Der Breitmaulfrosch: Keine Macht dem Pelz

Breitmaulfrosch Marc

Ob Glitzerbärte, grüne Smoothies oder hippe Fummel aus der Mottenkiste – über Kunst, Lifestyle, Mode und Kultur lässt es sich hervorragend das Maul zerreißen. Besonders gut kann das der Breitmaulfrosch, der in dieser Kolumne über so manch Merkwürdiges wütet – dabei nimmt er kein Seerosenblatt vor den Mund. Wenn er Leute in Pelzkleidung sieht, wird er wütend bis seine Froschhaut zittert.

Der Breitmaulfrosch zeigt gerne, was er hat: Dutzende Warzen, eine hornige Haut und viel Schleim. Doch was im Tümpel gang und gäbe ist, würde in der Zivilisation für einigen Unmut sorgen. Dort trägt man Klamotten – schön und gut. Doch bei einer Sache sieht der Breitmaulfrosch rot – wenn „Sie“ auf den Plan tritt: die Pelzträgerin. Von Individuen auf eine Gesamtheit zu schließen ist selten eine gute Idee, hier jedoch existiert ein eindeutiger Archetyp. Klassischerweise steckt in dem toten Tier eine übermäßig geschminkte Frau 50+ mit ironischerweise tierklauenartigen Nägeln, vorzugsweise blutrot lackiert. Am linken Arm baumelt Versace oder Gucci, am rechten ein gealterter Geldsack. Dass Pelz weder in Mode, noch gesellschaftlich akzeptiert ist, sieht sie nicht – dafür müsste sie ihre hohe Nase senken und sich einfach mal umschauen. Wem dieses Bild noch nicht plastisch genug ist, dem sei folgendes Video ans Herz gelegt – ein glorreich-guter Ausschnitt aus dem Film „Ace Ventura – When nature calls“.

Pelziges Prestige

Für den zivilisierten Breitmaulfrosch bleibt es dann doch nur bei dem Gedanken, es Pelzträgern mal so richtig zu zeigen – wie Jim Carrey eben. Ihn überzeugen vorzugsweise sachliche Argumente: Wenn Urvölker aus Nordsibirien oder Grönland Tiere erlegen und ihr Fell dazu nutzen, um der Kälte zu trotzen, ist das vertretbar, denn es mangelt schlichtweg an einer Alternative. Doch genau die gibt es in weiten Teilen der Erde heutzutage – Stichwort Kunstfell. Dieses kann mit sehr hoher Authentizität günstig produziert werden. Wer also auf die Fell-Optik abfährt, kann sie ganz einfach in so ziemlich jedem Geschäft bekommen – günstig, schnell und vor allem ohne dabei einem Tier zu schaden. Wer wider besseren Wissens nach wie vor zum tierischen Original greift, muss sich darüber bewusst sein, dass er seine Gier nach Prestige über das Leben des Tieres stellt.

Der Breitmaulfrosch richtet sein Glupschauge auch auf die Quelle allen Übels. Laut dem Dachverband europäischer Pelztierzüchter FUR EUROPE gibt es in Deutschland immerhin noch 13 aktive Pelzfarmen. 200.000 Nerze werden dort jährlich gezüchtet, getötet und gehäutet. In Großbritannien und Österreich hat man schon vor Jahren reagiert und Pelzfarmen einen Riegel vorgeschoben. Das Schlachthaus von Europa ist Polen – dort sterben jährlich über 8,6 Millionen Tiere für ihren Pelz. Wo Geld zu verdienen ist, gibt es immer Individuen (in diesem Fall wird das Wort „Menschen“ vermieden, da unpassend), die ohne Skrupel an dem Reibach teilhaben wollen. Hierbei handelt es sich wohlgemerkt nur um die Farmen, die der Breitmaulfrosch über Wasser sehen kann. Bei der geschätzt sehr hohen Anzahl illegaler Farmen trocknet ihm erst recht die Haut. 

Industrie mit Heiligenschein

Selbstverständlich stellt sich die Pelzindustrie vollkommen anders dar. Immerhin: Sie bemüht sich um Transparenz und legt dar, wie die Tiere gehalten werden, was sie zu fressen bekommen, welche Farbvarianten deren Felle aufweisen – und auf welche Art sie letztlich getötet werden. Da überwiegt doch wirklich die Freude als Breitmaulfrosch, nicht auf so einem Haltungsplan zu stehen. Sich als gesellschaftlich eher verachtete Industrie einigermaßen gut zu verkaufen ist schwierig – FUR EUROPE versucht es nichtsdestotrotz. Dabei richten sie ihren Fokus auf das Produkt, das ihnen am meisten Probleme bereitet: Kunstfell. Das sieht dann so aus:

So vergleicht die EFBA Kunstpelz mit Naturpelz.

So vergleicht FUR EUROPE Kunstpelz mit Naturpelz. Quelle: FUR EUROPE

Unabhängig davon, wie authentisch beziehungsweise zutreffend diese Daten sind, was bleibt ist die Frage: Ist das millionenfache Töten von Tieren es wirklich wert, um nahezu ausschließlich Prestige-Gelüste zu befriedigen? Wenn eine Fliege vorbeifliegt, kann der Breitmaulfrosch nicht anders als zuzuschnappen – es liegt in seiner Natur. Der Mensch als Wesen mit ausgeprägtem Bewusstsein und der Anlage zu einem Gewissen sollte jedoch viel bewusster mit Pelzkleidung, aber auch prinzipiell mit tierischen Produkten umgehen. Denn auch die Märkte für Fleisch, Milch und Eier haben Dimensionen einer Großindustrie angenommen – ein mehr und mehr unkontrollierbarer Moloch, der fern von Fairness, Würde und Präzision sein Dasein fristet.

Es ist Zeit, der Pelzindustrie endlich den ganz persönlichen Kampf anzusagen. Da kann jeder helfen. Bereits gekaufte oder geerbte Pelzmäntel sollten am Besten im Schrank hängen bleiben. Sonst wird es schwierig, den Stellenwert von Naturpelz in der Gesellschaft weiter zu senken. Wo kein Käufer, da kein Markt – das sollte das Ziel sein. Wer weiß, vielleicht trägt man sonst eines Tages modische Taschen aus Breitmaulfrosch. Dann bliebe nichts weiter übrig, als abzutauchen…

Beitragsbild: Helena Brinkmann