Sex and Crime und ernste Grundsatzfragen

Toto und Harry als Jura-Dozenten in Bochum
„Schwarze Schafe und Idioten gibt es überall.“ Das war einer dieser so flapsigen und so wahren Sätze von Torsten „Toto“ Heim, die nicht oft genug gesagt werden können. Gemeinsam mit seinem Partner und Freund, Polizeioberkommissar Thomas Weinkauf alias „Harry“, hatte er am Donnerstag mehr als 500 Studenten in einen der größeren Bochumer Hörsäle gelockt. Auf den Stühlen und auf den Treppen saßen sie, ganz hinten an der Wand standen die letzten paar, die sich reindrängeln konnten. Unten, rund um das Dozentenpult, hatten sich derweil fast zwei Dutzend Reporter versammelt, um den Zusammenprall zweier Kulturen mitzuerleben.

Je eifriger die Gäste, desto ruhiger die Gastgeberin.

Je eifriger die Gäste, desto ruhiger wurde die Gastgeberin. Doch der Nachmittag endete mit der Demolierung des Streifenwagens.

„Die Unterschiede zwischen Theorie und Praxis im Polizei- und Ordnungsrecht aufzeigen“ wolle sie, erklärte Jura-Professorin Dr. Ines Härtel. Die Mehrheit im Hörsaal HMA-10 nahm es interessiert bis achselzuckend hin und freute sich schlicht mit gezückter Handykamera auf den Auftritt der augenscheinlich so simpel gestrickten, sprücheklopfenden „Ruhrpott-Bullen“ Toto und Harry, die in der gleichnamigen Sat.1-Serie sich selber spielen. Hätten die beiden Mittvierziger schon während der Vorlesung gewusst, dass Chaoten auf dem Uni-Parkplatz ihren Streifenwagen demolieren würden – es hätte wohl von beidem noch mehr gegeben: Mehr kernige Sprüche und mehr Appelle an die Vernunft und zur Vermeidung von Gewalt.

Attacke auf Streifenwagen nach der Vorlesung
Beschweren konnte sich jedoch auch so keiner der Zuhörer, denn Toto und Harry waren bei ihrem „Heimspiel“ – sonst fahren sie Streife in der Bochumer Innenstadt – glänzend aufgelegt. Bis, ja bis der Nachmittag so unnötig und sinnlos ein Ende fand. Zwei Männer und ein Frau zerschlugen mit Steinen die Heckscheibe und ein Seitenfenster des Streifenwagens von Toto und Harry, erklärte die Bochumer Polizei. Danach warfen die Täter mit Farbe gefüllte Marmeladengläser in den Wagen. Die Täter konnten flüchten. „Wir kamen ein paar Minuten zu spät“, sagte Toto SPIEGEL ONLINE, und dass die Täter „nicht alle Latten am Zaun“ hätten. Der VW-Bus der bekanntesten Bochumer nach Herbert Grönemeyer hatte nur noch Schrottwert, sodass ein Kollege Toto und Harry vom Campus der Ruhr-Universität abholen muss.

Frontscheibe beschmiert, Heckscheibe eingeschlagen: So richteten Vandalen den Streifenwagen zu.

Frontscheibe beschmiert, Heckscheibe eingeschlagen: Diese Fotos der Polizei Bochum zeigen, wie Vandalen den an der RUB geparkten Streifenwagen von Toto und Harry zurichteten.

Aber der Reihe nach: Um viertel nach zwei betreten die beiden in voller Uniform erschienenen Polizeioberkomissare Toto und Harry den Raum und legen los wie Standup-Comedians. Die Zuhörer sind erwartungsfroh; schon das kurze Vorwort von Jura-Dozentin Härtel („Stellen Sie sich doch bitte kurz vor“) sorgt für Erheiterung im Halbrund. Die Promi-Polizisten lassen zunächst darüber abstimmen, ob die sprichwörtliche „eheliche Pflicht“ zum Sex wohl eine Gesetzesgrundlage hat. Zum Ergebnis halten sie fest: „Aha, ein paar glauben, das gibt es… und ein paar denken also, das ist Quatsch… Und der Rest? Ihr alle, die sich enthalten haben, wisst nicht, was Sex ist!?“ Toto klärt auf: Es gibt sie tatsächlich, im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB). „Paragraph 300-Schlagmichtot“, fügt er hinzu, und dass er nun mal kein wandelndes Gesetzbuch sei. Eine launige Anekdote aus einem der inzwischen drei Toto-und-Harry-Bücher über Nadja, die rehäugige Polizeischülerin und ihren ersten Einsatz am „Eierberg“ (Harry: „Gott weiß, warum das Rotlichtviertel so heißt“) führt zum ultimativen Vergleich zwischen Theorie und Praxis.

Gleich am Anfang viel zu lachen: Toto und Harry mit Gastgeberin Dr. Ines Härtel

Hatten zunächst viel zu lachen: Toto und Harry mit Gastgeberin Dr. Ines Härtel im Hörsaal.

Bei transsexuellen Verdächtigen ist Vorstellungsvermögen gefragt
Kostprobe? In der Theorie dürfen Männer nur von Männern durchsucht werden und Frauen nur von Frauen. Ausnahmen von der Regel seien jedoch erlaubt, wenn akute Gefahr drohe, erläutert Toto: „Bei mir hatte mal eine Lady eine Pistole dabei – da war mir das scheißegal.“ Gemeinsam hatten Toto und Harry auch einen Grenzfall der anderen Art erlebt, der nicht gesetzlich geregelt ist: „Unsere Kolleginnen haben ganz schön geschrien und sich die Augen zugehalten, als eine der Damen des horizontalen Gewerbes sich untenrum als Herr entpuppte…“ Gejohle im Hörsaal. „Ich möchte ja nicht, dass das hier ins Schmuddelige abdriftet“, legt Harry nach. „Aber es passt doch gerade so schön!“

Mindestens genauso passend – und so geradeheraus, wie man sie aus dem Fernsehen kennt – beantworteten beiden Gesetzeshüter die oft kritischen Fragen der Zuhörer. Überschreitet die Sendung „Toto und Harry“ nicht allzu oft die Grenze zum Voyeurismus? Toto gibt zu bedenken: „Nicht nur wenn einer vom Dach springen wollte, wurde die Kamera ausgemacht. Über das komplette Material haben zehn Kollegen drüber geguckt: Der Polizeipräsident, Datenschützer, alle möglichen Leute. Die haben dem Sender gesagt: Da wird geschnitten, hier wird das Gesicht verfremdet… Die Sendung ist manchmal grenzwertig, aber wir haben alles versucht, um den Persönlichkeitsschutz des Einzelnen zu gewährleisten.“  Harry ergänzt: „Es gibt übrigens auch Leute, die einfach ihre fünf Minuten Ruhm wollen. Und andere, die nach der Ausstrahlung beim Sender anrufen und sagen: Wir haben arge psychische Probleme, seit wir zu sehen waren. Aber für 3000 Euro vergessen wir das Ganze…“

Gut 500 Zuhörer erlebten Toto und Harry als Jura-Dozenten.

Gut 500 Zuhörer saßen dicht an dicht, um Toto und Harry als Jura-Dozenten zu erleben.

Ernste Debatten nach Klamauk
Als ein Student fragt, ob die beiden „Fernseh-Stars“ überhaupt noch normal ihrer Arbeit nachgehen können, verknüpft Toto einmal mehr ernsten Inhalt mit rustikaler Sprache und einer trockenen Pointe: „Mir ist scheißegal, ob ich im Fernsehen bin. Ich bin gern Polizist, ich will Freund und Helfer sein. Und wie normal ich arbeiten kann, würdest du schnell merken, wenn du mir nachher in der Stadt auffällst…“

Bald recken sich immer mehr Finger in Richtung Hörsaal-Decke und es wird munter diskutiert. Geht das allgemeine Bestreben deutscher Politiker nach größtmöglicher Sicherheit zu sehr zulasten individueller Freiheiten? Nun, um den Schutz seiner Daten sorgt sich auch Toto. Harry wirft ein: „Wer nix zu verbergen hat, hat auch nix zu befürchten“. Protest-Gemurmel. Auf den Punkt bringt es schließlich Toto: „Der eine ist nun mal ein Korinthenkacker, der nur in Paragraphen denkt. Der andere hat das nötige zwischenmenschliche Feeling. Wenn wir alle gegenseitig auf uns aufpassen, erreichen wir sowieso viel mehr als mit jeder Technik – und ob wir Nacktscanner brauchen, weiß ich echt nicht.“

Ganz still wird es, als das Duo die Frustration und das Gefühl von Hilflosigkeit beschreibt, das sie manchmal überkommt. Etwa im Umgang mit einem hundertfach straffällig gewordenen Seriendieb („drogensüchtig – und vor allem hilfsbedürftig!“) oder wenn mal wieder eine misshandelte Frau die Anzeige gegen ihren Freund oder Ehemann zurückzieht. Oder wenn der Papierkram überhand nimmt oder die Funkgeräte nicht funktionieren. Auch dass die Gewalttätigen nicht immer nur die anderen sind, betont Toto: „Wenn einer bei McDonald’s einem anderen in die Fresse haut, weil der angeblich seine Freundin doof angeguckt hat… – Da kriege ich zu viel!“

Vorwürfe wegen Hörsaal-Räumung und ein Trauma
Und dann kommen sie, die Fragen zur Besetzung der Hörsäle während des Bildungsstreiks. Mal Jurastudenten-neutral, mal vorwurfsvoll mit bitterem Unterton: Wie verhältnismäßig ist denn das, wenn zumindest gefühlte Hundertschaften der Polizei die Hörsäle räumen? Toto und Harry weichen nicht aus, pochen auf (Haus-)Recht und Gesetz und appellieren an die Vernunft der Gegner von Studiengebühren und Bologna-Prozess. „Demonstrieren ist ein tolles Bürgerrecht“, sagt Toto laut. „Und ihr habt tolle Ziele. Aber auf jeder Demonstration sind ein paar Spinner dabei, die nur auf Streit aus sind. Demonstriert weiter, aber gewaltfrei!“ Die nächsten Sätze sagt er leise, doch jeder im Saal versteht sie: „Ich war 1987 bei den Protesten gegen die Startbahn West in Frankfurt dabei. Da wurden zwei Kollegen erschossen. Ist das Irrsinn? Das ist Irrsinn.“

Alle Augen auf Harry.

Als er mit dem Mikrofon ins Publikum kletterte, richteten sich alle Augen auf Harry.

Das betroffene Schweigen weicht langsam Gemurmel. Bald wird es wieder unterhaltsamer, schnell ist es viertel vor vier und die Vorlesung ist zuende. Toto und Harry geben Autogramme – hier aufs Strafgesetzbuch, dort auf eines der Taschenbücher mit ihren Anekdoten. Letzte Fotos werden gemacht und verglichen, man verspricht sich, die Aktion zu wiederholen. Schnell ist der Trubel vorbei, statt mehr als 500 sitzen jetzt nur noch acht Studenten im Hörsaal HMA-10. Wirtschaftswissenschaftler, die Klausur schreiben: „Quantitative decision making“. Es ist vier Uhr, auf dem Parkplatz untersuchen Toto und Harry gerade, was ein Haufen Chaoten von ihrem Dienstwagen übrig gelassen hat. Sie fluchen etwas, dann steigen sie in einen Ersatzwagen und fahren auf Streife.

Was hatte Toto den Studenten im Hörsaal noch zugerufen? „Sie werden zu wenig ernst- und wahrgenommen, dabei sind Sie unsere Zukunft! Verkaufen Sie sich nicht unter Wert, seien Sie selbstbewusst und kritisch, aber vernünftig.“ Er meinte es ehrlich, das konnte man ihm ansehen. Doch wie war das noch, was hatte er hinzugefügt, in einer seltsamen Mischung aus Resignation, Pragmatismus und Trotz? „Schwarze Schafe und Idioten gibt es überall.“

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