt und sie das Leben der Männer so viel besser machen. Und, und, und. Ein Hoch auf die Frauen also!

Nach sechs Wochen in Moskau muss ich ehrlich sagen: ich habe mich in diese Millionenstadt verliebt, gerade weil sie durch ihre Größe so chaotisch und lebhaft ist. Und so unfreundlich die Russen auf dem Weg zur Arbeit in der überfüllten Metro auch gucken, umso liebenswürdiger sind sie in ihrer Gastfreundschaft, zum Beispiel wenn sie einem den Teller auffüllen, wenn man gerade eben erst fertig ist oder auch schon ein neues Getränk einschenken. Irgendwie waren die Russen für mich sehr liebenswürdig, trotz der für uns Deutschen nicht verständlichen politischen Einstellung. Dieses Land hat mit einer wirklich schönen Kultur, die doch sehr anders als die westeuropäische ist, auch mehr zu bieten. Aber erlebt es doch einfach selbst…

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