Das wohl größte Spielzimmer der Welt

Jedes Jahr im Herbst verwandeln sich die Hallen der Messe Essen in ein Spiele-Paradies. Mehr als 850 Neuheiten können Besucher der Spiele-Messe kaufen und ausprobieren – darunter auch ein Spiel, das nur mit dem Smartphone funktioniert. Ein Rundgang mit Bettina Ansorge.

Spiele Fans auf der Spielemesse in Essen

Spiele Fans auf der Spielemesse in Essen Foto: Bettina Ansorge

Der Rundgang durch die Welt der Spiele beginnt in Halle 1 der Messe Essen. Einen Überblick zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Die schmalen Gänge zwischen den Messeständen sind voller Menschen. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als erst einmal mit dem Strom zu schwimmen, bis der Gang etwas breiter wird. Hier in Halle 1 hat unter anderem der Hans im Glück Verlag einen Stand. Er gehört zu den größten Spiel-Verlagen Deutschlands. Es werden sowohl die Deutsche- als auch die Welt-Meisterschaft im Spiel „Carcasonne“ ausgetragen. Das Spiel war 2001 „Spiel des Jahres“ und ist mittlerweile schon ein moderner Klassiker. „Carcasonne“ macht zwar echt Spaß und auch ich baue gerne neue mittelalterliche Welten, doch anderen dabei zuzusehen, macht nicht annähernd so viel Spaß, wie selbst zu spielen. Ich möchte auf der Messe neue Spiele entdecken, ausprobieren und schauen, ob ich etwas Gutes für den nächsten Spieleabend mit Freunden finde.

Spiel des Jahres wird in Essen bestimmt

Da ich zwar einen Messeplan, aber keine Vorstellung davon habe, was mich so an Neuerscheinungen erwarten wird, gehe ich einfach mal zu den Ständen, an denen man die diesjährigen Preisträger für die besten Gesellschaftsspiele ausprobieren kann. Jedes Jahr werden nämlich anlässlich der Spielemesse in Essen der Deutsche Spielepreis verliehen und das Spiel des Jahres gewählt. Der Gewinner des Deutschen Spielepreises wird jedes Jahr ausschließlich von Spielern gewählt. Das passiert schriftlich oder online. Das Spiel des Jahres, unter anderem für Kinder und Kenner, wird dagegen von einer Experten-Jury bestimmt. Die Jury muss dabei auf bestimmte Kriterien wie Familientauglichkeit und Verständlichkeit der Regeln achten. Es lohnt sich  beide Preisträger mal selbst auszuprobieren, um ein eigenes Urteil zu fällen.

Kamelrennen für die ganze Familie

Weiter geht es zum Stand von Pegasus in Halle 3. Den kann man eigentlich gar nicht verpassen, schließlich ist er einer der größten auf der Messe. Der Verlag hat dieses Jahr das Spiel „Camel Up“ herausgebracht. Bei dem Familienspiel müssen die Spieler darauf wetten, welches Kamel wohl das Rennen in der Wüste gewinnen wird. Wie schnell die Kamele sind, hängt von den Würfelergebnissen ab. Da aber der Würfelbecher in Form einer Pyramide immer nur einen zufälligen Würfel ausspuckt, erhöht sich der Glücksfaktor. Bis zu acht Spieler können an dem Kamelrennen teilnehmen. „Ein Familienspiel par excellance“, nennt es die Experten-Jury und kürt es deshalb zum Spiel des Jahres 2014. Für meinen Geschmack spielt beim Wetten auf Kamele aber der Zufall eine zu große Rolle. Da ich lieber plane und taktiere, bin ich generell kein Freund von Würfelspielen und drehe den Kamelen in der Wüste den Rücken zu.

Händler auf dem Basar

Kennerspiel 2014: Istanbul

Kennerspiel 2014: Istanbul Foto: Bettina Ansorge

Am Tisch nebenan finde ich schon eher ein Spiel, das etwas für mich sein könnte. „Istanbul“ ist zum Kennerspiel des Jahres gewählt worden und verspricht damit, etwas weniger auf Glück, dafür mehr auf Strategie zu setzen. Ich stelle mich einfach mal an einen Tisch, wo das Spiel gerade erklärt wird.

Es geht darum, als Kaufmann auf dem Basar in Istanbul unterwegs zu sein und Waren zu kaufen und zu verkaufen. Dafür muss man an den verschiedenen Marktständen Arbeiter zurücklassen, die man am Ende jeder Runde wieder am Brunnen einsammeln muss. Wie, das genau funktioniert, haben die Spieler am Tisch anscheinend noch nicht so ganz verstanden, denn ich sehe nur fragende Gesichter vor mir. Und ich kann die Verwirrung gut nachvollziehen, was aber nicht am Spiel, sondern eher an der , naja, mäßigen Erklärungen der Dame am Stand liegt. Letztlich geht es bei „Istanbul“ darum, Waren oder Geld gegen Rubine zu tauschen. Wer nach etwa einer knappen Stunde Spielzeit die meisten Rubine hat, gewinnt. Insgesamt gefällt mir „Istanbul“ schon deutlich besser als „Camel Up“, reißt mich aber auch noch nicht vom Hocker.

Der Bau der Transsibirischen Eisenbahn

Ich gehe also weiter, zum Gewinner des Deutschen Spielepreises 2014 „Russian Railroads“ aus dem Hans im Glück Verlag. Hier geht es um den Bau der längsten Eisenbahnstrecke zur Zeit des russischen Zarenreiches. Das Spiel ist noch mal deutlich komplizierter als „Istanbul“, jede Runde besteht aus mehreren Phasen, in jeder Phase können andere Aktionen gespielt und besondere einmalige Fähigkeiten eingesetzt werden. Der Verlag bezeichnet das Spiel als „größeres, komplexeres Spiel“, das „leider kein Familien-Spiel“ sei. Um es auf der Spielemesse zu lernen, ist es definitiv zu aufwendig, allein die Erklärung durch die professionellen Spiele-Erklärer vor Ort dauert gut 30 Minuten und dann sind noch längst nicht alle Fragen geklärt. Vor allem nicht die, die sich erst während des fast zweistündigen Spiels ergeben. Bisher ist „Russian Railroads“ aber eindeutig mein Favorit und wenn ich noch einen Platz auf dem Wunschzettel zu Weihnachten frei habe, setzte ich das Spiel vielleicht darauf.

Smart Play – lohnt sich das?

Neu von Ravensburger: Smart Play, hier unterstützt das Smartphone das Spiel Foto: Bettina Ansorge

Neu von Ravensburger: Smart Play, hier unterstützt das Smartphone das Spiel
Foto: Bettina Ansorge

Nachdem  ich  die prämierten Spiele ausprobiert habe,  lasse ich mich weiter durch die Gänge schieben. Mal schauen, wohin die anderen Besucher mich tragen, und was es noch Neues gibt. Am Stand von Ravensburger entdecke ich nicht nur Spiele-Klassiker wie „Memory“ oder „Mensch ärgere dich nicht“, sondern auch ein ganz neues Spiel-Konzept. „Smart Play“ heißt das System, bei dem man sein Smartphone als Unterstützung zum Spiel braucht. Dazu benötigt man zunächst noch ein spezielles Stativ, das man in einem Starter-Set kaufen kann.

Es sieht schon irgendwie komisch aus, wenn auf dem Tisch gleichzeitig ein klassisches Spielbrett und ein super modernes Smartphone-Stativ aufgebaut sind. Für das System „Smart Play“ gibt es bis jetzt vier Spiele, unter anderem ein Quiz namens „Yes or No“. Eine spezielle App auf dem Smartphone erklärt dabei das Spiel und ist gleichzeitig eine Art Moderator. Bei dem Quiz-Spiel finde ich das noch ganz cool, aber ansonsten bin ich doch eher ein Fan von klassischen Spielen mit Figuren, Karten und zur Not auch Würfeln.

Fazit: Entweder Gesellschaftsspiel oder Handyspiel!

Mein Fazit: „Smart Play“ ist zwar eine nette Spielerei , aber dass es sich auf dem Markt durchsetzen wird, wage ich zu bezweifeln. Auf der Messe kommt noch hinzu, dass die Mitspieler alle Kopfhörer tragen müssen, um überhaupt den Moderator im Smartphone zu verstehen. Zu Hause soll es angeblich auch ohne Kopfhörer gehen. Trotzdem, ich bin kein Freund dieses Hybrids: Entweder Gesellschaftsspiel, oder Handyspiel!

Nach mehr als fünf Stunden auf der „Spiel ’14“ bin ich jedenfalls ziemlich müde. Das ganze Gewusel und der Versuch, sich seinen Weg dadurch zu bahnen ist doch echt anstrengend, weil ich zu wenig Zeit hatte, um die Spiele wirklich ausprobieren. Doch ganz so schlecht war mein Messe-Besuch dann doch nicht. Denn im Auftrag eines Freundes habe ich ein Spiel gekauft: „Galaxy Trucker“- das werden wir beim nächsten Spieleabend auf jeden Fall ausprobieren- in Ruhe und ohne Smartphone.