Banker – noch immer ein Traumjob?

„Wirtschaftswissenschaften“, oder noch besser: „Management and Economics“. Wer studiert denn das bloß? In Zeiten der Finanzkrise? Ob gewollt oder ungewollt kommt einem da sicherlich schnell der Gedanke: Aha, der wird mal Banker. Ein Mensch ohne Gewissen. Der viel Kohle hat, aber keine Moral.

„In der Schublade ist man drin, da kommt man nicht mehr raus“, sagt Markus Müller. Er ist 25 und macht derzeit seinen Bachelor an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) in „Management and Economics“. Heute ist er mit drei seiner Kommilitonen an die Fakultät gekommen, um mit pflichtlektuere.com darüber zu sprechen, wie er eigentlich aussieht, der Berufstraum eines heutigen Wirtschaftsstudenten. Ist die Börse ein Traumarbeitsplatz, Banker ein Traumjob? Auch jetzt noch, nach Ausbruch der Finanzkrise?

Markus Müller (l.) und Marco Muschallik studieren Management and Economics.

Markus Müller (l.) und Marco Muschallik studieren Management and Economics. Fotos: Janne Huet

„Mein Berufswunsch hat sich nicht geändert“, sagt Matthias Musholt, 24. „Gegenüber jedem Beruf gibt es Vorurteile. Man wird so oder so einfach abgestempelt.“ Auch wenn er nicht unbedingt eine leitende Position in einer Bank haben möchte – als Wirtschaftsprüfer zu arbeiten, könne er sich genauso vorstellen. Bachelor-Student Markus kann sich jedoch vorstellen, Banker zu werden. „Hinter dem Begriff Banker steckt mehr als nur Finanzgeschäfte“, sagt er. Durch die Krise ergäben sich hier sogar neue Möglichkeiten: „Die neuen Vorschriften führen dazu, dass mehr Leute gebraucht werden.“

Wir haben die Chance, uns einzubringen

„Bankgeschäfte machen“, das könne er sich beruflich vorstellen, sagt Sascha Tobias Wengerek. Da habe die Krise nichts geändert – aber in einem sozialen Feld zu arbeiten, könne er sich ebenso vorstellen. Der 24-Jährige steckt derzeit mitten in seinem Master in „Management and Economics“ an der RUB. In einem Jahr wird er fertig sein. Er hat 2008 angefangen zu studieren, „das war gerade der Anfang der Krise“, erinnert er sich. Er sehe die Krise als „Chance“: „Wir haben jetzt die Chance, uns einzubringen.“ Im Studium habe er gelernt, wie die Krise aufgebaut ist, welche Strukturen und Prozesse dazu geführt haben, was sich jetzt geändert hat, er nennt die Stichworte Basel III und MaRisk, Instrumente zur Bankenregulierung und zum Schutz der Anleger.

Wie es zu der Krise gekommen ist, das haben Marco Muschallik, Markus Müller und Matthias Musholt noch nicht im Studium gelernt – sie stecken noch mitten in ihrem Bachelor und lernen gerade erst die Grundlagen, „Banking and Finance“ etwa. Doch auch sie machen sich ihre Gedanken über die Krise. „Die Krise hat Regulierungen vorangebracht. Das ist positiv“, sagt Matthias rückblickend.

"Die Leute wollen Rendite": Matthias Musholt

"Die Leute wollen Rendite": Matthias Musholt

Doch für das Ansehen der Menschen, die mit dem Bankwesen zu tun haben, hat sie eher Schlechtes gebracht. Nicht jeder, der im Bankwesen arbeitet, ist schließlich Banker oder Börsianer, nicht jeder hat gleich mit Unsummen von Geld zu tun oder setzt das Geld von Bankkunden ein, um mit riskanten Finanzgeschäften zu spekulieren. Trotzdem: Seit Ausbruch der Krise schmeißen viele Menschen das alles in einen Topf.

Das kann Matthias bestätigen: Er hat im Jahr 2007 mit seiner Lehre im Bankwesen angefangen. Und mit Vorurteilen sei er zu Zeiten der Krise oft konfrontiert worden, beispielsweise dass Banker oder auch einfache Bankangestellte wie Matthias, die bei einer Genossenschaftsbank ihre Lehre machten, ihr „Geld verzocken“ würden, erzählt der Student. „Sogar bei ganz einfachen Überweisungen.“ Doch der Coesfelder zeigt Verständnis: „Die Leute hatten einfach Angst um ihr Geld. Gerade ältere Leute, die so eine Krise vielleicht schon mal miterlebt haben.“ Er habe dann versucht, sie zu beruhigen.

Auch Markus hat schon eine Banklehre bei der Sparkasse absolviert. Da habe es von den Kunden oft Seitenhiebe der Art gegeben, dass „Banker alle schlecht“ seien, erzählt er. „Das habe ich auch im Bekanntenkreis gemerkt“, sagt Markus. „Man wird direkt in eine Schublade gesteckt.“

„Banken müssen offener werden“

„Für die Leute ist es einfach, auf Banken einzuschlagen“, sagt Bachelor-Student Marco, 21. „Aber sind denn wirklich nur die Banken schuld?“ Warum, fragt er, hätten die Banken denn solche Freiräume gehabt? Auch die Politik trage Schuld an der Krise. Zu intransparent sei das Bankengeschäft, kritisiert Sascha. „Die Leute verstehen nicht, was Banker tatsächlich tun.“ Er fordert: Die Banken müssen offener werden, mehr kommunizieren.

Und die Proteste auf der Straße, die „Occupy“-Bewegung oder „Blockupy Frankfurt“? „Den Frust kann ich nachvollziehen“, sagt Sascha. „Bei den Bankgeschäften geht es schließlich um Milliardensummen. Und die Proteste zwingen die Politik dazu, über Regularien nachzudenken.“ Auch Matthias schüttelt den Kopf über die Unsummen, um die es bei den Finanzgeschäften geht. „Man muss sich mal überlegen, was Banker verdienen, und was für Geld sie gleichzeitig verbrannt haben!“

"Die Krise hat für mich nichts verändert": Sascha Tobias Wengerek.

"Die Krise hat für mich nichts verändert": Sascha Tobias Wengerek.

„Das sind Extrembeispiele“, gibt Markus zu bedenken. „Bankkaufleute zum Beispiel verdienen nicht viel.“ Auch Marco sieht Positives in den Protesten: „Eine bessere Regulierung der Bankgeschäfte ist ein unheimlich schwieriger Prozess, der über Jahre dauert. Damit der Prozess aber nicht einschläft, brauchen wir solche Proteste. Man sollte nur nicht auf einige wenige einkloppen.“

Doch genau diese Proteste und die Berichterstattung darüber könnten sich negativ auswirken. „Bankgeschäfte funktionieren durch Erwartungen. Und genau die werden durch die Medien und die Politik beeinflusst“, gibt Marco zu bedenken.  „Der Protest verunsichert die Leute“, sagt Sascha.

Erst Sicherheit – jetzt wieder Risiko

Doch auch wir seien schuld an der Krise, wirft Matthias ein – wir alle. „Die Leute wollen doch immer mehr Rendite. Teilweise achten sie nicht mehr drauf, worin sie investieren.“ Die Banken, sagt Marco, böten dann Finanzprodukte, die „die Leute auch haben wollen“ – und die sie selbst irgendwann nicht mehr durchblickten, so Sascha. „Während der Krise hat man gemerkt: Die Leute gingen voll auf Sicherheit“, erzählt Markus. „Aber jetzt ändert sich das wieder.“

„Schon jetzt bieten manche Banken wieder vier Prozent Zinsen für Festgeld. Da fragt man sich doch: Wie machen die das?“, sagt Matthias ungläubig. Auch Sascha sieht für die Zukunft eher schwarz: „Die Gier ist einfach zu groß.“

In risikoreiche Geschäfte haben die vier Wirtschaftsstudenten übrigens nicht investiert, nicht einmal Aktien besitzen sie. „Ich habe zum Beispiel immer noch das klassische Sparbuch“, sagt Marco mit einem Lachen. Vielleicht ist das auch die bessere Methode.

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