Studieren in Ostdeutschland

Volle Hörsäle, gestresste Studenten – und bald erwarten die Universitäten in NRW auch noch die Doppel-Abitur-Jahrgänge. Die Hochschulen scheinen zu explodieren und sind gegen diesen Ansturm von Studien-Neuanfängern kaum gewappnet. Abhilfe könnte von den „Ossis“ kommen. Die Hochschulinitiative Neue Bundesländer wirbt mit ihrem Programm „Studieren in Fernost“ um Studenten aus dem Westen.

Ludger: "Im Osten. Auf keinen Fall. Die Unis haben da einen eher schlechten Ruf und technisch sind die auch nicht so gut ausgestattet." Foto: Lara Schwenner

Ludger: "Im Osten. Auf keinen Fall! Die Unis da haben einen eher schlechten Ruf und die technische Ausstattung ist dort auch nicht so gut." Fotos: Lara Schwenner

Im Osten sieht die Situation ganz anders aus: Der demographische Wandel nach der Wende vor 20 Jahren, sowie gleichzeitge Geburtenrückgange haben an den Universitäten in Ostdeutschland zu einer Studentenknappheit geführt. Im Osten sollen natürlich keine Hochschulen geschlossen werden, weil der Bedarf so gering ist. Gleichzeitig kann man von den Hochschulen in NRW nicht verlangen, dass sie innerhalb kürzester Zeit immens aufrüsten, weil hier die Studierenden-Zahlen so stark steigen. Im Hochschulpakt 2020 von Bund und Ländern wurde als Ziel festgelegt, allen jungen Menschen mit Hochschulzugangsberechtigung einen qualitativ hochwertigen Studienplatz anzubieten. Das könnte geschehen, indem die Studienanfänger besser auf alle Bundesländer verteilt werden – und zum Studieren verstärkt auch nach Ostdeutschland gehen.

Viele Vorurteile

Rebecca: "Das würde bestimmt auch ein paar sprachliche Barrieren geben. Mit den ganzen Akzenten und Dialekten dort ist das bestimmt schwierig." Foto: Lara Schwenner

Rebecca: "Das würde bestimmt auch sprachliche Barrieren geben mit den ganzen Akzenten und Dialekten dort."

Ehemalige DDR, Trabbis und seltsame Dialekte – die Neuen Bundesländer sind mehr als das. Doch das Wissen über Ostdeutschland geht selbst bei jungen Menschen darüber meist nicht hinaus. Das war der Hauptgrund für die Hochschulinitiative Neue Bundesländer, die Kampagne „Studieren in Fernost“ ins Leben zu rufen. „Für viele angehende Studierende ist der Osten einfach sehr weit weg, fast schon wie der ferne Osten. So weit weg zu gehen können sich viele Studenten nicht vorstellen“, erklärt Antje Mutzeck von der Initiative Neue Bundesländer. Der Osten sei für viele das große Unbekannte. Mehr als die Städte Dresden oder Leipzig kennen die meisten nicht. „Da ist die Hemmschwelle eher groß.“ Mit der Kampagne werden nun schon seit fünf Jahren die Universitäten in Ostdeutschland und auch die dortige Studiensituation vorgestellt. Es ist ein bisschen wie Werbung für das Unbekannte. Mit dem Ziel, dass sich angehende Studenten auch über ihren nordrheinwestfälischen Tellerrand hinaus an Universitäten bewerben.

Mit dem Westen auf gleicher Höhe

Ayleen: "Der Osten ist mir zu weit weg. Ich bin sehr Westen – und Ruhrgebiet bezogen. Deshalb würd das für mich nicht in  Frage kommen.“ Foto: Lara Schwenner

Ayleen: "Der Osten ist mir zu weit weg. Ich bin sehr Westen – und Ruhrgebiet bezogen. Deshalb würde das für mich nicht in Frage kommen.“

Dabei ist es auf den ersten Blick nicht verständlich, weshalb so viele Studienanfänger den Osten als Studienort noch nicht einmal in Betracht ziehen. Gerade in dem Aspekt Lebensunterhaltungskosten können die Neuen Bundesländer auftrumpfen. Selbst in großen Städten wie Leipzig und Dresden herrscht keine Wohnungsknappheit, die Mietpreise liegen weit unter dem Niveau von Köln, Düsseldorf und Co. Und auch die Semesterbeiträge sind verschwindend gering – an manchen Hochschulen betragen sie gerade einmal 30 bis 40 Euro.

Was die Studienbedingungen angeht, liegen ost -und westdeutschte Universitäten gleich auf. Das ergab eine eine Studie der DIW econ, Tochtergesellschaft des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Die Lehr -und Betreuungsqualität sind an ostdeutschen Hochschulen also ähnlich wie im Westen. Außerdem sind viele Universitäten sehr modern ausgestattet, „weil sie erst kurz nach der Wende errichtet wurden. Es gibt neu ausgestattete Bibliotheken, Labore und Forschungsräume.“ so Mutzeck. Woher der schlechte Ruf ostdeutscher Universitäten kommt, ist also schwer nachvollziehbar.

West-Ost Mobilität gestiegen

In den letzten Jahren ist der Anteil westdeutscher Studenten in den Neuen Bundesländern kontinuierlich angestiegen. Ob das an der gezielten Werbung durch die Initiative „Studieren in Fernost“ liegt, oder einfach an dem steigenden Druck auf Hochschuleinsteiger einen Studienplatz zu ergattern, ist unklar. Der Hochschulpakt 2020 dürfte dieses

Herdith Wohlgemuth und Antje Mutzeck von der Hochschulinitiative Neue Bundesländer informieren Studienanfänger über die Hochschulen in Ostdeutschland. Foto: Lara Schwenner

Herdith Wohlgemuth und Antje Mutzeck von der Hochschulinitiative Neue Bundesländer informieren Studienanfänger über die Hochschulen in Ostdeutschland.

Ergebnis jedenfalls begrüßen. Sibylle Hünnemeyer von der Agentur für Arbeit aus Dortmund stellt klar, dass mit solchen Kampagnen keine Konkurrenz zwischen West -und Ostdeutschland geschaffen werden soll: „Wir möchten die Studierenden nicht aus Dortmund weglocken. Aber wir möchten Alternativen aufzeigen, wenn es bei der Studienplatzvergabe in NRW knapp wird.“ Sibylle Hünnemeyer betont weiterhin, dass es für Studienanfänger besonders wichtig sei, sich klar zu machen was er studieren will und ob sich dieser Studienwunsch auch mit den eigenen Fähigkeiten deckt. Die Wahl des Studienortes sollte erst der zweite Schritt sein.

Für alle Studenten, die Angst vor Sprachbarrieren haben: Die Universität Leipzig bietet allen Studienanfängern aus Westdeutschland einen Anfängerkurs in „Sächsisch lernen“ an.

2 Comments

  • Jonas sagt:

    Ich bin ursprünglich aus Stuttgart, nun im zweiten Semester in Halle
    Ich muss leider sagen, auch mehr als 20 Jahre nach der Einheit , ist die Ostmentalität mir immer noch fremd ist und komme mit den Ostdeutschen überhaupt nicht klar, so grob ohne jemandem nah zutreten, ich bin froh, wenn ich bald heim kehre.

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  • Michael sagt:

    Ich kann das nur bestätigen: Studium im Osten hat durchaus Vorteile. Ich selbst komme eigentlich aus Dortmund und habe in Dresden studiert. Die sprachlichen Barrieren, die Rebecca im zweiten Bild befürchtet kann ich nicht bestätigen. Klar gibt es hier Dialekte, aber das ist nicht so ausgeprägt als das man hier nicht studieren könnte. Es handelt sich dabei tatsächlich um Vorurteile.Ich finde es gut, dass diese mit der Initiative Fernost abgebaut werden sollen! Beste Grüße Michael

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