Duell am Donnerstag: Sotschi boykottieren?


Offiziell heißt es „Gesetz gegen Homosexuellen-Propaganda“: Wer sich in Anwesenheit von Minderjährigen positiv über Homosexualität äußert, muss seit Juni in Russland mit empfindlich hohen Geldtrafen rechnen. Durch den Westen ging ein Aufschrei – und direkt stellte sich die Frage, ob man noch guten Gewissens an den olympischen Winterspielen 2014 im russischen Sotschi teilnehmen kann. Aber: Kann ein Boykott überhaupt etwas bewirken? Ein Duell zwischen Adriane Palka und David Freches.

(Teaserfoto: manwalk / pixelio.de )

pro

Ein Boykott der olympischen Winterspiele in Sotschi ist der beste Weg, um gegen die Diskrimierung von Homosexuellen in Russland zu protestieren.

Sowohl der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck als auch die EU-Justizkommissarin Viviane Reding haben ihren Besuch in Sotschi abgesagt. Prominente wie Sängerin Lady Gaga und Schauspieler Stephen Fry fordern ebenso zum Boykott auf, Musiklegende Cher wies sogar eine Anfrage für einen Auftritt bei der Eröffnungsfeier ab. Homosexuelle russische Aktivisten befürworten ebenfalls einen Boykott. Natürlich wäre das frustrierend für die Sportler, die so lange trainiert haben. Ruhm für ihre Leistungen können sie jedoch auch bei Wettbewerben einholen, die nicht von Menschenrechtsverletzungen überschattet sind.

Kritiker sagen, dass Boykotte nichts bewirken. Sportler sollten doch lieber teilnehmen und bei den Spielen ein Zeichen setzen.

Politische Äußerungen sind für Sportler verboten

Doch so einfach wie gesagt ist dies nicht getan. Das zeigte schon ein Vorfall bei der Leichtathletik-WM, die im August in Russlands Hauptstadt Moskau stattfand. Die schwedische Hochspringerin Emma Green Tregaro protestierte dort gegen das Anti-Homosexuellen-Gesetz, indem sie sich ihre Fingernägel in Regenbogenfarben lackierte. Eine winzige, subtile Aktion – und dennoch erhielt sie deswegen vom Leichtathletik-Weltverband IAAF eine Verwarnung. Die Olympischen Spiele stehen noch viel mehr im Fokus der Öffentlichkeit und auch dort sind politische Gesten oder Äußerungen verboten – wie sollen Athleten also ein Statement setzen? Richtig: Gar nicht.

Fehlende Teilnehmer effektiver als Gesten

Und sollte es ein Sportler tatsächlich schaffen, eine Geste des Protests durch die Sicherheitsvorkehrungen zu schleusen, ist auch nicht sicher, dass die russische Bevölkerung es überhaupt mitbekommt. Nun hat Kreml-Chef Wladimir Putin die führende russische Nachrichten-Agentur „RIA Novosti“ aufgelöst und den Nachfolger „Russland Heute“ gegründet. Zu „Russland Heute“ gehören auch Radio-Sender und Zeitungen. Chef der neuen Agentur: Der Putin-nahe Journalist Dmitri Kisseljow. Der ist unter anderem schon durch die Aussage aufgefallen, die Herzen von homosexuellen Organspendern solle man verbrennen – „weil sie zum Leben nicht taugen“. Eine offene Berichterstattung über eventuelle Proteste von Sportlern oder Gästen erscheint unter diesen Umständen wenig wahrscheinlich.

Eine wehende Regenbogenfahne, die bunt lackierten Nägel einer Sportlerin, Gesten der Solidarität: All dies können russische Medien ausblenden. Fehlende Teilnehmer bei der größten Wintersport-Veranstaltung der Welt jedoch nicht. Dies würde Putins Anti-Homosexuellen-Propaganda mehr schaden als vergebliche Bemühungen in Sotschi selbst. Hoffen wir, dass genug Sportler und Politiker den Mut zu einem Boykott finden.

contra

Mal angenommen, ein Politiker kündigt im Vorfeld Folgendes an: “Ich boykottiere Sotschi, Punkt, Ende, aus.” Dann kann er sich wahrscheinlich der Sympathie einiger Wähler sicher sein, weil diese auf vermeintlich pragmatische Aussagen stehen. Aber wem ist damit geholfen? Niemandem. Ein Boykott macht keinen Sinn. Mahnend den Zeigefinger im Vorfeld heben kann jeder. Vor Ort sein werden die wenigstens. Ein Boykott verbessert die Menschenrechtssituation in Russland nicht. Warum kündigt kein Politiker im Vorfeld an, den russischen Staatsmännern oder Sportfunktionären die Stirn zu bieten? Warum sollten die  Repräsentanten in Sotschi nicht selber auf die Missachtung der Menschenrechte aufmerksam machen? Warum vertraut man nicht darauf, dass sie dort ihren Unmut gegen extrem teure und nicht nachhaltig gebaute Sportstätten, die Ausbeutung von Gastarbeitern oder die Unterdrückung von Homosexuellen zeigen?

Mediale Aufmerksamkeit vor Ort nutzen

Das sind Missstände, für die (noch stärker) eine Öffentlichkeit hergestellt werden muss, und das geht von Sotschi aus besser als vom heimischen Standort. Im Zuge der “Sotschi boykottieren oder nicht?”-Diskussion wird immer wieder folgendes Argument eingeworfen: “Sport sollte nicht für Politik instrumentalisiert werden!” Das ist Schwachsinn. Einzig und alleine der Sport hat die Kraft, die Grenzen von Politik, Religion, Herkunft und sexueller Orientierung zu sprengen. Alle teilnehmenden Olympioniken haben sich jahrelang auf diese Winterspiele vorbereitet. Das sollte respektiert, aber auch als Chance verstanden werden. Viele der Sportler werden wahrscheinlich niemals wieder derart im Medienfokus stehen. Gebt ihnen die Chance, sich kritisch zu äußern, wenn ihnen danach ist. Das sollte Gehör finden – von Politikern vor Ort.

Boykott hilft niemandem

Ich rede nicht von abgedroschenen und unglaubwürdigen Politikerphrasen à la “Innenminister Friedrich und sein Dialog auf Augenhöhe mit der NSA”. Sondern von friedlichem und symbolischem Aktionismus vor Ort. Ein verweigerter Handschlag. Eine gehisste Regenbogenflagge. Ein kritisches Spruchband. Das erzeugt eine viel größere mediale Aufmerksamkeit. Das bedeutet, den Finger in die Wunde zu legen. Und das würde die Veranstalter viel erheblicher treffen, als im Vorfeld angekündigte Boykott-Aufrufe, die de facto noch nicht mal welche sind (Gauck lässt grüßen). Russischen Sportsfunktionären kann es egal sein, wenn der deutsche Bundespräsident nicht anwesend ist. Wenn sich aber Staatsmänner vor Ort erheben, dann müssen sie von den Ausrichtern ernst genommen werden. Ob internationale Politiker den Mut aufbringen, ist unklar. Klar ist nur: Von nichts kommt nichts. Deshalb kann ein Boykott nicht die richtige Lösung sein.

das-duell-feeder Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann

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