Sagen aus dem Ruhrgebiet: Ewige Studenten und zerhackte Zwerge

Das Ruhrgebiet ist sagenhafter, als man vermuten könnte. Dirk Sondermann beschäftigt sich mit Geschichten wie der vom ewigen Studenten Hajo an der RUB oder der Frau ohne Augen – und zwar beruflich. Im Kulturhauptstadtjahr bringen der Erzählforscher und seine Mitstreiter die alten und neuen Sagen aus dem Pott zu Gehör.

Spät abends im Januar, eine Bereichsbibliothek der Geisteswissenschaften in Bochum. Die  Stille wird durch ein kratzendes Geräusch gebrochen. Draußen schreckt eine Krähe von der Fensterbank in die Nacht. Da, eine Gestalt, mehr ein Schatten, huscht durch die Regalreihe außer Sicht. Und drei dicke Bücher sind nicht mehr an ihrem Platz. War das Hajo? Der ewige Student?

Dirk Sondermann vom Institut für Erzählforschung ist Experte für die sagenhafte Seite des Ruhrgebiets.

Dirk Sondermann vom Institut für Erzählforschung ist Experte für die sagenhafte Seite des Ruhrgebiets.

Er soll in Bochum schon seit Jahrzehnten an einer Dissertation schreiben, die er immer auf dem neuesten Stand haben möchte. Weil so viel neue Literatur dazukommt, kann Hajo die Arbeit nie vollenden. So verlor er seine Wohnung und spukt seitdem durch die Gänge. Er wäscht sich auf den Toiletten und verbringt Tag und Nacht an der Uni. „Manche ältere meinen, sie kennen ihn“, sagt Dirk Sondermann, Gründer des Instituts für Erzählforschung im Ruhrgebiet. Sein Projekt „Sagenhaftes Ruhrgebiet“ beinhaltet neben dieser noch viele Sagen aus allen 53 Städten der Region. Sondermann selbst und zwei weitere Erzähler, Publizist und Schauspieler Hartmut El Kurdi sowie Musikerin Jessica Burri, die auch schon Sagen vertonte, tragen die Sagen abwechselnd in den verschiedenen Städten vor. Der wichtigste Teil des Projekts ist der noch unvollständige Internetauftritt.

Für die Sammlung seines neusten Buches, „Die schönsten Sagen des Ruhrgebiets“, konnte er aus seinem reichhaltigen Fundus schöpfen, musste aber auch viel recherchieren. Dafür wühlte er sich systematisch durch staubige Archive, aber auch der Zufall half hier und da. Durch Gespräche zum Beispiel mit Bauern bekam Sondermann sogar direkt mündlich überlieferte Sagen geliefert, auch solche, die bis dahin nie niedergeschrieben wurden. „Sowas ist auch heute noch möglich“, sagt er, während seine Katze unter dem Tisch herschleicht. Inzwischen hat er auch eine stolze Sammlung an Bücher, von denen das älteste aus dem Jahre 1650 stammt.

Zwerg Goldemar sinnt noch immer auf Rache

Bekannt ist zum Beispiel die Sage des Schweinehirten, der die Kohle entdeckt. Oder von dem hartherzigen Bäcker aus Dortmund, der in mageren Zeiten nichts herausrückt, sich vor der Meute mit seinen Vorräten einschließt und dann feststellen muss, dass sein Brot hart wie Stein ist, und sein Wasser zu Blut wurde. Aber auch der unsichtbare Zwerg Goldemar auf der Burg Hardenstein in Witten-Herbede. Dieser spukt nun als Geist herum, da ein Küchenjunge ihm eine Falle stellte. Er streute Erbsen aus, Goldemar rutschte, verlor seine Tarnkappe und war damit sichtbar. Der Küchenjunge zerteilte den Zwerg und bereitete ein Essen aus ihm zu. Wenig verwunderlich, dass dieser nun noch eine Rechnung offen hat.

Wo spukt es?

Spukorte kennt Sondermann auch einige. Hattingen, Bredenscheider Straße, Nummer? Er schmunzelt. „Gegenüber dem Krankenhaus.“ Dort findet eine Untote keine Ruhe. Eine Frau ohne Augen. Sondermann, der schon über 20 Jahre Sagen aufspürt, kennt die Orte oft derartig genau, weil es ihm in seiner Arbeit besonders wichtig ist, die Sagen exakt zu lokalisieren und ihre historischen Hintergründe zu beleuchten. Sagen sind tatsächlich oft historisch verankert. So ging Pfarrer Otto Prein um 1900 den Schatzfeuer-Sagen nach und grub einfach mal. Er entdeckte schließlich ein Römerlager. Auch Troja hielten viele für eine ausgedachte Stadt, bis Heinrich Schliemann sie ausgrub.

Viele sagenhafte Orte wie Hohensyburg in Dortmund oder Burg Blankenstein in Hattingen gehen auch auf vorgeschichtliche astronomische Beobachtungen zurück. Allein 36 Sagen und Dichtungen ranken sich um die Burg Volmarstein in Wetter. „Ein Rekord.“

Charakteristisch für die Sagen im Ruhrgebiet sei die Zusammensetzung. Wandersagen, mittelalterlich verwurzelte Sagen, Geschichten aus der Industrialisierung sowie Bergbau- und moderne Sagen kommen vor. „Krupp ist nicht tot!“ ist so eine moderne Sage, eine Art Ruhrgebietsversion von „Elvis lebt!“ Oder der im Hochofen verunglückte Arbeiter, dessen Geist angeblich für das Flackern der versorgten Laternen verantwortlich ist.

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